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. Ueberlegt es Euch also vorher, ob ich der rechte Mann für Euch bin oder nicht."

"Der seid Ihr ganz gewiss, Meister Dürer," antwortete das Weib; "ganz Nürnberg weiss, dass es keinen ehrlicheren Gold- und Silberschmied hier gibt denn Euch, Ihr werdet also schweigen?"

"Bei jedem ehrlichen Handel, ich bin keine Plaudertasche," antwortete der Meister.

"Nun denn," begann die Frau, "nicht wahr, die schöne Rose von Rubinen und Smaragden in lauterm Golde gefasst, die unser allergnädigster König Max der Scheurlin zum Geschenk gemacht, ist von Eurer Arbeit?"

"Allerdings," antwortete der Goldschmied, "ich darf mich dessen rühmen."

"Hab't Ihr sie noch treu im Gedächtniss?" fragte die Frau.

"Gewiss," antwortete Dürer; "ich habe sie ganz allein selbst gefertigt, und vergesse nie, was meine hände mit so viel Mühe gearbeitet. Mein Sohn Albrecht hatte mir die Zeichnung dazu gemacht und die habe ich auch noch."

"Desto besser," antwortete die Fremde; "nun denke't Euch das Unglück: die Scheurlin hat die Rose verloren –"

Dürer ward blass vor Schrecken und Aerger. "Wie kann man ein solches Kleinod verlieren!" rief er entrüstet; "diese leichtsinnigen Weiber! Diese kostbaren Steine! dieses Kunstwerk, an dem ich so viel Tage und Nächte mit Fleiss und Mühe gearbeitet, vielleicht im Staube zertreten!"

"Ich glaube, es ist noch schlimmer!" sagte die Frau mit Achselzucken. "Sie hat sie in die Pegnitz fallen lassen, und darum keine Hoffnung sie jemals wieder zu bekommen. Darum verschweigt sie auch den Verlust, um sich nicht lächerlicher vor den Leuten zu machen, die ihr des Kaisers Gunst beneideten; am ängstlichsten verbirgt sie ihn aber vor ihrem Mann, und damit er denselben nie entdecke, wünscht sie, Ihr möchtet ihr eine ganz gleiche Nadel machen."

Dürer schüttelte den Kopf. Er konnte sich lange nicht zufrieden geben weder über den Untergang seines Kunstwerkes, noch über den Leichtsinn einer Frau, die einen Gegenstand, dessen hoher Wert durch den Geber ihr noch verdoppelt sein musste, nicht vorsichtiger zu bewahren verstand. Endlich sagte er: "Und was denkt denn die Frau Scheurlin, dass die Nadel gekostet?"

"Sie ist reich, sie zahlt denselben Preis wie der König," antwortete die Frau. "Nennt den Preis."

"Zweihundert Reichsgulden."

"Und bis wann kann die Nadel fertig sein?"

"Unter drei bis vier Wochen ist's gar unmöglich; ich muss erst sehen, dass ich die passenden Rubine bekomme."

"Gut, in drei Wochen werde ich wieder kommen."

"Ich kann sie ja der Frau Scheurlin schicken, so bald sie fertig ist, weil ich die Zeit nicht genau bestimmen kann."

"Um's himmels Willen nicht!" rief die Frau, "damit es nicht etwa Jemand von der Dienerschaft erfährt, und es mit Absicht oder aus versehen dem Herrn Scheurl verraten könnte, hat sie mich zu Euch gesandt, darum darf es keine Menschenseele weiter wissen, und darum nahm ich Euch ja das Versprechen des Schweigens ab, wie auch Ihr darauf rechnen könnt', dass ich schweigen werde."

"Aber wenn nun inzwischen Herr Scheurl die Nadel vermisst?"

"So wird seine Gattin sagen, dass sie Euch dieselbe zur Reparatur gegeben, weil sie ein Steinlein daraus verloren," antwortete scheu die Frau.

"Nun, dann könnte ja auch dasselbe gesagt werden, wenn ich ihr die neue Nadel schickte, und sie käme ja nicht gleich in die rechten hände."

Die Frau war offenbar über diese Bemerkung bestürzt und suchte vergeblich nach einer Gegenrede. Endlich sagte sie: "Die Frau Scheurl hat es aber einmal so befohlen, wie ich sagte, dass die Nadel wieder bei Euch abgeholt werden soll. Ihr könnt' ruhig sein, Ihr brauch't sie nur gegen baare Bezahlung abliefern. – Und was die erwähnte Lüge betrifft, so war sie ja nur für den äussersten Notfall ausgesonnen, und Frau Scheurl hofft, dass sie derselben nicht bedürfen werde, infern Ihr nur keine Unklugheit begeht."

"Nun, so komm't in drei Wochen wieder, ich will mein Möglichstes tun, das Werk noch einmal zu vollenden." So war Dürer's letzter Bescheid und die Frau entfernte sich endlich.

Ein paar Tage darauf, am Sonntag Nachmittag, hatte sein Sohn, der Malerlehrling Albrecht, seine Freistunden, die er stets am liebsten im Elternhause zubrachte und auch da sich nicht immer Ruhe von der Arbeit gönnte, da es in diesen Mussestunden oft noch eine Zeichnung für den Vater zu fertigen gab. Eben sass er über einer solchen, aber nicht in der heute verschlossenen Werkstatt, sondern in der Wohnstube, in der die Mutter Barbara die Spindel drehte, dabei immer wohlgefällig nach dem Lieblingssohne blikkend. Er war ihr drittgeborener; der älteste, der das Handwerk des Vaters lernte, war schon fort auf die Wanderschaft nach den Niederlanden, wo auch der Vater, der aus einem ungarischen dorf stammte, sich seine grösste Geschicklichkeit erworben hatte. Das zweite Kind war gestorben, und so noch mehrere, aber dennoch war es noch ein ganzes Häuflein braungelockter Buben und Mädchen, das die enge stube bevölkerte. Alle waren sehr einfach, aber reinlich gekleidet, das