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. So verhandelte man in der Gegenwart des Mädchens, das man seiner stillen Weise nach beinah' nicht anders wie ein einfältiges, dem Vater blind gehorsames Kind betrachtete. Ja noch mehr! Streitberg, der schon in Nürnberg doch so viel über die beiden Baubrüder erkundet hatte, um ihre Namen zu wissen, forderte sowohl von dem Juden als von Jacobea Rat und Mittel sich an ihnen zu rächen. Wie hätte ein Eberhard von Streitberg je den Schimpf mögen auf sich sitzen lassen, sich sein Schwert von den Händen eines Steinmetzen entwinden zu seheneines Menschen also, der von Früh bis Abends mit diesen Händen arbeitete und unter strengen Regeln sein Leben verbrachte, indess er, der stolze Ritter, der jede Arbeit, auch wenn sie dem Dienste der erhabensten Kunst galt, tief gering achtete, und mit roher Willkür auf den Landstrassen raubte was er brauchte, wenn einmal ein beutereiches Kriegerleben sich ihm nicht gleich nach Wunsche boter, der in unzähligen Turnieren den ebenbürtigen Gegner aus dem Sattel gehoben und mit verwegenem Mute bei kecken Abenteuern so gut wie in wilder Schlacht Heldentaten verrichtet!

Mit der kecken Zuversicht, die ihm immer eigen, hatte er danach von König Max sein Schwert zurückgefordert und wider die Baubrüder geklagt, die ihn in der Mehrzahl auf der Hallerwiese überfallen und ihm unter frechen Scherz- und Schimpfworten sein Schwert entrissen. Aber er hatte dabei nicht gedacht, dass der König selbst ein Baubruder war und den Worten freier Steinmetzen mehr Vertrauen schenkte als einem Ritterwort; noch weniger wusste er, dass Elisabet schon vor allen Frauen Nürnbergs vor den Augen des Königs Gnade gefunden. So hatte er erst nur die königliche Antwort erhalten, dass die Sache untersucht werden solle, um darauf den noch grösseren Schimpf zu erleben, dass ihm der König sein Schwert zwar wieder sandte, aber mit der Bemerkung, dass er es nur ausserhalb der Stadt tragen dürfe, und mit der Verweisung aus derselben und der Drohung, dass er, falls er nicht gehorche, als ein Friedensbrecher dem gefängnis und Gericht der Stadt werde überantwortet werden. Wie sehr Streitberg auch wüten mochte: es blieb ihm nichts übrig als zu gehorchen, und er musste noch froh sein, dass er doch keinen öffentlichen Schimpf erleben, sondern sich den Anschein geben durfte, als riefe ein Geschäft ihn fort.

Er zog sich indess auf Weispriach's Veste zurück, und ward immer mehr von Zorn erfüllt, als er vernahm, wie der König Elisabet auszeichnete, bei deren Anblick seine ganze alte leidenschaft für sie wieder erwacht war.

Eberhard von Streitberg war eine jener ungebändigten Naturen voll roher Kraft und starker Gefühle, ohne den Willen dieselben jemals zu zügeln, da er ohne sittliche Grundsätze war. Seine feurige Leidenschaftlichkeit und die augenblickliche Wahrheit seiner Empfindungen machte sein Glück bei liebebedürftigen und gefühlvollen Frauen, die von seiner äussern ritterlichen Erscheinung und einzelnen heroischen Eigenschaften seines Charakters bestochen, ohne denselben näher prüfen zu können, in ihm das Ideal eines Helden fanden. So hatte er früh das Herz des Edelfräuleins Helene von Heideck gewonnen und sie als seine Gattin heimgeführt. Aber bald ward er ihrer überdrüssig, und nur um wieder frei leben zu können, nahm er Kriegsdienste und abenteuerte in allen Ländern umher. So kam er nach Venedig, wo er Elisabet Behaim kennen lernte und mit leidenschaftlicher Glut sich an sie hing. Er erkannte ihren sittlichen Wert hinlänglich, um zu wissen, dass sie allen Verführungskünsten eines Mannes widerstehen werde, auf dessen Herz ein anderes Wesen frühere Rechte habe, und so verleugnete er dieses. Ja, als er sich mit Elisabet verlobte, leitete ihn vielleicht auch die Hoffnung, seine verlassen hinsiechende Gattin könne sterben, oder der einmal begonnene Betrug sich weiter fortsetzen lassen. So verbrachte er ein Jahr fern von Elisabet und der Heimat, bis ihn seine leidenschaft in die Nähe Nürnbergs trieb und er nur daran dachte, Elisabet an sich zu reissen, zu entführen, gleichviel was daraus entstehe. Da ward sein Plan vernichtet, ohne dass er sie wiedergesehen. So verliess er auf's Neue die unglückliche Gattin und zog weit fort in's heilige Land, um sich bei minder zurückhaltenden Schönen für Elisabet's Verlust zu trösten. Dennoch konnte er sie nie ganz vergessen, eben weil er sie nie besass. Als er darum mit Weispriach aus Palästina zurückgekehrt erfuhr, dass König Max nach Nürnberg komme, schloss er sich dem Gefolge des Markgrafen Friedrich von Brandenburg an. Er durfte Elisabet nun wiedersehen in ihrer ganzen Schönheit, die, wenn er sie mit ihrer jugendlicheren Erscheinung von einst verglich, nur die Veränderung erfahren, dass sie eine üppig blühendere geworden war, und dass an die Stelle einer schwärmerischen Sinnigkeit in ihrem Angesicht der Stempel stolzen Selbstbewusstseins und geistiger Hoheit getreten, um an sich zu erfahren, dass sie den ganzen alten Zauberbann auf ihn übe. Um so mehr verdross es ihn, dass sie sein Vorbeireiten unter ihrem Chörlein gar nicht bemerkte, und da er auch inzwischen nicht erfahren, was aus ihr geworden, so wendete er sich mit der Frage danach an Markgraf Friedrich, und war frech genug, wie er von ihrer Verheiratung hörte, sich zu rühmen, dass er einst ihre Gunst besessen.

Auf der Hallerwiese wollte er die frühern Rechte auf sie geltend machen, dachte er durch die Sprache seiner leidenschaft Versöhnung und Erhörung zu finden; denn er meinte, Elisabet habe indess wohl genug das Leben kennen gelernt, um überspannten Begriffen von Liebe, Pflicht und Treue entsagt zu haben, um so mehr,