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Auch Ulrich liess einen lauten Ruf ertönen und stürzte auf den Ritter zu: die Schwerter blitzten im Dunkeln, der Diener floh, der Ritter hielt Elisabet; an seinem Panzer prallte Ulrich's Schwert machtlos ab, aber ihn traf das des Ritters in die Seite, er wanktenoch knieend hielt er Stand; da kamen die andern Baubrüder, kamen auch die Knappen; Erwin hatte sich des ledigen Pferdes des Ritters bemächtigt und war nach Nürnberg gejagt um hülfe zu holen; sie kam schnell, da das Häuschen nur eine Viertelstunde von der Stadt. Indess währte das Getümmel und Gewirre fortvergeblich hatte der Ritter versucht Elisabet mitzuschleppen; der knieende Ulrich hatte ihn in die Hand gehauen, dass er sie lassen musste. Da die Bewaffneten aus der Stadt kamen, schwang sich der Ritter auf das Pferd eines im Kampf gestürzten Knappen, und es gelang ihm mit den andern zu entfliehen. Der Knappe, ein Steinmetzgeselle und Ulrich lagen für tot am Boden; Elisabet war zurück in die Hütte geeilt, nicht um sich zu retten, sondern um wasser und Linnen und die Frau, welche sie bewohnte, zu holen den Verwundeten beizustehen. Die Frau folgte ihr mit Jammergeschrei; Elisabet sagte verweisend: "Das nützt nichtshelft!" und neigte sich über den regungslosen Ulrich. Jetzt erst erkannte sie ihn, da ein Kienspan, den die Alte mitgebracht, ihn beleuchtete. Jetzt erst überrieselten sie kalte Schauer, jetzt erst war es mit ihrer Kraft vorbei. "tot! für mich!" hauchte sie verzweiflungsvoll. Er schlug die Augen auf, und es war, als entströme ihnen ein verklärender Strahl, dann schloss er sie wieder, um seine Lippen zuckte der Schmerzvielleicht war es zum letzten Male.

Indess hatten die Baubrüder und die herbeigeholten Stadtmilizen aus Stangen, die sie an der Hütte fanden, und Aesten, die sie im wald brachen, Tragbahren bereitet und die drei Verwundeten darauf gelegt. Jetzt kam auch Herr Scheurl, von dem Diener benachrichtigt, mit zahlreicher Begleitung und einer Sänfte für seine Gemahlin.

Als sie im haus angekommen und er eine Erklärung von ihr forderte, konnte sie ihm keine andere geben, als dass gegen Abend ein Knabe zu ihr gekommen, den ihre ehemalige Amme, die jene Hütte mit einer ihr verwandten Holzhauerfamilie teile, schon oft als Boten zu ihr geschickt, um ihr zu sagen, dass die kranke Amme nicht ersterben könne, wenn sie nicht noch einmal sie gesehen. Sie sei darum mit dem Diener dahin gegangen, indess ihr Gemahl nicht dagewesen. Die Amme war noch am Leben, aber nicht bei Bewusstsein, in der Hütte Niemand zu haus als die alte Frau. Vergeblich habe sie lange gewartet, ob der Amme nicht ein lichter Augenblick komme, und dann sei sie endlich gegangen, da sie die Nacht gefürchtet. Der Ritter, der sich zu ihr gedrängt, habe das Visir geschlossen gehabt, sie könne nicht wissen, wer es gewesen.

Dass sie in ihm Eberhard von Streitberg erkannt, verschwieg sie ebenso, wie sie den Vorfall auf der Hallerwiese verschwiegen, und bat ihren Gemahl um ihres Rufes willen die geschichte nicht erst vor den Rat zu bringen und zu einer Untersuchung, die doch zu Nichts führe, da die Nürnberger ja keinen hängen, den sie nicht hätten; zu den Verwundeten aber solle er den besten Bader schicken und ihnen auf seine Kosten die beste Pflege angedeihen lassen, oder wenn sie stürbensie schauderte bei dem Gedankendas beste Begräbniss.

Für sich allein sann sie weiter nach, welch' ein Netz von Verräterei sie umspinne. Dies Ereigniss hatte etwa vier Wochen später stattgefunden als ihr Besuch bei dem Goldschmied Dürer. drei Wochen nach diesem war der Meister bestürzt zu ihr gekommen und hatte ihr erzählt, wie tages vorher nicht jene alte Frau, sondern ein Knappe mit geschlossenem Visir zu ihm gekommen und die Nadel verlangt habe. Er sei wohl vorbereitet gewesen eine alte Frau festzunehmen, aber nicht einen geharnischten Mann. Dennoch habe er ihm kurz und rund erklärt, dass er die Nadel niemals machen werde, da man ihn belogen und die Besitzerin sie nie verloren habe. Da der Knappe sein Schwert gezogen, habe er nach hülfe geschrieen, aber ehe sie gekommen, sei Jener fort gewesen, nachdem er Vieles in seiner Werkstatt zertrümmert. Meister Dürer kannte den Knappen so wenig wie jene Frau; mit der Beschreibung derselben stellte aber Elisabet jetzt Vergleichungen an, und der Gedanke gewann Wahrscheinlichkeit, dass jene alte Frau in der Goldschmiedswerkstatt und in der Hütte dieselbe gewesen. Dennoch suchte sie vergebens in diesen Ränken, welche offenbar nur gegen sie geschmiedet waren, einen Zusammenhang zu erblicken.

Kaum grübelte sie auch mehr darüber, als sie sich mit den Gedanken quälte, dass ihretwegen Blut geflossen, dass man sich um ihretwillen geschlagen, wohl gar gemordet!

Bald erfuhr sie, dass der Knappe wirklich tot sei. Das ertrug sie noch am leichtesten, denn er war einmal in die Hand der Nürnberger gefallen, und als ein Angreifer und Friedensbrecher wäre er entschieden gehangen worden, ja man würde ihm schon aus Rache, um dem verhassten Raubadel wenigstens in seinen Dienern und Helfershelfern ein drohendes Beispiel zu geben, den höchsten Platz am Galgen angewiesen haben. Und wenn er nicht gleich gestanden, wer sein Herr gewesen und Alles was er wusste, so würde man ihn in den Marterkammern unterm Rataus "in der Güte befragt haben", wie die Redensart hiess, hinter der sich die Anwendung der