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Zweiter Band

Erstes Capitel

Gobelins

Die kalten Strahlen einer halbverschleierten Wintersonne brachen sich auf den Eisflächen der Pegnitz. Frisch gefallener Schnee lag auf den Dächern von Nürnberg, schmückte die zierlichen Giebelkanten mit glänzendweissem Besatz und wölbte über jedes Chörlein noch einen zweiten Baldachin, so weich und anschmiegend, als sei er aus sammetener Decke gewoben. Aus den Essen wirbelte grauer Rauch empor, am dichtesten aus den hohen Schornsteinen der Giesshütten.

In dem mit Marmor und Eisengittern von durchbrochener Giessarbeit verziertem Kamin in Elisabet Scheurl's Wohnzimmer brannten grosse Eichenknorren, um den weiten Raum mit behaglicher Wärme zu erfüllen.

Die Tür des Nebenzimmers stand offen und auch darin loderte ein prasselndes Feuer. Dies Gemach erschien zu einem Arbeitszimmer umgeschaffen. An der Wand befand sich eine grosse Holztafel, auf deren himmelblauem Grund eine Auferstehung Christi gemalt war. Der Engel des Herrn sass im leuchtenden Gewand im grab, die Jünger und Frauen standen bestürzt davor, zur rechten Seite zeigte sich der Auferstandene, die ganze Gestalt vom goldenen Heiligenschein umflossen. Die Farben waren sehr bunt und lebhaft, die Gestalten lang gezogen und eckig, aber einzelne Gesichter von sprechendem Ausdruck. In der im Vordergrund stehenden Maria Magdalena erkannte man ohne Mühe Elisabet's Conterfei. Daneben lehnten noch kleinere Holztafeln mit schwebenden oder betenden Engeln, umgeben von Palmen oder Sternen, aus denen meist Ecken in verschiedenen Zusammensetzungen gebildet waren.

An den beiden hohen Bogenfenstern, von denen die schweren Damastvorhänge zurückgeschoben waren, um ungehindert alles Licht einzulassen, das die kurzen Wintertage spendeten, standen zwei ungeheure Stickrahmen, noch nicht gross genug, um den Stoff zu fassen, der darin verarbeitet werden sollte, und darum noch an den Seiten aufgerollt war. Hier sah man ein mühevolles Werk weiblicher kunstgeübter hände begonnen. Das grosse aufgestellte Gemälde von der Hand des Malers H a n s B e u e r l e i n diente als Muster, und sollte sich hier in damals üblichem Gobelinsstich noch einmal wiederholen. Ganze Körbe, von Wolle und Seide in strahlenden Farben, und mit Gold und Silberfaden angefüllt, standen bereit, das reichste Material zur Verarbeitung zu bieten.

etwa seit Jahresfrist war Elisabet auf den Gedanken gekommen, die Töchter der edlen Geschlechter Nürnbergs aufzufordern, mit ihr vereint einen Teppich vor das Hochaltar der Kirche von St. Lorenz zu stikken, an deren Verschönerung gerade jetzt so begeistert gearbeitet ward. War doch damals alle Kunst zu einem Ganzen vereint in der Kirche und strebte alle Kunstbegeisterung diesem erhabenen Mittelpunkt zuso auch die der Frauen. Elisabet aber ging immer Allen gern mit einem leuchtenden Beispiel voraus, stand immer gern an der Spitze und ordnete Alles nach ihrem Sinn und Geschmack, der denn auch durch seine Veredlung und Reinheit berufen war, vor dem Anderer zur Geltung zu kommen. Ihr geachteter Name wie ihr Reichtum fielen dabei nicht minder in die Wagschaale, und auch ihre Feindinnen und Neiderinnen mussten sich damit begnügen, sie im Stillen zu verspotten und zu verleumden, öffentlich aber ihr den Vorrang zu lassen und persönlich ihr höflich zu begegnen. Bei einem so regen geist, wie dem Elisabet's, und einem so glühenden Herzen, wie in ihrer Brust schlug, dem sie doch nicht mehr die einstige laute Sprache gestatten durfte und wollte, war das Bedürfniss um so dringender, immer für ein Grosses oder Allgemeines zu wirken, durch ein edles Streben und eine anregende Tätigkeit sich selbst im Gleichgewicht zu erhalten. Ihr klarer Verstand erkannte das selbst, und halb berechnend, halb nur ahnungsvoll gestaltete sie darnach ihr Leben.

Ziemlich zwei Jahre war sie nun verheiratet. Christoph Scheurl war nach wie vor befriedigt und stolz durch ihren Besitz, liess sie ungehindert über seinen Reichtum verfügen und freute sich, wenn sie denselben anwendete, den Glanz und die Ehre seines Namens zu erhöhen, wie es sowohl durch Unternehmungen wie die obige geschah, als auch dadurch, dass sie die Bevorzugten des Handwerkes und der Kunst teils für sich arbeiten liess, teils mit einem Kreise von Gelehrten um sich versammelte, und so bestrebt war, so viel als möglich nicht nur mit den andern Nürnberger Geschlechtern zu wetteifern, sondern auch den Medicäern und anderen italienischen Grossen es nachzutun, so viel es in ihren Kräften war. Daneben erfüllte Elisabet treulich jede Pflicht der deutschen Hausfrau, war gegen ihren Gemahl so aufmerksam wie er gegen sie, und wie er sie, liess auch sie ihn gern in allen Stücken gewähren. Bei ihr war die Begeisterung für die Kunst und alle höheren allgemeinen Angelegenheiten aus innerster Empfindung hervorgegangen, zum wahren Lebensbedürfniss geworden; bei ihm war nur Eitelkeit und Ehrgeiz dabei das leitende Motiv, im Uebrigen lebte er seinen Geschäften als Kaufmann und Ratsmitglied, und fand mehr Gefallen an Zechgelagen und Schmausereien als an gelehrten Gesellschaften und Kunstbestrebungen. Gern überliess er diese seiner Gemahlin, und diese grollte ihm ebenso wenig darüber, wenn er Tage und Nächte ausser dem haus in wüsten Gesellschaften zubrachte, die trotz der Beteiligung vornehmer und hochangesehener Ratsmitglieder keineswegs zu den mässigen und sittenreinen gehörten. So lebte dies Paar glücklich und zufrieden vor den Augen der Welt; der Gatte war es wirklich, denn ihm genügte dieser äussere ungestörte Lebensgenuss, und sein Herz, das wohl einst auch Leidenschaften gekannt und wärmere Empfindungen, war jetzt doch längst alt und kalt geworden, nicht mehr gemacht für zartere Regungen, die in seinem männlichen Alltagsleben, dessen Freuden im wechselnden Besuch der Trinkstuben und grösserer Gastereien bestanden, gänzlich untergegangen. Elisabet gehörte zu den edlen Frauenseelen, welche von sittlichen grundsätzen erfüllt still dulden und entsagen, und