wagt, da muss er immer sich Allerlei gefallen lassen – statt Hahn im Korbe zu sein, ist man der Hirsch, den die Windspiele umzingeln und ankläffen."
Zweites Capitel
Propst und Mönch
Auf dem Steig bei den zwölf Brüdern standen mehrere niedere Gebäude durch einen grossen Hof verbunden. Vor dem Eingang am grossen Hoftor, über dem sich ein zierlicher Spitzbogen mit durchbrochener Arbeit erhob, befand sich ein steinerner Lindwurm, der aus seinem weiten Rachen wasser spie, das auch jetzt im Winter lustig daraus hervorquoll, nur dass es da und dort am rand des Wasserbeckens, wenn es über dasselbe plätscherte, zu seiner kunstreichen Steinmetzenarbeit noch spitze Zapfen von Eis ansetzte und auch den Rachen des Ungeheuers mit einem Bart von silberhellglänzenden Eisfasern umgab, dass es dadurch eine noch einmal so drohende Miene erhielt.
Drinnen im Hof, ein langes Gebäude rechts war die Werkstatt des Meisters Adam Kraft. Hier arbeitete er umgeben von seinen Gesellen und Knechten. Eine grosse, glatte Steintafel lehnte vor ihm, an der er fleissig feilte, um Figuren in Lebensgrösse als Hochbilder daran herauszumeisseln.
Neben ihm standen Herr Martin Ketzel und der Propst Anton Kress. Ersterer, der bei ihm die sieben Fälle Christi in ebenso vielen einzelnen Steintafeln und zwei Kapellein bestellt hatte – eine so grosse Arbeit, dass sie leicht mehrere Jahre bis zu ihrer Vollendung erfordern konnte, war gekommen, um einmal nachzusehen, wie weit sie vorgeschritten, und hatte auch den als Kunstförderer bekannten Propst dazu mitgebracht. Adam Kraft hatte ihnen die beiden fertigen Hochbilder gezeigt, lächelnd ihr Lob vernommen, ohne selbst viel dazu zu sagen, und jetzt fuhr er in seiner Arbeit fort, um den Besuch seiner gönner sich weiter nicht kümmernd.
Neben ihm stand sein neuester Handlanger, ein Bauernknecht aus dem nächsten dorf, den man nicht anders als den Riesen-Jacob nannte, so gross und stark war sein Gliederbau. Meister Kraft hatte ihn kürzlich bei seiner Werkstatt vorübergehen sehen und ihn gefragt, ob er sich von ihm wolle zum Handlanger dingen lassen? Da es im Winter für den Knecht keine Arbeit und schlechte Zeit gab, so nahm er das Anerbieten für diese Zeit an. Er hatte gemeint, er sei gewählt worden, weil er wohl fünf für andere starke Männer Körperkraft besass und mit Leichtigkeit grosse Steinblöcke da und dortin tragen konnte, die Andere nur mühsam fortzuwälzen vermochten; indess erstaunte er nicht wenig, als der Meister nur selten solche Leistungen von ihm verlangte, dafür ihn aber oft an seine Seite nahm, und indess er selbst die kunstreichsten Formen in den Stein trieb, dem Riesen-Jacob mit der grössten Genauigkeit zeigte und erklärte, wie man selbst das mache und wie er versuchen müsse, ihm das nachzutun. Der rohe Bauernbursche, der nur mit Ochsen und Pferden umzugehen verstand, Bäume zu fällen, und in zeiten, wo die Ritter ihren Untertanen und Hörigen die Ochsen geschlachtet und die Pferde entführt hatten, um sie bei ihren Raubzügen oder im Kriegsdienst zu verwenden, wohl auch selbst am Pfluge ziehen musste – der verstand kein Wort von dem, was ihm der Meister sagte, lachte nur und wagte kaum einen rohen Versuch, den Meissel in den Stein zu treiben.
Die ihm nahe stehenden Steinmetzgesellen aber lächelten einander zu und merkten hoch auf, denn sie wussten: so war einmal ihres Meisters Art. Nie war er dahin zu bringen, Einem von ihnen, der bei ihm lernte, etwas ordentlich zu zeigen und mit seinen Gesellen über seine Arbeit zu sprechen; aber von Zeit zu Zeit mietete er sich einen unwissenden Bauernknecht als Handlanger, und dem zeigte er alle Dinge, als ob er den kunstbegierigsten Steinmetzen vor sich hätte – so ward es auch jetzt.
Meister Kraft hatte eben zur Abwechslung und um seine rechte Hand ruhen zu lassen, den Meissel einmal in die linke Hand genommen, mit der er in gleicher Weise geschickt zum arbeiten war, als sich die Tür öffnete und die Frau Meisterin, mit vielen Knixen vor dem Propst, und Herrn Ketzel, einen BenediktinerMönch in die Werkstatt geleitete.
"Der fromme Vater da," sagte sie zu dem Propst, "hat Euer Hochwürden schon überall gesucht, bis man ihn hierher gewiesen, indem man ihm gesagt: er würde Euch bei dem Drachen finden!"
"Ei, ei," sagte der Propst, der immer zu einem Spässchen aufgelegt war und die Worte dabei nicht wog, oder auch seinen Witz dann für den gelungensten hielt, wenn er damit andere Personen in Verlegenheit bringen konnte, man hat dem frommen Bruder gesagt, dass er mich bei einem Drachen fände, und da ist er gleich auf den Einfall gekommen, mich bei der Frau Meisterin zu suchen? – Was meint Ihr dazu, Meister Kraft? wie ist es mit dem Hausdrachen?"
Der Riesen-Jacob lachte unmässig, und auch die Gesellen hatten Mühe sich das lachen zu verbeissen, die Lehrlinge konnten ein leises Kichern nicht unterdrücken; alle wussten wohl, dass der Meister seit zwei Jahren erst mit dieser seiner zweiten Frau verheiratet in der glücklichsten Ehe lebte, aber auch dass, seitdem sie in das Haus gekommen, ein schärferes Regiment darin eingeführt worden. Die Lehrlinge mussten manche Hausarbeit verrichten helfen, kehren, schwemmen und räumen, denn im ganzen Gehöfe wie im Haus und überall duldete sie keine Unsauberkeit und verbannte sie auch aus den verborgensten Winkeln; den Gesellen rechnete sie auch die Freistunden pünktlich nach, und hielt es ihnen vor, wenn einmal einer über den Durst getrunken oder sonst einen