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ich nicht, warum ihnen gegenüber ein Narr aufhören sollte einer zu sein. Uebrigens wisst Ihr ja, dass mein Herr und ich selbst zum ersten Male in Nürnberg sind."

"Deshalb hättet Ihr die Scheurlin doch schon gesehen haben können, denn sie ist einmal über ein Jahr fort gewesen, um sich in Venedig und Gott weiss wo Alles abenteuerlich umher zu treiben," berichtete Katarina, und fügte hinzu, indem sie den Mund höhnisch spitzte: "Freilich, es ist wahr, wenn Ihr sie früher gekannt hättet, würdet Ihr sie schwerlich der erwiesenen Ehre würdigen; in der Fremde hat sie sich, wie man hört, nicht viel besser betragen denn andere fahrende Frauen, und welch' anstössiges verhältnis sie mit dem hergelaufenen Poeten, dem Celtes gehabt, weiss ganz Nürnberg."

Ursula, die auf der andern Seite des Narren sass und zwar nur auge' und Ohr für Stephan hatte, vernahm doch diese Schmähung Elisabet's, die ihr das Blut in's Gesicht trieb, und sagte:

"Glaubt das nicht, Herr von der Rosen! Frag't andere ehrsame Frauen und Männer in Nürnberg nach der edlen Frau Scheurlin, und alle werden mit achtung und Anerkennung von ihr sprechen."

"Solche ausgenommen," fiel ihr Stephan in's Wort, um ihre Rede zu vollenden, "die ihre geistigen und körperlichen Vorzüge ihr missgönnen, weil sie sich dadurch in den Schatten gestellt fühlen."

"Ereifert Euch nicht, werte Damen und Herren," antwortete Kunz mit um so grösserer Ruhe; ich müsste kein Narr sein, wenn ich nicht wüsste, dass die Menschen sich überall gleich sind, was Neid und Verleumdung reden, spaziert bei mir zu dem einen Ohr herein, um zu dem andern wieder hinaus zu gehen, und sagt mir nur, wie wenig von den Leuten zu halten, die also sich bemühen Andere herabzusetzen; vor denen aber, welche Andere verteidigen, nehm ich meine Kappe ab!" Damit verneigte er sich ehrerbietig vor Ursula und schüttelte Stephan die Hand.

Die gedemütigte Katarina sass sprachlos vor Wut da und wendete sich zu ihrer stumm gebliebenen Nachbarin Beatrix Immhof, einer hübschen, stillen Jungfrau, und sagte zu ihr:

"Nun sieht man doch, dass die alte Sitte gut ist, wenn wir Frauen für uns allein speisen; die Gegenwart der Männer verbittert die Unterhaltung."

Beatrix fühlte sich gerade nicht veranlasst dem beizustimmen, denn neben ihr sass der Ritter Apel von Weispriach und erzählte ihr Wunderdinge von seiner Reise aus dem heiligen land. Dieser wandte sich jetzt zu Frau Katarina und sagte leise:

"Ihr hab't nur einen misslichen Platz neben dem Narren; sobald er uns einmal von seiner Gegenwart befreit, möchte' ich gern von Euch Näheres über Celtes und die Scheurlin hören, und wie die gefeierte Schönheit noch dazu gekommen, einen zwanzig Jahre ältern Mann zu heiraten, der ihr freilich das Leben nicht schwer zu machen scheint?"

Katarina nickte ihm hocherfreut und beifällig zu, aber sie hielt ihre Zunge im Zaume, so lange Kunz neben ihr sass, von dem sie noch mehr als eine derbe Anspielung über neidische und klatschsüchtige Frauen hören musste.

Die Mahlzeit währte bis zur Dämmerung, wo sich die Frauen entfernten, um zum darauf folgenden Ball sich umzukleiden; indess zechten die Männer noch weiter, und es gehörte viel Mut und Tanzlust der Frauen dazu, zu dieser wüsten Geschellschaft wieder zurückzukehren und von den angetrunkenen Männern im Tanz sich schwenken zu lassen. Indess war es so Sitte, selbst im ehrbaren Nürnberg, über dessen Zucht und Ordnung die Ratsherren sorgfältiger wachten, als in einer anderen Stadt geschah, und das von allen zeitgenössischen Schriftstellern als ein Muster von würdigem Anstand und feinen Sitten hingestellt wird. Aber auch von dieser Stadt schreibt Konrad Celtes selbst, der sich in ihr so wohl fühlte, wie sonst nirgends: "Bei den meisten deutschen Völkerschaften gibt es Anlass zu blutigen Zänkereien und zu vielen andern Uebeln und Ausschweifungen, dass sie einander nach gewissen Gesetzen und Gebräuchen aus grossen Bechern zutrinken, wobei sie sich wie über einen grossen Sieg rühmen, wenn sie einen sinnlos und gleichsam tot zu Boden gebracht haben. Hier in Nürnberg sind die Tischgespräche gar artig und gegen die Weise der Deutschen gesetzt, ohne Händel und ohne freches Gelächter, sondern durch bescheidenes Stillschweigen niedergehalten. Das Schimpfen und Fluchen ist hier weniger an der Tagesordnung als anderswo."

Die Nürnbergerinnen kehrten also wieder zurück, nachdem sie die schweren Woll- und Sammetstoffe mit leichteren Kleidern von dünner Seide und jenem zarten Stoff vertauscht hatten, welchen die alten Dichter seiner Durchsichtigkeit wegen "gewebte Luft" nannten, Haar und Gewänder mit lebendigen Blumen geschmückt.

König Max selbst eröffnete den Tanz mit Eleonore Tucher, indess Markgraf Friedrich mit Elisabet tanzte. dafür widmete der König dieser später mehr als einen Tanz und erwies ihr jede ritterliche Huldigung.

In welchen Rausch von Stolz und Glück sie auch dadurch versetzt ward, so gehörte sie doch auch jetzt nicht zu den selbstsüchtigen Naturen, die alles Andere über sich selbst vergessen. Darum sagte sie zu dem König:

"Darf ich mir eine Gnade von Euch erbitten?"

"Ihr wisst, es wird mich glücklich machen, Euch Alles zu erfüllen, was ein König erfüllen darf."

"Nun so tanzet den nächsten Tanz mit der blonden sanften Jungfrau im weissen Kleid mit Rosen geschmückt, die eben mit Stephan Tucher an uns vorüberschwebt," sagte Elisabet.

Der König lächelte: "Da