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gerade mit diesem Auftrag zu mir gesendet?"

"Ich rede die Wahrheit," antwortete Amadeus; "ich bin still und fromm geworden, habe Busse getan und verstanden mich selbst zu zähmen, so ist mir der Abt wieder geneigt worden wie vordem. Heute um Mitternacht hatte mich die Pflicht der Busse allein in die Kirche geführtda sah ich das Sakramentshäuslein zertrümmert, und meldete es dem Abt noch zur selben Stunde zuerst und schlug ihm auch vor, dass wir es eilend wollten durch Nürnberger Baubrüder wieder herstellen lassen, und da er weiss, dass Ihr mir gewogen, und da ich der Erste war, der das Unglück gesehen, so gab er mir Urlaub und sandte mich hierher. Und soll ich weiter die Wahrheit reden: der Abt kümmert sich nicht um die Monogramme Euerer Steinmetzgesellen, ich aber kenne das des Einen und bitte Euch: sendet uns den mit dem Zeichen des Kreises, den das Winkelmass durchschneidet."

"Amadeus! was soll daraus werden?" sagte Kress unruhevoll, lehnte sich bekümmert in seinen Stuhl zurück und drehte hastig einen Daumen um den andern an seinen über den wohlgenährten Leib gefaltenen Händen.

"Da Ihr mir keine Gewissheit geb't, will ich sie mir selbst suchen!" antwortete Amadeus.

"Und wenn Ihr sie hab't, so wird sie Euch in's Verderben stürzen!" warnte der Propst.

Der Mönch lächelte: "Dem bin ich so oder so verfallen, daran liegt nicht das Geringste."

"Da habt Ihr recht," antwortete der Propst, "aber mit oder ohne Gewissheit; schon durch Euer Forschen, eine einzige Unvorsichtigkeit, ein verdächtigendes Wort werdet Ihr den edlen Jüngling in's Verderben stürzen, sei er, wer er seidas bedenkt!"

"Ich werde ihn nicht verraten," antwortete Amadeus, "und schon am wenigsten dann, wenn er mein –"

"Halt!" fiel ihm der Propst in's Wort; "Ihr hab't es gezeigt, wie wenig Ihr Eurer mächtig seid! Ich hab' ihm meine Gunst erwiesen, aber nur als wackerem Künstler, und sonst bin ich ihm immer fern geblieben; aber ich habe im Verborgenen über ihn gewacht und ihn geschützt, wo es Not tat. Schon wollte sich der böse Leumund an ihn wagen, schon munkelte man über sein Herkommen und wollte seine Mutter verunglimpfennoch haben ihn die Zeugnisse geschützt, die er mitgebracht, noch glaubt er denselben fest. Er ist stolz und edel und sein Lebenswandel frei von jedem Makel; er ist hochbegeistert für seine Kunst und kennt kein anderes Streben und kein anderes Glück, als ihr zu dienen: nun drängt Euch an ihn, forscht und spähet und macht ihn selber irre an sich selbst und seinem Herkommen, nehm't ihm die Ruhe des Gemütes, den freudigen Stolz auf niedere, aber brave Eltern, auf die Zeugnisse der Benediktinerund Ihr vernichtet in ihm die frohe Kraft des Schaffens, die Zuversicht, die ihn jetzt beseelt; aber noch mehr: findet und bringt Beweise, lähmt seine Hand, seinen Mut, macht ihn zum Lügner und Heuchlernoch mehr: nehmt ihm die ehelichen Eltern, verratet Alles, was ihr jetzt denkt, im halben Wahnsinn vielleicht hofftkaum Tage werden vergehen, und er wird ein Ausgestossener sein aus der Zunft der freien Steinmetzen; Schimpf und Schande wird über ihn kommen, die seine stolze Seele nicht erträgt; mit Fingern wird man auf ihn zeigen, und es wird ihm nirgends eine Freistatt werden für sich und seine Kunst und sein ganzes verfehltes und verunehrtes Leben!"

Anton Kress hatte lange nicht so viel und im Eifer gesprochen; kalter Schweiss stand auf seiner Stirn, und wer ihn jetzt gesehen, der konnte ihm manches vergeben und denken, dass in diesem mann doch ein guter Kern war, an den man nur einmal zu pochen brauchte, so klang er hell und rein, trotz der dichten Hülle alltäglicher Erscheinung, die ihn umgab. In seinen Augen standen Tränen, und während der Ausdruck seines Gesichtes sich drohend auf den Mönch richten sollte, ward er vielmehr angstvoll und flehend.

Dieser starrte vor sich nieder und sagte dann: "Wenn man fünfzehn Jahre im Benediktinerkloster ist, so lernt man sich selbst beherrschen."

"Das ist nicht wahr, Bruder Amadeus, das ist von Euch nicht war!" antwortete rasch der Propst; "denkt, in welchen Zustand Ihr vor andertalb Jahren kamet, da Ihr zuerst ihn wiedergesehen, nur seinen Namen und sein Alter erfahren hattetund als Ihr darauf hörtet: er sei tot!"

"Eben weil ich das nicht vergessen kann!" sagte Amadeus; "es kam zu plötzlichund ich erlag. Seitdem hab' ich gebüsst und mich geprüft, und bin vorbereitet. Aber wie könnt Ihr denken, dass ich etwas tun oder sagen würde, das Ulrich's Dasein vergiften könnte? Ihr habt Ulrika vor mir verborgen, dass ich weder weiss, ob sie noch unter den Lebenden wandelt oder nichtund wenn ein Wunder selbst mir Ulrich zugeführt, so habt Ihr kein Recht, Euch dem entgegen zu stemmen."

Der Propst sah zwar noch kummervoll aus, aber um seinen Mund spielte ein schlaues Lächeln, mit dem er sagte: "Glaubt Ihr wirklich an die Wunder der Heiligen? Die haben wohl auch um Euretwillen das Weihbrodgehäuse umgeworfen? Was bildet Ihr Euch ein, dass