als er erfuhr, dass sie dem ältern Gatten wohl nur aus kindlichem Gehorsam oder seines Reichtums und Ansehens wegen ihre Hand gegeben – ja sein Egoismus zog daraus den für sich günstigen Schluss, dass sie wie ihn wohl nie wieder geliebt, und er sich darum nur zu zeigen brauche, um die alten Gefühle wieder zu erwecken. Da nahm dies erste Wiedersehen für ihn einen so schimpflichen Ausgang.
Nun lechzte die entflammte leidenschaft nach einer Gewalttat und nach Rache an den Baubrüdern.
Unbeachtet von Allen war Rachel, mit gegenwärtig in einem Winkel an der Tür kauernd, scheinbar vor Müdigkeit eingeschlafen, als ihr Vater, Jacobea und der Ritter von Streitberg den Plan zur Entführung Elisabet's entwarfen. Daran knüpfte sich die andere Frage, wie die Baubrüder zu bestrafen, wie sie es empfinden sollten, dass ein Ritter nicht ungerächt sich beleidigen lasse.
Der Adel, der durchaus keinen Kunstsinn besass und überhaupt keiner Begeisterung für das Ideal fähig war und jedes höheren Aufschwunges baar, der über die einseitigen Begriffe von Ritterehre und Standeswürde hinausreichte, mit der es sich ganz wohl vertrug, fleissige Bürger zu berauben und ehrsame Frauen zu entführen, wenn es nur mit der nötigen Frechheit, welche man Kühnheit nannte, geschah – dieser Adel hasste die Baubrüderschaften oder verachtete sie doch, wie er Alles verachtete, was nicht vor der feudalen Herrlichkeit sich beugte. Dieser Adel war bei seinen Bauten mehr auf sicheres und festes Wohnen als auf Schönheit bedacht. vorüber war auch bei ihm jener fromme und gläubige Sinn, der in früheren zeiten wohl Fürsten und Herren vermocht hatte, bei einer gelungenen Unternehmung Kirchen oder Kapellen oder Klöster zu stiften, vorüber die ganze religiöse Begeisterung, die in den Kreuzzügen und unzähligen Gelübden zu kirchlichen Zwecken sich offenbarte: das alte, zu seiner Zeit edle und begeisterte Rittertum war im Absterben und hatte nur einer Art von Raufboldtum und beispielloser Verwilderung der Sitten Platz gemacht. Im Gegensatz dazu war das Bürgertum in würdiger Haltung, besonders in den freien Reichsstädten emporgeblüht, und man setzte in ihm, besonders in Nürnberg eine Ehre darein, die Kunst zu pflegen und zu beschützen. Es war vielmehr Begeisterung für die Kunst an sich, wenn man will, auch Ehren- und Modesache, dass die Nürnberger Patrizier förmlich mit einander wetteiferten, Stiftungen, wenn nicht zu neuen Kirchen selbst, doch zu den Verschönerungen der alten zu machen. Der Adel blickte verächtlich auf dies schöne Kunststreben, und wenn König Max in vielen Beziehungen als ritterlicher Held ihren Hoffnungen gerecht war, so war ihnen doch sein Sinn für Kunst und Wissenschaft eine sehr überflüssige Beigabe. Dass er selbst freier Maurer geworden und mit den Baubrüdern als mit Seinesgleichen verkehrte, konnten sie ihm vollends nicht vergeben. Wäre dies nicht der Fall gewesen, so hätten sie wohl versuchen mögen, die Genossenschaft freier Maurer, die sich nach eigenen Gesetzen regieren durfte, als eine gemeinschädliche Verbindung zu verdächtigen; aber so wie die Sachen standen, konnten sie nur versuchen, sich an dem Einzelnen zu rächen. –
"Lasst uns nur machen," sagte Jacobea und nickte dem Juden zu, da diese Frage aufgeworfen ward. "Ich weiss, dass die Steinmetzen sehr streng auf ehrliches Herkommen und auf sittenreinen Wandel halten, strenger als Mönche und Geistliche, die es damit nicht gar zu genau nehmen – können wir dem blonden Hieronymus und dem Ulrich von Strassburg nachsagen, dass sie mit Frauenzimmern zusammen zu kommen pflegen und dass sie von zweifelhafter Herkunft sind, so werden sie mit Schimpf und Schande aus der Genossenschaft verwiesen."
"Das ist ein guter Rat!" sagte Streitberg; "in Strassburg hat es ja Hexen gegeben – wer weiss, gelingt es nicht ihn zu einem Hexensohn zu stempeln!" –
Das war die Unterredung, welche Rachel mit angehört und welche sie vermocht hatte, die Baubrüder aufzusuchen und zu warnen.
Rachel war trotz der Umgebung, in der sie aufgewachsen und die sich wahrlich weniger durch eigene Schuld als durch die barbarischer Christen in einem ununterbrochenen heimlichen Krieg gegen dieselbe befand, dem kein Hülfsmittel zu schlecht war, mit einem weichen Gefühl und zartem Gewissen begabt, das offenbare Schlechtigkeiten als solche empfand und vor ihrer Vollziehung schauderte. Gleichwohl war sie eine zu gehorsame Tochter und erkannte in ihrem Vater das würdige Oberhaupt der Familie, dem sie blinden Gehorsam schuldig war. So kam sie in fortwährende Conflikte, in denen sie sich oft nur durch etwas wie Instinkt einer unverdorbenen weiblichen natur für das Eine oder Andere entschied. So war es hier gewesen. Der Baubruder Ulrich, der ihr die Rose zugeworfen, der dann sie freundlich "liebes Kind" genannt, war zum Abgott ihres Herzens geworden; es mochte geschehen was da wolle – ihn musste sie warnen. Und warum nicht durch ihn auch die schöne Frau, der er hülfreich beigestanden? Rachel's ganzes mädchenhafte Gefühl sträubte sich dagegen, ein Weib in die Gewalt eines rohen Mannes fallen zu lassen! Wenn sie diese Bubenstücke zu hintertreiben suchte, so konnte sie dies auf keine andere Weise als die geschehene versuchen – durfte weder ihren Vater noch andere Beteiligte angeben, wenn sie nicht selbst sich verraten und dadurch die Möglichkeit abschneiden wollte, künftig noch Aehnliches zu verhüten.
Und nun hörte sie, dass Ulrich erschlagen, nun war sie es selbst, die ihn dem Tod entgegengesandt!
Sie durfte auch jetzt sich durch kein Wort verraten – aber selbst wenn der Fluch des Vaters sie träfe, welcher Fluch konnte denn sie mehr entsetzen als das Blut des Baubruders, das über sie kam?