Gattin einsam auf Streitberg, und jetzt, da sie hörte, dass er zurückkehre, war sie ihm entgegengereist, um auf dem Schloss eines seiner Freunde bei Nürnberg, des Herrn von Weispriach, mit ihm zusammenzutreffen; sie kam ihm doppelt ungelegen, als sein Brief an Elisabet eben fort war, dessen Antwort in die hände der unglücklichen Gattin fiel.
Da Eberhard seinen Plan vereitelt sah, so schied er wieder aus der Gegend, und Elisabet hörte nur, dass er in's heilige Land mit Weispriach gereist. Freilich nicht zu einer Buss- und Betfahrt, sondern zu neuen Abenteuern.
Acht Jahre waren seitdem vergangen. Elisabet, so grässlich in ihrer Jugendliebe betrogen, unschuldig eine Schuldige, den Mann ihrer Liebe als einen Gegenstand der Verachtung erkennend, wollte wenigstens sich davor bewahren, Anderen ein Gegenstand des Spottes zu werden, und trug die ganze Centnerlast ihres Schmerzes allein als ihr geheimnis, dass sie jetzt tausendmal ängstlicher hütete als zur Zeit des Glückkes. Sie suchte ihr Herz gegen die Liebe zu verhärten und setzte jedem mann kalten Stolz entgegen. So vergingen fünf Jahre. Da schmolz die Eisrinde unter der Glut der Poesie, aber auch Celtes erkannte ihr Herz nicht ganz, so zog es sich zusammen, und durch eine ewige Fessel wollte sie es zwingen ruhig zu schlagen.
Und jetzt, nach acht Jahren hatte der Verräter ihrer Jugendgefühle sich wieder zu ihr zu drängen gewagt; hatte er mit dem Markgrafen, mit dem Könige von ihr gesprochen – oder durch wen sonst – sollte jetzt verraten worden sein, was sie als unauslöschlichen Schimpf empfand? Nimmer hatte sie seinen Namen wieder über ihre Lippen gebracht, weder den Markgrafen noch den König nach ihm fragen mögen, wie sehr sie diesem auch seine Verbannung dankte.
Aber hatte sie nicht für sich zu fürchten, nun er ihr wieder einmal genaht? Das quälte und ängstete sie, und sie versank in vergebliches Sinnen darüber, wie über die geschichte, die ihr der Goldschmied Dürer erzählt.
Elftes Capitel
Hexen und Wegelagerer
Als die Baubrüder Ulrich und Hieronymus eines Abends in der Dunkelheit an ihre wohnung kamen, sahen sie in einem Winkel der Haustür irgend ein Wesen zusammengekauert hocken. Da sie eintreten wollten, erhob es sich, zupfte Ulrich leise, so dass dieser unwillkürlich an sein Schwert griff, indess eine leise stimme sagte:
"Ich habe Eure wohnung ausgekundschaftet und auf Euch gewartet; nicht war, Ihr seid Ulrich von Strassburg und jener ist der blonde Hieronymus?"
"Wir schämen uns unserer Namen nicht!" sagte Ulrich, der gewahr ward, dass es ein weibliches Wesen mit langen Zöpfen war, das sich an ihn drängte; weiter vermochte er in der Dunkelheit Nichts zu erkennen, und da er eine Weile vergeblich auf einen Nachsatz zu der Anrede gewartet, sagte er unwillig das Mädchen zurückschiebend: "Geh' fort, wir sind Baubrüder und mögen weder von ehrbaren Frauen noch weniger von verlaufenen Dirnen etwas wissen, die zur Nachtzeit in den Strassen lauern."
Das Mädchen stiess einen Schrei aus und sagte: "Ich kann Nichts wider die innere stimme, die mich antreibt ein Unglück zu verhüten, wo es möglich. Ihr habt Eberhard von Streitberg erzürnt, und er wird sich rächen an Euch und an Ihr!"
"Es ist wohl gar das Judenmädchen?" rief Hieronymus, es jetzt erkennend; "packe Dich in das Judenquartier, in das Du gehörst, und lass uns in Ruhe!"
Das Mädchen fing an zu weinen.
"Wenn Du es gut meinst," sagte Ulrich besänftigend, "so gehe ruhig Deines Weges; ich sagte Dir schon einmal, dass uns auch der gefährlichste Raubritter Nichts rauben kann, denn wir haben Nichts, und mit seinem Schwert hat sich unseres schon gemessen, falls er uns nach dem Leben trachten sollte."
"Ihr habt Nichts?" fragte das Mädchen ermutigt, aber doch wie mit vorwurfsvollem Tone, und fügte wehmütig hinzu: "O Ihr habt unendlich viel, wenn Ihr einen ehrlichen Namen habt, aber den trachtet Euch der Ritter zu rauben; er will Euch beschimpfen und vernichten, indem er aussprengt: Eure Mütter wären – Hexen!"
"Unsinn!" rief Hieronymus; "es sollt' einer wagen mein Mütterlein zu beschimpfen, das jedes Nürnberger Kind als die bravste Frau kennt von Kindesbeinen an!"
"Er wird einen Makel auf Euch werfen, um Euch zu schaden, zweifelt nicht daran!" rief die Jüdin.
"Er mag's versuchen!" lachte Hieronymus; "komm, Ulrich, lass' uns nicht länger hören auf dies alberne geschöpf!"
"Verachtet Ihr für Euch meine Warnung," sagte sie seufzend, "so hört doch die für die Dame, der ihr damals beistandet. Lasst sie wissen, dass sie sich unter keinem Vorwand soll aus der Stadt locken lassen, dass sie –"
"Ach, lass uns in Ruh," sagte Hieronymus; "geh' selbst zur Scheurlin und sag' ihr was Du willst, uns geht sie Nichts an!"
"Doch, doch!" rief das Mädchen, "ich kann nicht zu ihr! wir Ausgestossenen dürfen ja weder bei Tag noch bei Nacht die Schwellen dieser stolzen Geschlechter überschreiten! Und doch möchte' ich das Unheil verhüten, da ich es einmal weiss! O wollt denn auch Ihr mich nicht hören?" wendete sie sich an Ulrich; "Ihr dürft mich nicht verraten und werdet es schon nicht –