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, sagte er, dass der Kaiser einen Tag nach Nürnberg ausgeschrieben, aber nur die Fürsten und nicht die Städte dazu geladen. Näheres erfuhr ich nicht und setzte meine Hoffnung wie immer auf Dich."

Elisabet seufzte und legte liebend ihren Arm um die ihr vertraute Freundin, der sie schon lange keinen freudigen Trost mehr zu geben vermochte und auch jetzt deren Hoffnung nicht rechtfertigen konnte.

Seit Stephan Tucher den Fahnen des Königs Max gefolgt war, hatte er Anfangs an Ursula so oft geschrieben, als es im feld und in der damaligen Zeit, wo die Briefe immer nur einer zufälligen und unsichern gelegenheit anvertraut werden konnten, eben möglich war. –

Nachdem König Matias von Ungarn Anfang April 1490 plötzlich in Wien gestorben war, hatte König Max den Krieg um seine östreichischen Erbländer begonnen. Am neunzehnten August hatte er seinen feierlichen Einzug unter dem jubel des volkes in Wien gehalten, unter Lobgesängen in der St. Stephanskirche dem Herrn der Heerschaaren gedankt und auf offenem Markt die Huldigungen des Rats und der Gemeinde empfangen. Diesen glorreichen Tag hatte Stephan an Ursula geschildertaber seitdem hatte sie keine Nachricht wieder von ihm erhalten. War er in der Schlacht gefallen? war er ihr untreu? hatte er sie vergessen?

Das Erstere war wohl möglich, denn König Max war mit bairischen Hülfsvölkern in Ungarn selbst eingebrochen, um auch dieses zu erobern, und hatte am ersten November selbst Stuhlweissenburg, die Krönungs- und Begräbnissstadt der ungarischen Könige genommenda konnte wohl Stephan mit bei dem Sturme gefallen sein. Aber von zurückkehrenden Nürnbergern, die auch mit unter den bairischen Hülfsvölkern gewesen, hörte sie, dass er noch am Leben sei. Aber Keiner brachte ihr einen Gruss von ihm. Freilich waren diese Rückkehrenden eigentlich Ausreisser aus dem bairischen Heere; denn in diesem war zwischen Reiterei und Fussvolk Streit über die Teilung der gemachten Beute entstanden, so dass das Fussvolk, als es weder von dieser den gewünschten grösseren Anteil, noch den rückständigen Sold ausgezahlt erhielt, rottenweise davon zog, wodurch der König sich genötigt sah, sein Vordringen nach Ofen aufzugeben und sich nach Oestreich zurückzuziehen. Schwerlich würde der ritterliche, dem König ergebene Stephan mit denen, die den König verliessen, gemeinschaftliche Sache gemacht haben. Allein jetzt war dieser nach Wien und dann nach Linz zurückgekehrt zum alten Kaiser Friedrich, der im October die Reichsacht über Regensburg ausgesprochen, das sich an den Herzog Albrecht von Baiern angeschlossen, der gegen des Kaisers Willen sich mit dessen Tochter Kunigunde vermählt, die der Vater deshalb verstossen. Indess sich Max jetzt bemühte hier ein Friedenswerk zwischen dem Vater und dem Schwager zu stiften, während Friedrich die hülfe des Schwäbischen Bundes und des Löwlerbundes für sich wünschte, hörte Ursula, und zwar von Stephan's eigener Schwägerin Eleonore Tucher, die bei einer festlichen gelegenheit mit ihr zusammenkam, dass es Stephan in dem lustigen Wien sehr wohl gefiele, dass er ihrem Gatten geschrieben, wie es nirgend schönere Frauen und freiere Sitten gebe, wie dort, und dass es sich da gar angenehm von den Strapazen eines gefahrvollen Feldzuges ausruhen lasse.

Anfangs suchte Ursula für diese Nachricht Trost in der Hoffnung, dass dieselbe gefälscht sei, und bat Elisabet um ihren Beistand, ihr den Brief oder doch Gewissheit über seinen Inhalt zu verschaffen. Wirklich erhielt ihn Elisabet durch ihren Gemahl von Anton Tucher. Eleonore hatte Nichts hinzugesetzt oder erlogen: im Gegenteil, der aus Wien datirte Brief entielt, was sie gesagt, noch begleitet von den rohen Ausdrücken und schmutzigen Spässen, welche damals, besonders unter der Männerwelt üblich waren. Das war der Brief eines lebenslustigen Mannes, der an jeden Genuss sich hingiebt, welchen der Augenblick bietet, unbekümmert, ob derselbe mit den grundsätzen der Sittlichkeit sich vereinen lasse, unbekümmert, ob daheim eine treue sehnsüchtige Geliebte seinen Schwüren vertraut und kummervoll die Stunden zählt, bis sie einen Gruss von ihm empfängt.

Elisabet wollte Ursula gern die bitterste Kränkung ersparen, und sagte ihr nicht, dass sie selbst diesen Brief gelesen, aber doch dass ihr Gemahl das von Eleonore Gesagte bestätigt. Indess fügte sie hinzu, es könne ja sein, dass Stephan seinem Bruder nur darum in einem solchen Ton geschrieben, um ihn und seinen Vater glauben zu machen, dass er Ursula aufgegeben und vergessen habe, da sie sich ja immer diesem verhältnis widersetzt. Wie gern auch Ursula diesem Trostgrund Eingang in ihr banges Herz vergönnte: es blieb doch immer die Frage, warum er ihr nicht geschrieben, da doch sonst seine Briefe sie immer erreicht und sich noch stets gefällige Liebesboten gefunden hatten. Nur einmal war ein Brief von ihm verloren gegangen, aber das immer erwartend, hatte er wiedergeschrieben; so war dies auch ein Trost wohl für einige Wochen, auch Monateaber nicht für ein halbes Jahr, wo er nicht mehr im Kampfe, sondern näher war und andere Briefe von ihm nach Nürnberg gelangten.

Und Elisabet war auch eine Trösterin, welche selbst nicht glaubte, obwohl sie den Grundsatz hatte, jeden schönen Traum in anderen Herzen so lange als möglich fortzunähren, da die Enttäuschung und das Leid immer zu früh genug komme; sie wusste, dass für ein liebendes weibliches Gemüt der peinlichste Zustand des Schwankens zwischen Furcht und Hoffen immer noch besser sei, als die entscheidende Gewissheit von der Unwürdigkeit und Untreue des geliebten Gegenstandessie konnte so aus Erfahrung empfinden! aber ihr eigenes Herz war ja selbst zu sehr verletzt worden in seinen heiligsten Empfindungen durch den Verrat eines Mannes, als dass sie nicht auch für andere Mädchen und von