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trat heraus. In seinen langen braunen Bart mischte sich das erste Grau und tiefe Linien liefen über seine hohe Stirn. Er trug eine kurze Blouse ohne Aermel, da er zur Arbeit das kurze Obergewand ausgezogen und mit einer Lederschürze vertauscht hatte. Seine grauen Lederbeinkleider reichten bis zu den Stiefeln von ungeschwärztem Leder. Um die Hüften hatte er einen breiten Gürtel, an dem allerlei Werkzeuge hingen. Er musterte den Anklopfenden mit einem prüfenden blick, reichte ihm die Hand, nickte befriedigt zu der Art seines Händedruckes, und indem er sein Ohr dem mund des Fremden näherte, sagte er:

"Gebt das Passwort."

Ulrich flüsterte es ihm leise in's Ohr.

Darauf nickte der Werkmeister zustimmend, denn das war der Herausgetretene, nahm den Gesellen an der Hand und führte ihn mit sich in die Hütte, in welche jedem Profanen zu treten verboten war, und die nur dem sich öffnete, der das Passwort der freien Maurer zu geben vermochte.

Ulrich trat ein und grüsste nach der Sitte aller Wandergesellen, die eine fremde Bauhütte betraten: "Gott grüsse Euch! Gott weihe Euch! Gott lohne Euch! Euch Obermeister Erwiederung, Gruss Euch Pallirer und Euch hübschen Gesellen!"

"Gott grüsse Euch!" antwortete der Werkmeister, "seid uns willkommen im Namen der freien Steinmetzzunft zu Nürnberg!" und reichte ihm noch einmal die Hand.

Dann trat der Pallirer zu ihm, der dem Werkmeister als Vorgesetzter der Gesellen und Lehrlinge zur Seite stand. Hatte der Werkmeister für die Arbeitverteilung an die Einzelnen und das Material zu sorgen, so war es das Amt des Pallirers, wie auch sein Titel ausdrückte, vorzüglich die Verschönerung der Arbeit zu berücksichtigen. Ausserdem hatte Jeder von beiden noch besondere Obliegenheiten, wie der Beruf sie mit sich brachte. Der Pallirer Andreas, welchen Ulrich begrüsste, war dem Werkmeister ähnlich gekleidet, aber an Jahren jünger als dieser, gross und breitschultrig, eine stämmige fast atletische Gestalt. Sein Gesicht war wettergebräunt und rabenschwarzes Haar fiel in glatten Strähnen nach hinten zurück. Er reichte dem Ankömmling die Hand und sagte auch: "Gott grüsse Euch, wie wir Euch danken für Euren Gruss."

Die Gesellen und Lehrlinge alle, die ringsum arbeiteten und, seit Ulrich eingetreten war, schon aufgehört hatten durch Meisseln und Feilen Geräusch zu machen, legten nun alle ihr Werkzeug hin, und einer ging nach dem Andern auf Ulrich zu, ihn mit Gruss und Handschlag willkommen zu heissen. Dann hielt dieser dem Werkmeister seinen Hut umgekehrt hin und sagte:

"Nun bitte ich um eine Gabe, dann um ein Stück Stein, dann um Werkzeug! Damit helfet mir auf, dass Euch Gott auch helfe."

Darauf legte der Werkmeister, der den Lohn zu zahlen hatte, Geld in den Hut, nicht als ein Almosen, sondern als einen Vorlohn, und fragte Ulrich nach seinen Zeugnissen.

"Gott danke dem Meister und Pallirer und den ehrbaren Gesellen!" antwortete Ulrich dankend, öffnete seine Ledertasche und holte ein grosses gelblich schimmerndes Papier hervor. Darauf stand mit zierlichen Buchstaben geschrieben, dass der Steinmetzgeselle Ulrich Wüll von ehrlicher Geburt sei und als Oblate im Kloster der Benediktiner erzogen; dass er mit fünfzehn Jahren sich in der Bauhütte zu Strassburg als Lehrling gemeldet und darin aufgenommen worden; dass er vier Jahre als Lehrling gelernt und sich brav gehalten, darauf die Prüfung als Geselle bestanden in vorzüglicher Weise; dass er wohl erfahren sei in der geweiheten Lehre des Albertus Magnus, vertraut und geschickt in der Führung des Winkelmasses und Richtscheites, und dass man allerlei schöne und zierliche Arbeit ihm anvertrauen könne. Und so war seiner Brauchbarkeit und Sittlichkeit das beste zeugnis gegeben. versehen war diese Schrift mit dem grossen Siegel der Hauptbauhütte zu Strassburg, das diese Umschrift hatte und inmitten eine Mutter Gottes, auf den Feldern zur Seite Cirkel und Richtscheit.

Der Werkmeister erkannte die Echteit dieses Documentes. Alsbald wies er Ulrich einen unbehauenen Stein an, reichte ihm das Werkzeug und hiess ihn daran ein Probestück ablegen.

Ulrich wälzte sich den schon winkelrecht behauenen Stein zurecht und begann daran mit dem Cirkel, Winkelmass und Richtscheit zu messen, und ohne sich eines Massbrettes zu bedienen, das Profil aufzureissen nach dem Grundsatz des Achtortes, der bei dem Kirchenbau im Grossen wie im Kleinen galt. Der Pallirer sah ihn dabei aufmerksam zu, und manche von den zehn Gesellen und fünf Lehrlingen, die in der Hütte arbeiteten und ihre vorige Beschäftigung wieder aufgenommen hatten, schielten von der eigenen Arbeit neugierig zu der des neuangekommenen Baubruders hinüber, und bewunderten ihn schon, weil er das Massbrett verschmähte. Einer der Gesellen schob ihm sogar das seinige zu, weil er meinte, Ulrich habe nur keines erhalten.

Dieser aber zeigte auf das, welches zu seiner Seite lag, dankte dem Gesellen und sagte: "Wenn ich hier mitarbeite den Bau zu fördern, werde ich auch das Massbrett zur Hand nehmen und danach arbeiten, weil dadurch Zeit und Mühe erspart wird; aber wenn ich ein Probestück ablegen soll, so muss ich zeigen, dass ich mich auf den Grundsatz des Achtortes selbst verstehe und dass ich ein Massbrett in meinem kopf trage."

Der Pallirer nickte beifällig aber schweigend dem lächelnd aufhorchenden Werkmeister zu. Alle Gesellen arbeiteten schweigend weiter, aber der, welcher seinen Platz neben Ulrich hatte, verwendete fast kein Auge von ihm, so weit als die eigene Arbeit es zuliess.

Die Steinmetzgesellen nannten Alle den blonden Bruder H i e r o n y m u s zum Unterschied von andern