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den Schein des Glückes bewahren, auch wo sie dieses selbst als verloren erkennen, um sich so wenigstens vor dem Mitleid zu sichern, das sie wie eine Schande empfinden, wenn die Lebensschicksale, welche es hervorrufen, nicht, wie z.B. schmerzliche Verluste durch den Tod, Sendungen einer höheren Macht sind, sondern Folgen eigener und fremder menschlicher Handlungen.

über ein Jahr war vergangen, seit sie auf's Neue das Opfer eines Complots hatte werden sollen, das Eberhard von Streitberg gegen sie eingeleitet. Die Erschütterungen, welche damit verbunden waren, das plötzliche Wiedersehen, der Schrecken, die ganze nächtliche Scene eines blutigen und ungewissen Kampfes, wohl auch der lange Aufentalt nach solcher Erregung im feuchten wald und der nächtlichkalten Luftdazu der Entschluss, vor wie nach über Eberhard von Streitberg zu schweigen und das, was er ihr einst gewesen war, und dabei doch die Furcht, Alles, was ihr Stolz jahrelang verschwiegen, verraten zu sehen; die Anstrengung, um das demütigende und schmerzende geheimnis zu bewahren, alle verfänglichen fragen zurückzuweisen, auch der Kummer und die sorge um die doch nur um ihretwillen im Gefecht Verwundeten oder Erschlagenenobwohl damals ein nach dem Recht des Stärkeren gemordetes Menschenleben selbst auf ein zartes weibliches Gewissen nicht mit so zermalmender Qual fiel, wie in späteren menschlicheren, zu höheren Anschauungen und reinerer Sittlichkeit geläuterten Jahrhunderten: so war dies Alles vereint doch genug, mit Elisabet's Seele auch ihren Körper zu ergreifen und sie auf das Krankenbett zu werfen.

Herr Scheurl hatte sich beeilt, alle gelehrten ärzte und Wunderdoctoren Nürnbergs um ihr Lager zu versammeln, so dass sie der eine mit seinen Mixturen und Salben immer mehr quälte als der andere, der eine ihr am Fuss, der andere am Arm zur Ader liess, so dass sieDank ihrer guten natur, aber wahrscheinlich trotz der Kunst der ärztezwar mit dem Leben davon kam, aber doch erst, als es draussen wieder Lenz ward, sich nach Monden voll Fieber und Qualen wieder zu erholen begann. So war ihre Krankheit auch die natürliche Ursache, dass sie, in der ersten Zeit völlig bewusstlos und dann nur mit ihren Angehörigen und der Dienerschaft in Berührung kommend, weder irgend eine Aufklärung über das gegen sie geschmiedete Complot erhielt, noch einem ähnlichen zum Gegenstand dienen konnteund später wollte sie selbst lieber Alles vergessen wissen, als noch durch fragen daran erinnern. Noch ehe sie selbst erlag, hatte sie den berühmtesten Bader zu den verwundeten Baubrüdern gesandt, und er hatte ihr die Nachricht gebracht, dass der eine leichter verwundet sei, der andere aber, Ulrich von Strassburg, sehr gefährliche Wunden habe, ohne Bewusstsein sei und wahrscheinlich sterben werde. Die Mutter des blonden Hieronymus, bei dem er wohne, pflege ihn, wenn der Baubruder in der Hütte arbeite. "Für mich gestorben!" hauchte Elisabetund von da an verlor sie die Besinnung. Anfangs, in ihren Fieberphantasien war sie immer mit Ulrich beschäftigt, sah ihn verwundet vor sich liegen, betete bald für ihn als ihren Retter, und schalt ihn bald, dass er sich überall in ihren Weg dränge, nur um sie zu demütigen, sie wieder an die Schmach zu erinnern, die er ihr bereitet, als er die Rose aus ihrer Hand auf das Judenmädchen warf. Allmälig jedoch, wie das Fieber nachliess, schienen diese Bilder und Erinnerungen zu schwinden, ja sie es sorgfältig zu vermeiden, durch irgend etwas wieder an die Ereignisse jener Nacht gemahnt zu werden. Es schien ihr am Angemessensten, ihre Umgebung glauben zu machen, als habe sie dieselben wirklich ganz und gar vergessen.

Jetzt, im Januar 1491 ist jede Spur der langen Krankheit von ihr verschwunden. Hat ihr edles Antlitz noch nicht ganz die frühere Frische und ihre majestätische Gestalt die frühere Fülle wieder erlangt, so erscheint ihre Schönheit dadurch nicht beeinträchtigt, dass der Eindruck, welchen sie jetzt macht, mehr ein geistig erhebender als ein sinnlich verlockender ist.

Vielmehr als sie selbst schien ihre Freundin Ursula Muffel in dieser Zeit gelitten zu haben, welche jetzt zu ihr in das Zimmer trat. Ihre sanften Züge drückten Leid und sehnsucht aus, und ihren Augen sah man es an, dass sie manche kummervolle Nacht durchwacht und manche Träne vergossen.

Die neue Glocke auf dem Turm der Sebaldskirche hatte nicht lange zwölf Uhr geschlagen, als Ursula zu Elisabet kam. Die übliche Zeit des Mittagessens war bei den Vornehmen wie bei den Handwerkern gleicherweise elf Uhr, und da man sich für gewöhnlich auch in den reichsten Häusern auf wenige Gänge beschränkte, dafür nur wenn Gäste zugegen waren oder bei ausserordentlichen festlichen Gelegenheiten die Gänge in's Unzählige steigerte und oft gleich von Abend bis zu Mittag bei Tische sass, so war eine gewöhnliche bürgerliche Mahlzeit in einer Stunde beendet. Um Ein Uhr pflegten sich an den bestimmten Tage die Stickerinnen bei Elisabet zu versammeln.

Ursula sagte Elisabet begrüssend: "Ich komme früher als die Andern, weil ich von Dir hören wollte, ob es wahr ist, dass für den nächsten monat ein Reichstag hierher ausgeschrieben ist und ob König Max auch mitkommen wird?"

Elisabet's Augen leuchteten bei dieser Nachricht. "Ich habe noch Nichts davon gehört," antwortete sie; "aber mein Gemahl ist unwohl und heute nicht zu Rat gegangen. Hat Dein Vater diese Nachricht von dem Rataus mitgebracht?"

"Ja," versetzte Ursula; "er kam entrüstet heim, und da ich ihn nach der Ursache seines Aergers fragte