schneien, und der Lindwurm, dem grosse Flocken um den geöffneten Rachen spielten und an seinen Eiszapfen zu weichem Flaumenbart sich ansetzten, sah grimmiger aus als je vorher. Bei diesem Anblick schien die Erbitterung Frau Eva's auf den Propst auf's Neue erregt zu werden, und indem sie, nachdem Herr Ketzel sich entfernt, das Hoftor donnernd zuwarf, murmelte sie leise zwischen den weissen Zähnen: "Der Propst soll auch noch einmal an mich denken! will er mich einmal einen Drachen schimpfen, so mag er auch noch erfahren, dass ich's ihm gegenüber sein kann!" –
Indessen ging der Propst Kress mit dem Benediktinermönch durch das Schneegestöber seiner wohnung zu. Das Wetter war eben nicht darnach, Leute auf die Strasse zu locken, welche nicht gerade die notwendigkeit heraustrieb. Auch die unverdrossenen Nürnberger suchten bei solchem Wetter lieber in ihren Häusern ihre Geschäfte abzumachen, als wie sonst auf Gassen und Märkten sich umherzutreiben. Darum begegneten die Beiden nur Wenige und der Propst sagte zu seinem Begleiter:
"Ich bin neugierig zu wissen, wie es kommt, dass Ihr Urlaub erhalten und was Ihr für einen Auftrag habt?"
Der Mönch sagte mit einem fast verächtlichen bittern Lächeln: "Durch strenge Busse erhielt ich den Urlaub – und mein Auftrag ist allerdings so einfach, dass ich ihn Euch auf offener Strasse sagen kann, auch wenn ganz Nürnberg uns zuhörte: am Sakramentshäuslein in unserer Kirche ist über Nacht der Aufsatz eingefallen und zertrümmert worden; wir brauchen kunstfertige hände, das nicht nur zu repariren, sondern ganz neu wieder herzustellen – aber es soll bald geschehen, damit das Werk zur nächsten Feier wieder würdig vollendet ist. Das ist mein Auftrag an Euch, Herr Propst."
"Hättet Ihr ihn doch gleich in der Werkstatt des Meister Adam Kraft gesagt," antwortete der Propst, "das ist der kunsterfahrenste Mann in solchen Sachen –"
"Nicht doch!" fiel ihm der Mönch ein, "wir wollen in unserer Kirche kein Werk von profanen Händen, wenn es auch jetzt Sitte wird, zuweilen solche Steinmetzen in die Klöster zu berufen; der Auftrag ging an Euch und den Hüttenmeister der St. Lorenzkirche, uns zwei der geschicktesten Baubrüder zu senden – den, dessen Zeichen ein Kreis ist mit einem Winkelmass durchschnitten –"
Es war, als hemme eine plötzlich fallende Schneelavine die eilenden Schritte des Propstes – so blieb er einen Augenblick erschrocken und regungslos stehen! aber es fiel nicht ein Flöckchen mehr vom weissgewölbten Himmel herab, als vorher gefallen, und Nichts liess sich sehen und hören, sein erschrockenes Stillstehen zu veranlassen. Aber er griff jetzt den Mönch heftig unter den Arm, entweder um sich zu stützen oder ihn eilend mit sich weiter zu reissen, und sagte:
"Amadeus! kein Wort weiter davon hier auf der Strasse – das besprechen wir drinnen in der Propstei."
"Ich gehorche," sagte Amadeus; "aber jetzt seht Ihr es: nicht ich bin der Erregte, sondern Ihr seid es."
So gingen sie schweigend und eilend noch die kurze Strecke nebeneinander, bis sie in die Propstei zu St. Lorenz kamen. Der Propst schlug mit dem eisernen Klöppel, der eine kolossale Eichel an einem Zweig von Eichenblättern darstellte, auf ein aus der Tür vorspringendes Eichenblatt gleichfalls von eiserner Arbeit, dreimal rasch nacheinander, und gleich darauf ward die Tür von unsichtbaren Händen geöffnet und sprang eben so schnell hinter den Eingetretenen wieder zu.
In einem hochgewölbten Zimmer des Erdgeschosses loderte ein mächtiges Feuer, hohe Polsterlehnstühle, mit verschossenem braunen Sammet bezogen, standen am Kamin. Herr Anton Kress deutete darauf und sagte:
"Ihr werdet müde sein und habt noch einen weiten Weg zu machen, wenn Ihr vor Nacht zurück müsst."
"Die zwei Stunden bis zum Kloster," sagte Amadeus, "werden mich nicht erschöpfen, wenn ich den Weg hierher nicht vergeblich gemacht habe."
Eine Frau in mittleren Jahren, die Wirtschafterin des Propstes, trat ein, nahm dem Propst seinen Pelzmantel ab und brachte ihm einen Hausrock, blies mit dem Blasebalg in den Kamin, legte neue Scheite auf, warf dabei neugierige Blicke auf den Mönch und schien Lust zu haben, sich allerlei im Zimmer zu tun zu machen, um gegenwärtig bleiben zu können.
Der Propst aber sagte zu ihr: "Bringt uns schnell einen Krug Wein, etwas Brod und Schinken, und dann sehet auf den Boden; mich dünkt, die Fenster standen offen und der Schnee wird sich drinnen häufen."
Ehe nicht die Wirtschafterin wiedergekommen war, das verlangte gebracht und auf einen kleinen Eichentisch am Kamin zwischen den Lehnstühlen zurechtgestellt, auf denen die Beiden Platz genommen, sprachen sie kein Wort zusammen. Erst da sie sich entfernt, sagte der Propst:
"Nun, Amadeus, Euren Auftrag?"
"Ich habe ihn schon gesagt," versetzte dieser; "der hochwürdige Abt lässt Euch sagen, uns zwei der geschicktesten Baubrüder aus der Lorenzer Bauhütte zu senden, noch besser, sie mir gleich mitzugeben. Da im Winter ja doch nur in der Hütte und nicht aussen an der Kirche gearbeitet werden kann, so meinen wir, Ihr könnet sie jetzt entbehren."
"Gleich heute geht das nicht," antwortete Kress unruhig; "ich muss es erst mit dem Hüttenmeister besprechen – – aber jetzt sind wir allein, hier hört uns Niemand, darum jetzt keine unnützen Redensarten mehr: wie hab't Ihr es angefangen, dass man gerade Euch und