hätte ich jede andere Bitte erwartet als eine solche! Wer ist das hübsche Kind?"
"Die Tochter Gabriel Muffel's, der unter den Ratsherren Euch vorgestellt ward. Es gibt Leute, die es der Enkelin wollen entgelten lassen, dass ihr Grossvater vor zwanzig Jahren hier als Loosunger gerichtet ward. Sie ist das edelste und sittsamste Mädchen von Nürnberg, erhebt sie durch Eure Gnade vor diesen ungerechten Menschen."
"Es soll geschehen," sagte der König; "aber hab't Ihr nichts Anderes zu wünschen?"
"Stephan Tucher," fuhr Elisabet fort, "wird Euch begleiten, wie ich höre, lasst ihn Eurer Gnade empfohlen sein."
Max lächelte: "Darf Euer Gemahl diese Fürbitte hören?"
"Er würde sie wiederholen, wenn Ihr ihm dieselbe Gnade erwieset wie mir," versetzte Elisabet ruhig; "dieser Tucher liebt die Jungfrau Muffel, aber der Eigensinn der Väter widersetzt sich dieser Verbindung – nehm't Ihr das liebende Paar in Euren gnädigen Schutz."
Max liess seine Blicke auf Elisabet mit reiner Bewunderung gleiten, die jetzt nicht ihren Körperreizen, auch nicht ihren Kenntnissen, sondern den Eigenschaften ihres echtweiblichen Herzens galten, die sich jetzt ihm offenbarten, und sagte bewegt: "Keine andere Bitte?"
"Doch!" versetzte Elisabet, "wenn Eure Majestät mich noch länger anhört. Heute bei der Tafel erzählte man Euch von Konrad Celtes, und wie Euer erlauchter Vater, unser gnädigster Kaiser und Herr mich ausersehen, ihm den Dichterkranz auf's Haupt zu setzen; vor all' den anderen Herren wagte ich nicht weiter von ihm zu sprechen, jetzt aber möchte' ich Euch bitten: leset seine Schriften und wollet bedenken, dass der nächste Platz neben dem Fürsten dem Dichter gebühren sollte. Ich wollte, er wäre jetzt noch hier: er würde Euch verstehen wie kein Anderer, und Ihr würdet seine Verdienste erkennen und zu würdigen wissen wie kein Anderer!"
"Ihr seid ein wunderliches Weib!" rief der König; "was kümmern Euch Andere? warum denkt Ihr nicht an Euch selbst?"
"Nur wenn ich an Andere denken kann, lebe' ich mir selbst!" antwortete sie, und fügte bei sich selbst hinzu: wenn ich für Andere nicht leben kann, so will ich doch an sie denken! Dann fuhr sie fort: "Mich kümmerte es wohl, die beiden einzigen Männer, die ich als die edelsten ihres Geschlechtes verehre, berufen dem gesunkenen deutschen Reiche wieder aufzuhelfen, Hand in Hand wirken zu sehen und die neue Zeit heraufzuführen, der Alle, welche denken können, sich entgegensehnen."
Max hatte über dieses Gespräch des Tanzen vergessen – so hatte noch keine Frau zu ihm geredet. "Eine neue Zeit!" wiederholte er sinnend. "Ihr werdet mit mir die Tage der vergangenen Herrlichkeit und Kraft des Kaiserreiches wiederkehren sehen, der Tron Karl's des Grossen wird seinen alten Glanz entfalten und die Ritterlichkeit jener alten Zeit sich durch mich erneuern!"
Elisabet seufzte. Seit ihr Bruder ausgezogen war, um neue Welten zu entdecken, seitdem Celtes das Studium schöner Menschlichkeit den vertrockneten Lehren der Kirchenväter siegreich entgegen gestellt, seit der Bruder wie der Dichter ihre Lehren ihr verdeutlicht, war sie gleich ihnen mit der ganzen Inbrunst einer sehnenden und ahnungsvollen Frauenseele zu einem schönen Zukunftsglauben begeistert worden, und der König, der ihr als das Ideal eines Helden und Volksbeglückers erschien, wenn jemals einer auf einem Tron gesessen – der sprach nun von der Rückkehr zu der Herrlichkeit der alten Zeit!
Aber er deutete ihr Seufzen anders und sagte: "Ihr hab't noch etwas auf dem Herzen – sprech't es aus; hab't Ihr denn keinen eigenen Wunsch, den Euer König erfüllen könnte?"
Er sah sie dabei so zärtlichglühend an, dass sie nach einigem Bedenken errötend sagte: "Nun denn: wenn Ihr wieder einmal nach Nürnberg kommt und die Veste vielleicht nicht würdig bereitet ist Euch aufzunehmen, so betrachtet das Haus Christoph Scheurl's als das Eurige."
"Seid versichert, ich werde Eure Einladung annehmen!" rief Max, reichte ihr zum Versprechen die Hand und küsste die ihrige. Damit verabschiedete er sich zugleich von ihr, denn der Tanz war zu Ende, und mit dem nächsten erfüllte der König Elisabet's erste Bitte: er winkte den Narren herbei, damit er ihm Ursula zuführe. Die bescheidene Jungfrau war nicht wenig erstaunt über die ihr erwiesene Ehre, und wagte vor sittiger Verschämteit und Bescheidenheit kaum die Augen aufzuschlagen zu dem ritterlichen König. In immer grössere Verwirrung geriet sie, als dieser sie mit Stephan Tucher neckte und an ihrer Verlegenheit sich weidete. Zuletzt aber sagte er zu ihr:
"Verlasst Euch auf Euren König! Ein wenig Prüfung müssen alle liebenden Paare bestehen, denket Ihr nur unter den Eurer an mein Wort: dass ich nicht anders denn zu Eurer Hochzeit mit Stephan Tucher nach Nürnberg zurückkehren will, wenn Ihr in rechter Treue für einander beharrt! Das möge Euch trösten!"
"O Majestät!" rief sie und suchte doch vergebens nach weitern Worten ihren Dank zu schildern. Aber da der Tanz beendigt war, eilte sie zu Elisabet, denn sie ahnte, dass sie es war, der sie dies Glück verdankte. In ihren strahlenden Augen glänzte für Elisabet der reichste Lohn eines Dienstes, den uneigennützige Freundschaft geleistet. Ihr Zweck war doppelt erreicht, denn ausserdem, dass Ursula das königliche