es sagt ja Niemand, der nicht zu unserm Volk gehört, dass er mit der armen Rachel geredet – aber ich sage die Wahrheit. Vor dem Tor draussen vor der Veste in dem kleinen Häuslein am Waldessaume wohnt die Amme der Scheurlin; übermorgen im Dunkeln wird man sie dahin locken, und derselbe Ritter von neulich wird sie überfallen und mit sich schleppen."
"Aber woher weisst Du das?" fragte Ulrich.
"Darauf darf und kann ich nicht antworten!" rief Rachel; "aber einen Eid kann ich ablegen, dass ich die Wahrheit rede und dass es so geschehen wird."
"Gut," sagte Ulrich, "wenn Dich Dein Gewissen treibt, eine schlechte Tat zu verhindern, und Du uns gerade dazu berufen hältst, so wollen wir versuchen dasselbe zu tun. Wehe Dir aber, wenn Du nur einen frechen Scherz mit uns getrieben!"
Rachel schüttelte sich: "Ihr braucht mir nicht mit den Strafen zu drohen, die mein warten könnten, den Staubbesen oder die Henkershände die Zunge auszureissen, die falsch geredet, und allen Marterwerkzeugen – es ist noch keine Lüge aus meinem mund gekommen! Ihr werdet es erfahren und mir künftig glauben. Warnt die Scheurlin – ich täte es, könnt' ich schreiben."
"Es soll geschehen," sagten die Baubrüder zugleich, "und nun geh' in Deine Gasse und gieb Dich zufrieden." Sie traten durch die Haustür, die sie hinter sich verschlossen, denn sie sahen einen andern Baubruder die Strasse herauf kommen, und wollten nicht, am wenigsten an ihrer Haustür, mit einem weiblichen Wesen betroffen werden, noch dazu mit einer verachteten Jüdin, denn den Baubrüdern war durch ihre gesetz aller Umgang mit dem weiblichen Geschlecht verboten und es hiess in ihren Statuten: "Welcher Geselle mit ehrbaren Frauen geht, soll Urlaub bekommen und den Wochenlohn in die Büchse legen; wer aber mit berüchtigten und bösen Frauen sich führt, den soll man ganz aus dem Handwerk verweisen." Zu den letzteren würde man Rachel gerechnet haben, schon weil sie Jüdin, war sie dabei auch unschuldig wie ein Kind.
Als die Beiden allein in ihrem Gemache waren, sagte Hieronymus: "Es ist eine wunderliche geschichte. Etwas tun müssen wir! aber was?"
"Das Mädchen redete aufrichtig aus einem geängsteten Herzen," sagte Ulrich; "aber warnen können wir die Scheurlin nicht, um so weniger, als wir die Quelle auch nennen dürfen, und es auch, ohne dass man uns belogen, Alles nur Hirngespinst oder Pläne sein können, die nicht zur Ausführung kommen. Lass uns übermorgen mit einigen Steinmetzen einen Spaziergang nach dem Feierabend vor jenes Tor machen, aber Keinem etwas weiter sagen; da findet es sich dann, ob Jemand unserer hülfe bedarf."
"Es ist der beste Rat," stimmte Hieronymus bei; "obgleich das Mädchen uns selbst ja vor dem Raubritter warnte, dem wir nun entgegen gehen. Wie, wollte er nicht aussprengen, unsere Mütter wären Hexen?"
Ulrich nickte sinnend mit dem kopf. "Deine Mutter kennt hier Jedermann," sagte er, "und zum Glück ist man hier noch vernünftig und glaubt nicht an den neuen Unsinn, der von herrschsüchtigen Priestern ersonnen worden, um nicht nur über den Glauben, sondern auch über Ehre und Leben des deutschen Volkes die herrschaft zu erhalten. Aber in meiner Heimat hat der Hexenglaube schon lange Zeit manches Opfer geheischt – dort waren wir ja Frankreich, seiner Wiege näher. Dir allein kann ich sagen, was noch nie und gegen Niemand über meine Lippen gekommen: Da mir die Benediktiner die nötigen Zeugnisse gaben, sagte Pater Anselm, mein gönner, vertraulich zu mir: 'Forsche und frage draussen im Reich nicht mehr nach Deiner Mutter. Wir haben Dir das zeugnis ehrlichen Herkommens gegeben, ohne das Du nicht freier Maurer werden kannst, und es ist auch wohl verdient; aber später hat man Deiner Mutter üble Dinge nachgesagt, forsche und frage nicht weiter!' Vergeblich beschwor ich ihn mir mehr zu sagen, wenn er mehr von ihr wisse; aber er behauptete, dass ein Schwur seine Zunge binde und dass ich nicht weiter forschen und fragen dürfe. Darum traf mich jene Drohung doch sonderbar."
"So geh' übermorgen lieber nicht mit," sagte Hieronymus bedenklich, "wenn es auf eine Begegnung mit demselben Ritter abgesehen –"
"Nein!" rief Ulrich entschieden, "das wäre Furcht und Feigheit; mich gelüstet dem Mann gegenüber zu stehen, der es vergeblich wagen soll, meine Mutter oder mich zu beschimpfen."
"Es ist auch dummes Zeug!" tröstete Hieronymus; "es wäre zum ersten Mal, dass in Nürnberg und nun gar in der Bauhütte von Hexen die Rede wäre. Dazu ist es zu hell in den Köpfen; und wenn auch der Rat und die ganze Verfassung erstarrt ist in den alten Formen, so hat das auch sein Gutes: das widersteht auch der neuen Finsterniss und der gewaltsam heraufgeführten Nacht. Hier kümmert sich Niemand um die Bulle Pabst Innocenz' VIII. und selbst die Geistlichen scheuen sich davon Notiz zu nehmen. Die freidenkenden Gebildeten lächeln höchstens darüber, und in unserer Gemeinschaft würde Jeder sich selbst brandmarken, der an den Teufel anders dächte, als um ihn als darstellbares und allgemeinfassliches Symbol zu benützen, die Sittenverderbniss der Zeit in wie ausser der Kirche zu geisseln."
"Ja," sagte Ulrich, "es tat mir