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von uns schief im Sattel sitzen. Nun aber nimmt der König nie einen einmal gegebenen Befehl zurück, es sei denn, er würde durch einen Scherz oder von den Fürbitten schöner Frauen dazu gebracht; wäret Ihr nicht alle froh, wenn wir noch heute hier blieben und noch einmal zusammen tanzten, statt allein auf den schlechten Wegen zu Pferd die Balanze zu verlieren?"

Alle riefen: "O wenn das möglich wäre!"

Kunz hob Maxens Stiefel empor, legte den einen der gewaltigen Ritterstiefel von unbeschreiblicher Last auf Elisabet's weisse arme, den andern gab er Frau Tucher und sagte:

"Nun wohl, hier habt Ihr seine Stiefel, versteckt sie, so kann er nicht fort; aber eilt, damit er uns nicht bei der Tat erwische."

Wirklich hörte man draussen Tritte, und Kunz entfloh mit den Frauen durch eine kleine Tapetentüre eine düstere Treppe hinab. Hier wurden die Stiefel in den finstersten Winkel gestellt, und auf einem anderen Weg kehrten die Nürnbergerinnen wieder in den Speisesaal zurück.

Der König mit den Rittern hatte sich entfernt, sich zum Fortritt zu rüsten. Markgraf Friedrich, der nicht mit nach Neuenmarkt wollte, war noch da bei seinen anderen Gästen. Da meldete ihm ein Diener: es sei unbegreiflich, aber die Stiefel Sr. Majestät wären verschwunden und hätten doch vorhin bei der Rüstung gestanden.

Der Markgraf wollte aufschäumen über die Fahrlässigkeit des Gesindes, da trat Elisabet vor und sagte:

"Wir wollen es nur gestehen: wir haben Sr. Majestät Stiefel und Sporen verborgen, damit er noch heute bei uns in Nürnberg bleibe."

"Und mit uns tanze!" fügte Eleonora hinzu; "da kann er der Reiterstiefel und Sporen entbehren."

Der Markgraf lachte und ging zum König. Es dauerte nicht lange, so brachte er ihn wieder; fröhliches Jauchzen empfing ihn und die Trompeten schmetterten.

"Sehet!" sagte Elisabet, als der König zu ihr trat: "schon habe ich nun bei Euer Majestät etwas für mich selbst erbetenund ich hätte auf die Rose, nun mein höchstes Kleinod gedeutet, wenn Ihr's verweigert."

Max nahm den Scherz gnädig auf und war gern bereit noch zu bleiben. In die Stadt sandte man Boten, noch andere Herren und Damen zum Tanz zu holen, der noch die ganze Nacht durch währte.

Noch einmal durfte Elisabet die Huldigungen des Königs empfangen, noch einmal Ursula mit Stephan in trauter Nähe die Schwüre ewiger Treue tauschenaber auch die plötzlich noch geschenkten Stunden verflogen und verrauschten, und endlich kam doch die letzte, die den Abschied brachte. – –

Am folgenden Tage war es sehr still in Nürnberg. Der König war in aller Frühe und Stille mit seinem Gefolge zur Stadt hinausgeritten, als könne er sonst noch einmal zurückgehalten werden.

"Die Gefangenschaft war weder so lang noch so langweilig wie die zu Brügge!" flüsterte Kunz ihm zu.

Die Nürnberger aber hatten Mühe, sich wieder in das alte Geleise ihres tätigen Lebens zurückzufinden.

Zehntes Capitel

Elisabet

Die frühe Dämmerung des Septemberabends brach schon herein, als eine vermummte Frau an dem "schönen Brunnen" vorüber schlich in die Winklerstrasse, um von hier in das Hinterhaus des Pirkheimer'schen Hauses zu gelangen, in dem sich des Goldschmieds Albrecht Dürer wohnung und Werkstatt befand. Die Gesellen waren aus derselben entlassen, aber der Meister arbeitete noch allein in dem dumpfen Gewölbe bei einer kleinen Flamme, die ihm zugleich Licht und für seine Arbeit die nötige Hitze gab.

Eben hatte er ein Silberstäbchen an die Flamme gehalten, die sein ehrliches, von Sorgen und Arbeit gefurchtes Gesicht beleuchtete, als es draussen pochte Die Störung kam ihm ungelegen und sein Herein klang nicht etwa freundlich.

Darauf trat eine weibliche Gestalt ein, von einem brauen Mantel umhüllt und über den Kopf ein grosses schwarzes Tuch, das auf dem Kinn zusammengeknüpft, auch über die Stirn so weit vorstehend herunterhing, dass von dem darunter befindlichen Gesicht nicht viel mehr zu sehen war als eine spitzige Nase und ein grosser Mund mit schadhaften Zähnen.

"Guten Abend, Meister Dürer," sagte die Eintretende; "es ist wohl ein wenig spät, dass ich komme, aber ich hab' versprechen müssen, meinen Auftrag nur an Euch allein auszurichten, darum wählt' ich die jetzige Zeit. Aber ehe ich meine Bestellung mache, müsst Ihr mir versprechen auch keiner Seele weder jetzt noch künftig ein Wort davon zu sagen."

Der Goldschmied dachte: das wird auch eine rechte Bestellung sein, welche diese Frau für mich hatvielleicht aus Silberhellern einen Ring zu machen, oder wer weiss, ist es nicht Schlimmeres? ist es nicht vielleicht gestohlenes Gut, das sie bei mir verwerten will oder umschmelzen lassen? Er hatte oft solche Versuchungen zu bestehen, und hatte sie immer mit der ganzen Kraft einer redlichen Seele tapfer bestanden, wenn auch der verheissene Gewinn noch so gross und die sorge noch grösser war, wie er sein Weib und seine achtzehn Kinder vor Mangel und Not behüten möchte. Darum sagte er auch jetzt:

"Das Versprechen zu schweigen gebe ich nur dann, wenn ich es mit gutem Gewissen halten kann. Ist das bei Euch der Fall, so ist ein Wort so gut wie tausend, ich verspreche zu schweigen und schweige. Ist's aber keine ehrliche Sache, so sag' ich Euch voraus, dass weder Furcht noch Gewinn, weder Bitten noch Drohungen mich abhalten werden, sie an's Tageslicht zu bringen