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Gemeinde der freien Maurer ausgestossen und dadurch zugleich gewissermassen für vogelfrei erklärt.

Als der zweite Abend nach diesem herankam, zogen die Baubrüder, ungefähr zehn an der Zahl, vor das Tor an der Veste sich im wald zu ergehen. Keiner, ausser Hieronymus und Ulrich, ahnte dabei eine andere als die von diesen angedeutete Absicht, die schöne Waldluft zu geniessen und an der natur selbst Muster der Ornamentik zu studieren. Denn wie überhaupt die himmelanstrebenden Säulen der gotischen Dome, die oben in Zweigen und Aesten sich auseinander teilten, in den deutschen Hainen majestätischer Buchen und schlank aufstrebender Tannen ihre Vorbilder hatten, so bildete man jetzt mit immer wachsenderer Vorliebe für das Vegetabilische die Verzierungen an Säulen und Türen, Piedestalen und Kapitälern dem lebendigen Laube in durchbrochener Steinarbeit nach, und die strebsamsten Steinmetzen, immer bemüht nach eigenen Anschauungen Neues und Eigenes zu schaffen, statt nach alten Massbrettern zu arbeiten, suchten und zeichneten sich selbst ihre Muster in der natur.

Jeder der Baubrüder hatte seine Ledertasche umhängen, und an die Stelle des Abendbrodes, das darin steckte, bis es unterwegs verzehrt ward, sammelte man schön geformte Blätter hinein, sie gelegentlich als Modelle zu benutzen. Das kurze Schwert trug Jeder umgegürtet, nur bei der Arbeit trennten sie sich davon.

Als sie an der von der Jüdin bezeichneten Hütte vorüber kamen, sagte Ulrich: "Mich dürstet, und hier sehe ich nirgends eine Quelle oder einen Brunnen; ich denke, man wird mir hier einen Trunk wasser nicht versagen." Er schlug mit seinem Schwert an die verschlossene Tür, nur der eine Steinmetz Erwin, der auch Durst verspürte, wartete mit ihm.

Endlich öffnete man, und eine alte Frau fragte unwirsch, was es gäbe. Als Ulrich sein Begehr sagte, entfernte sie sich in ein inneres Gemach, um ein Trinkgefäss zu holen. Auf einem Schemel in der unsauberen Hausflur sass ein Mann in städtischer Dienertracht, der Ulrich zunickend zu ihm sagte, wahrscheinlich um seine Anwesenheit in diesem üblen Lokal zu rechtfertigen:

"Wenn Ihr nicht ganz verdurstet seid, möchte' ich Euch nicht raten hier zu trinken! drinnen liegt eine alte Frau im Sterbenwer weiss, was ihr fehlt. Wir sind herausgegangen, weil sie die Amme meiner Herrin gewesen."

"Ja," sagte Ulrich, "es ist auch ein schlechter Dunst hier: wenn Eure Herrin noch drinnen ist, möchte' ich Euch raten bald mit ihr zu gehen, damit ihr kein Leid geschieht! ohnehin wird es bald dunkel, und da treibt sich hier oft schlechtes Gesindel herum; das ist kein Weg für Damen."

"Das hab' ich auch gesagt," bestätigte der Diener.

Die Frau kam mit dem wasser, drinnen hörte man ächzen und stöhnen; Erwin schüttelte sich jetzt vor dem wasser, und Ulrich goss es draussen weg statt zu trinken und winkte dem Diener heraus.

"Warum wartet Ihr nicht lieber aussen?" fragte er ihn.

"Weil es ein verrufenes Haus ist; man schämt sich, wenn einen Jemand sieht; die Frau, die heraus kam, gibt sich mit Zaubereien ab, und ich kann nicht Jedermann erzählen, dass die Frau Scheurlin aus lauter christlicher Barmherzigkeit drinnen bei ihrer Amme sitzt, deren Sterben man ihr vorhin vermeldete und sie beschwören liess herauszukommen, weil sie sonst nicht sterben könne."

"Eben weil es ein verrufenes Haus ist," sagte Ulrich, "solltet Ihr aussen Wache stehen, um zu beobachten, dass sich nichts Verdächtiges zeigt. Wir sind hier in der Nähe, ruft nach uns, wenn Ihr eines Beistandes bedürfet."

Damit ging er mit Erwin, der zu ihm sagte: "War es nicht die Scheurlin, die Ihr gegen einen Ritter verteidigt, wie der König hier war, und die er selbst vor allen Frauen ausgezeichnet?"

"Ja," antwortete Ulrich; "wer weiss, droht ihr nicht wieder eine Gefahr, diese frechen Raubritter sind zu allen Schändlichkeiten fähig. Erst vor wenig Tagen ist bei Niclashausen ein Waarentransport überfallen worden, ein Trupp ritterliches Raubgesindel hat die Kaufleute und ihr Geleit in die Flucht geschlagen und ihre Waaren auf ihre Burgen geschleppt. Der Nürnberger Rat denkt immer sich allein helfen zu können, wenn die Reichsstadt aber nicht bald zum schwäbischen Bunde tritt, so wird das Uebel immer ärger werden."

Als die Beiden wieder zu den Andern kamen, teilten sie ihnen das eben Erfahrene mit, und Hieronymus sagte: "Es kann ja Einer von uns nahe bei der Hütte bleiben, dem furchtsamen Diener und der barmherzigen Frau zum Schutz, und die andern rufen, wenn es nötig."

Ulrich war dazu bereit, aber er blieb so unter den Bäumen versteckt, dass er auch von der Hütte aus nicht gesehen werden konnte.

Plötzlich sprengte ein geharnischter Ritter an ihm vorüber, er sprang vom Pferd und band es an einen Baum; in der Ferne hörte man noch mehr Pferdegetrappel. Zu Fuss ging er an die Hütte und lauschte am Fenster. Ein mattes Licht schimmerte daraus. Aussen war es dunkel geworden. Ulrich schlich ihm leise so weit nach, als er es wagen konnte, um nicht gesehen zu werden.

Es dauerte noch eine Weile, da trat Elisabet aus der Hütte von dem Diener gefolgt. Der Ritter näherte sich ihr und bot ihr sein Geleit, wie es schienUlrich verstand keine Worteer hörte einen schrillenden Hülferuf Elisabet's, dann des Dieners, dann einen gellenden Pfiff des Ritters.