oder Eure Sippe! Verraten worden ist's! Was haben die Steinmetzen da draussen zu suchen? im Leben habe ich nicht so viele beisammen dort im wald gesehen! Sind doch dieselben Beiden mit dabei gewesen, die den Streitberg schon auf der Hallerwiese angefallen und denen er's dankt, dass der König selbst ihn aus Nürnberg verwiesen. Der Ritter hat geschworen sich dafür zu rächen, und nun hat er hoffentlich wenigstens dem Einen den Garaus gemacht!"
Mit verhaltenem Odem hörte Rachel dies Alles! Trotz ihrer Jugend war sie doch durch den Druck, unter welchem sie lebte, der sowohl auf ihr durch ihre nächste Umgebung als durch den Fluch lastete, der auf allen Juden ruhete, so daran gewöhnt sich selbst zu beherrschen, dass sich ihrer bis zum Ersticken geängsteten Brust kein laut entrang, noch dass sie der Versuchung unterlag, die Tür zu öffnen und selbst zu fragen: "Welcher ist der tote?"
Und sie war seine Mörderin! sagte sie sich verzweiflungsvoll. Das hatte sie nicht gedacht. Warnen hatte sie Ulrich wollen vor seinem mächtigen tückischen Feind und vor dem bösen Leumund, der ihm drohte – und weil er ihrer Warnung nicht achtete, sowohl um dieser Nachdruck zu geben als auch aus Mitleid mit der schönen Frau, der ein so schmähliges Schicksal drohte, hatte sie ihm davon gesagt. Sie meinte nicht anders, als dass Ulrich sie vorher warnen werde, der drohenden Gefahr sich auszusetzen, und konnte weder beurteilen, dass er dies unterlassen werde, besonders weil er es noch bezweifelte, noch dass er erst bereit sein würde der wirklichen Gefahr gegenüber sie mit seinem eigenen Leben zu beschützen. War er oder Hieronymus tot, so kam sein Blut über sie; aber sie konnte es nicht ändern, dass zu den Vorwürfen ihres Gewissens auch der Jammer des Herzens kam, wenn Ulrich das Opfer war. Und schon leuchtete die Anklage des Verrates gegen sie durch die Worte der Alten hindurch; aber was sonst Rachel schon in namenlose Angst versetzt hätte vor den Vorwürfen und Strafen der Ihrigen, versank jetzt vor den Schrecken und der Qual, die ihr die Todesnachricht verursachte.
"Nun, so ist er ihn ja los," sagte der Jude gleichgültig; "aber wenn Ihr versteht zu schweigen, so ist ja auch weiter Nichts dabei, als dass wir sind betrogen um den Lohn und haben gemacht ein schlechtes Geschäft, statt dass wir gemeint haben zu machen ein gutes. Wird wohl dem Ritter vergehen sich hier noch länger umherzutreiben, wenn er sieht, dass die feinen Nürnbergerinnen nicht gleich für Jeden sind zu haben."
"Der lässt keinen Schimpf auf sich sitzen!" rief die Alte. "Wird ihm kaum Recht sein, dass der Ulrich von Strassburg ehrlich auf der Landstrasse gestorben! Dem, der ihm beim Könige den Schimpf bereitet, dem schwor er einen noch grösseren anzutun; nun ist er gestorben, ehe er ihn gebrandmarkt hat, denn das wär' uns gelungen und wenn auch alles sonst misslänge."
"Sollt' ich nicht meinen," begann der Jude, "müsste Euch nicht sonderlich lieb sein, wenn man hier in Nürnberg auch anfinge von Hexen zu reden; hat mir neulich Einer aus Costnitz erzählt, dass daselbst sind viele Frauen verbrannt worden, die vielleicht auch nicht mehr getan, denn" – er verschluckte das: "Ihr", welches folgen sollte, und sagte statt dessen: "denn Trunke gebraut und Zaubersprüchlein im mund geführt."
Die Alte wollte auf's Neue auffahren, als es draussen klopfte. "Ihr tut wohl besser jetzt zu gehen," sagte er; "geschehene Dinge sind nicht zu ändern, und man muss sie nur betrachten, wenn man noch Nutzen aus ihnen ziehen kann."
"Wir werden wohl noch von einander hören!" sagte Jacobea, und zog ihr dunkles Kopftuch fester zusammen, so dass nur ein schmaler Streifen von ihrem Gesicht zu sehen war. So drückte sie sich zur Tür hinaus, durch welche ein anderer Jude trat, einen grossen Kasten auf dem rücken, den er mit Waaren aus dem Lager Ezechiel's zu füllen gedachte. Er gehörte zu den vertrauten Geschäftsfreunden, welche auch Eintritt in das zweite Gemach hatten und die darin aufgehäuften Schätze besichtigen konnten.
Unter den Juden Nürnbergs, obwohl sie nur auf einen besonderen Stadtteil beschränkt und durch strenge Verordnungen von der übrigen Bevölkerung geschieden waren, gab es doch auch besitzende, reiche Leute, welche dennoch in unermüdlicher Tätigkeit beflissen waren, das schon Erworbene immerfort zu mehren, ohne doch jemals einen wirklichen Genuss von dem Gewinn zu haben, denn derselbe musste, um gesichert zu sein vor fremden, besonders christlichen Augen, durch Verborgenheit gehütet werden. Denn immer ward den Juden, "des Reichs Kammerknechten", Alles missgönnt; sie mussten grössere Abgaben geben als alle Andern, ja es war schon da und dort vorgekommen, dass sie eine Auflage ganz allein hatten bezahlen und bei manchem Unglück Schadenersatz hatten leisten müssen, wenn dabei auch ein Zusammenhang mit ihrer Schuld noch so gesucht erschien.
Ezechiel gehörte zu diesen reichen Juden, und wie tiefe Verachtung man ihm auch öffentlich zeigte, es gab doch Christen genug, die in der Stille ihre Zuflucht zu ihm nahmen und seine Verschwiegenheit mit hohen Procenten erkauften. Vielen war er eine unentbehrliche person. Er lieh Geld gegen Zinsen und verlieh ebenso auf Kleidungsstücke und Kostbarkeiten. Viele derselben blieben als ungelöste Pfänder in seinem Besitz und lieferten ihm zugleich ein Waarenlager für einen