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andern Männern die gleichen Erfahrungen erwarten sollte. Einem schönen, eitlen und heissblütigen mann wie Stephan traute sie nur so lange Ausdauer in seiner Neigung zu, als das Weib, das seine leidenschaft erregte, ihm nahe war und nicht andere verführerischere Frauen ihn lockten. Aber nimmer hätte sie Ursula's Herz in ähnlichen Besorgnissen bestärken mögen, sie trachtete darnach ihr so lange als möglich das Schreckliche zu ersparen, woran gerade stille und tiefe, reine Frauengemüter zu grund gehen. Bei solchen Betrachtungen musste sich Elisabet selbst gestehen, dass sie trotz ihrer geistigen Kraft und ihrer erheuchelten stolzen Ruhe auch zu den Zugrundegegangenen gehörte, weil sie nicht mehr an das Ideal zu glauben vermochte, weil sie in zweifelhaften Fällen eher das Schlechte und Schlimme voraussetzte, als das Gute und Angenehme.

Kam nun wirklich König Max zu einem Reichstag in nächster Zeit nach Nürnberg, so war weit eher zu erwarten, dass bei dieser gelegenheit Ursula's Geschick entschieden werde, als das von Krieg oder Frieden im deutschen Reich, oder was immer der Kaiser von den zähen Reichsfürsten und dem schleppenden gang der Verhandlungen fordern mochte.

War Stephan treu, so würde er nicht verfehlen, im Gefolge des Königs sich wieder in sein Vaterland zu begeben, sei es auch nur für die Dauer des Reichstages. blieb er aber ohne genügenden Grund aus, den man wohl von irgend einem seiner gefährten erfahren konnte, so bestätigte dies seine Treulosigkeit; denn für so schlecht hielt ihn keine der Frauen, dass er kommen werde, um noch durch seine Gegenwart sein unschuldiges Opfer zu verhöhnen.

Wie natürlich, dass diese erste Nachricht von der baldigen Anherkunft des Königs einen ganzen Sturm von Empfindungen in Ursula erregte. Hatte sie doch auf die Huld dieses gütigen und ritterlichen Königs ihre ganze Hoffnung von da an gesetzt gehabt, wo er im Tanze sie ausgezeichnet und ihr sein Wort gegeben, nicht anders denn zu ihrer Hochzeit mit Stephan Tucher wieder zu kommen, infern sie einander nur Treue bewahrten, und wenn sie sich auch immer sagte, dass ein so viel bewegter Monarch mehr zu denken und zu tun habe, als um das Geschick eines Liebespaares sich zu bekümmern, so hoffte sie doch sonst, dass, wenn Stephan in des Königs Geleit zurück nach Nürnberg käme und dieser, wie er versprochen, in Scheurl's haus wohne, so werde Elisabet wohl gelegenheit finden, ihre Schützlinge seiner Gnade zu empfehlen. Wie würde sich Stephan beeilen ihr seine Rückkehr, seine Hoffnungen zu melden! – hatte Ursula vorher gedachtund jetzt schwieg er, wie er seit einem halben Jahre geschwiegen! –

Ausser den Regungen teilnehmender Freundschaft waren es noch Gefühle ganz anderer Art, welche bei dieser Nachricht Elisabet ergriffen.

Wenn König Max wiederkamwürde er auch derselbe sein wie vor ziemlich zwei Jahren? Damals kam er eben aus den Niederlanden, ein sieggekrönter Fürst, der einen ehrenvollen Frieden geschlossen. Er kam nur nach Nürnberg, die alte freie Reichsstadt zum ersten Male zu begrüssen, er lebte unter ihren Bürgern harmlose festliche Tage, gefeiert und geehrt von Allen, und sie wieder ehrend durch sein leutseliges Wesen und die frohe Art, wie er sich unter sie mischte, mit ihnen gemeinschaftlich freute.

Wie anders jetzt, wenn er Reichstag hielt! Da würden alle Fürsten und Herren, alle Grossen des Reichs ihn umgeben und von den Nürnberger Bürgern trennenschien doch der Senat ihn schon zu grollen, weil er nur die Fürsten und nicht die Abgesandten der Städte geladen: – es war eine Zurücksetzung, die gerade den Bürgerstolz am tiefsten verwundete. Auch in Elisabet lebte der gleiche Stolz, der sich dagegen empörte. Wie oft sie auch die angenehmen Tage zurückgewünscht hatte, an denen König Max in Nürnberg weilte und ihr die ritterlichsten Aufmerksamkeiten widmetetausendmal lieber wollte sie ihn nie wiedersehen, als wiedersehen und von ihm übersehen werden. Sie war immer stärker ein Unglück zu ertragen als eine Demütigung, welche sie dem spöttischen Lächeln ihrer Feindinnen und Neiderinnen preisgab.

Die Sorgen des Reichstages mussten jetzt auf dem König lasten und noch schlimmere. Zwar hatte er seine Erblande wieder, aber er hatte doch den weiteren Eroberungszug nach Ungarn aufgeben müssen. Schlimmere Sorgen aber waren in seinen eigenen Familienangelegenheiten erwachsen. Nicht nur der Zwist zwischen dem Vater und dem SchwagerHärteres hatte Max persönlich betroffen. Er hatte sich inzwischen um die Hand der Herzogin Anna von Bretagne beworben, und während er in Ungarn beschäftigt war, hatte er sich mit ihr durch Procurationder Prinz von Oranien war sein Stellvertreterzu Rennes trauen lassen. Aber am französischen hof liess man sich durch diesen Schein der Ehevollziehung nicht abhalten, an Verhinderung des Unglücks zu denken, das durch Gründung eines fremden Fürstenhauses im Herzen der Monarchie herbeigeführt werden musste, und fasste deshalb den Plan, Anna mit König Karl von Frankreich selbst zu verheiraten, obwohl dieser schon seit seiner Kindheit mit Maximilian's Tochter, Margareta von Burgund, verlobt war. Karl wusste Anna endlich zu vermögen, um ihr Land und ihr kleines deutsches Hülfsheer zu retten, sich ihm zu ergeben und am 6. November 1491 den Heiratsvertrag mit ihm zu unterzeichnen. Im December erfolgte die päpstliche Lösung ihrer Verbindung mit Max. So erscholl eben jetzt durch ganz Europa das Volksgeschrei, der König von Frankreich habe dem römischen Könige seine Gemahlin entführt und seine Tochter verstossen. Maximilian's Aufbrausen bei der Nachricht von der ihm zugefügten Beschimpfung kannte keine Grenzen, und da seitdem erst nur kurze Zeit verflossen war, so konnte man wohl denken,