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sie noch weiter tun werden? – Antwortet mir lieber kurz und bündig: Was gedenkt Ihr zu tun, wenn ich nun wirklich Ulrich von Strassburg und seinen treuen gefährten, den blonden Hieronymus auf Arbeit in das Kloster sende?"

"Ihr kennt die strengen Regeln des Ordens," sagte der Mönch: "ich werde ihn nur beim Gebete sehen, und wenn ich mit ihm zu sprechen komme, so wird das nicht allein sein."

"Ich kenne die g e l o c k e r t e n Ordensregeln," versetzte der Propst, "und dass es jetzt in den Klöstern nicht so streng hergeht wie ehedem und wie die Welt noch glauben soll, aber doch nicht glaubt: Ihr werdet es schon schlau anfangen, dass ihr mit Ulrich allein zu sprechen kommtIhr werdet darum doch keine Ruhe finden und die seine werdet Ihr ihm rauben."

"Nun denn," antwortete der Mönch aufstehend, "was hinderte mich denn gleich selbst in die Bauhütte zu gehen, ehe ich zu Euch ging, und dort meinen Auftrag zu sagen?"

"Ihr habt das Passwort nicht und hättet keinen Einlass gefunden," entgegnete der Propst.

"Aber der Hüttenmeister wäre herausgekommen," versetzte Amadeus, "und ich hätte mein Gesuch vorgebracht; ich hätte auch draussen warten können, bis Ulrich herauskam, und ihn begleiten; noch mehr: als Ihr vorhin beim Meister Kraft mit seiner Ehefrau scherztet, da sah ich Ulrich draussen beim Lindwurm vorübergehenich hätte auf ihn zueilen können, mit ihm reden, was ich gewollt, ohne dass ich erst meine Bitten bei Euch erschöpfe. Urteilt, ob ich mich bezwingen kann und gehorsam sein, dass ich das nicht tat? Ich weiss auch, dass er beim Rädleinmacher Sebald beim Sonnenbad wohnt, und könnte jetzt zu ihm gehen, statt mit Euch nutzlose Worte zu wechselnwenn ich nicht ein Gelübde und noch mehr: wenn ich nicht seine Ruhe berücksichtigen wollte. Was also habt Ihr noch zu fürchten? Kann ich aufrichtiger gegen Euch sein, als ich es gewesen bin? Verdiente ich nicht dafür, dass Ihr es auch wäret? Geb't mir Gewissheit, und Ihr ersparet mir weiter zu forschen!"

"Ich habe selbst keine Gewissheit!" sagte der Propst nach langem Sinnen und mit sich selbst Ringen; "wie oft soll ich es Euch sagen! Er ist nicht der einzige Oblate, der in jenem Kloster erzogen worden, und ich mag keine Nachforschungen anstellen, die ihm schaden könnten. Ich liebe und achte diesen wakkern Gesellen und erweise ihm meine Gunst, mag er mir nahe stehen oder nicht; es bringt durchaus keinen Nutzen, Geheimnissen nachzuspüren, bei denen wir Gott danken müssen, dass sie es vor der Welt sindmögen sie es auch vor uns sein und bleiben."

"Wohlan!" sagte Amadeus, "so lasst mich Eurem Beispiel folgenich will nur tun wie Ihr und Nichts verraten, was dies alte Herz dabei empfindet."

Er reichte dem Propst seine Hand; dieser nahm sie, stand auch auf und sagte: "Euch selber träfe der grösste Fluch, wenn Ihr Fluch und Schande auf Ulrich brächtet."

"Ich will Nichts als meine alte Hand segnend auf seinen Scheitel legenvielleicht find' ich dann die Ruhe, die mir bis jetzt noch niemals geworden."

"Ich will Euch vertrauen," sagte Kress; "vertraut mir auch. Wie Ihr alles Auffallende vermeiden wollt und müsst, will und muss ich es auch. Morgen in der Hütte werde' ich mit dem Hüttenmeister sprechen, ihm sagen, dass Ihr die geschicktesten Steinmetzen verlangt, und dass es eine Ehre für die sein wird, welche wir senden. Ulrich und Hieronymus sind die besten; wählt der Werkmeister sie selbst und schlägt sie vor, so werde ich freudig beistimmeneinen Vorschlag selbst kann und mag ich nicht machen; ich habe Ulrich schon mehr als einmal gegen seine Neider und Feinde geschütztich werde Nichts tun, was sie vermehren könnte. – Und nun eilt Euch, damit Ihr zur rechten Zeit heim kommt, ehe sie zur Hora läuten. Dem Abt vermeldet meinen Gruss und dass übermorgen die Steinmetzen kommen würden; die Bedingungen wird ihnen der Werkmeister schriftlich mitgeben. – Da, leert noch einen Becher, ehe Ihr in die Winterkälte hinauswandert."

"Auf Ulrich's Wohlund Euch zum Dank!" sagte Amadeus, mit seinem frischgefüllten Humpen an den des Propstes stossend. Dann zog er die Kaputze über sein Haupt, nahm seinen Wanderstecken und verliess das Haus.

Der Propst sah ihn bekümmert nach und überliess sich eine Weile bangen und traurigen Gedanken. Aber es war seine Gewohnheit, denselben nie zu lange nachzuhängen; er schellte der Wirtschafterin und sagte ihr, dass er noch einmal ausgehen werdeer hatte das Bedürfniss sich in heiterer Gesellschaft zu zerstreuen, und die Collegen und Ratsherren, in deren Mitte er sich bald gesprächig und frohgelaunt wie immer bewegte, merkten ihm nicht an, dass er eben eine so ernste und ihn quälende Unterredung gehabt.

Drittes Capitel

Die beiden Baubrüder

An demselben Abend, an welchem die Baubrüder Ulrich von Strassburg und der blonde Hieronymus Gegenstand des Gespräches zwischen dem Propst und dem Mönch gewesen waren, sassen die ersten Beiden wie gewöhnlich allabendlich zusammen in ihrer schlichten wohnung. Die Mutter des Hieronymus hatte ihnen einen grossen Topf Suppe im Zimmer gekocht und nickte fröhlich lächelnd mit dem wankenden kopf