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Fuss, indess er mit dem anderen nach seiner waghalsigen Gewohnheit andertalb Schuh weit in die Luft mass. Mit seiner Rechten schwang er die Kelle, und fügte den nächsten Stein ein, weil er, wie er sagte, nicht dagewesen sei, um den Grundstein zu legen.

Unten auf dem Platz um die Kirche stand vieles Volk und jauchzte dem kühnen Fürsten zu, der so, fast dreihundert Fuss hoch, in schwindelnder Höhe über der Menge schwebte, als sei er es nicht anders gewohnt. Und die Steinmetzen lobten auch den Bruder Max, der es den kühnsten und geschicktesten unter ihnen gleich zu tun verstehe.

Und wieder stieg er herab, stand vor der prächtigen Brauttür, über deren Portal die herrlichste, kunstvoll gearbeitete Fensterrose prangte, und welche die fünf klugen und törichten Jungfrauen schön in Stein gemeisselt umstehen, und trat durch das erhabene Portal in den noch erhabeneren Raum. Der Propst, der ihn begleitete und sich nicht recht getrauen mochte, manche etwas zu tiefgehende Frage des Königs zu beantworten, hatte Ulrich neben sich gewinkt. Es bedurfte hier keiner Vorstellung. "Das ist das Monogramm des Bruders Ulrich," sagte Kress, auf ein Kreuz mit dem Winkelmass durchschnitten deutend, das sich an einem Kapital befand, welches eine zierlich gearbeitete Krone von Eichenlaub schmückte. Das war der Vorstellung genug, denn Maxens Blicke, die mit Befriedigung auf den Werken ruhten, wandten sich in gleicher Weise zu dem Steinmetzen, dem es nun vergönnt war, an seiner Seite zu wandeln.

Und so gingen sie durch den erhabenen Bau, der im reinsten gotischen Baustyl die Wunderwerke desselben verkündete. Wie war hier alles Starre an Pfeilern und Gewölben verschwunden, wie hatte sich hier Alles gelös't in ein durchaus gegliedertes und bewegtes Leben. Zu prachtvollen Säulen waren die Pfeiler emporgewachsen, und ringsum aus der Aussenfläche ihres Kernes schwangen sich leichte Halbsäulchen und Röhrenbündel empor, dass die Masse des Pfeilers gleich der Garbe eines lebendig bewegten Springquells aus dem Boden aufgestiegen schien. In den Bögen, welche die Pfeiler verbanden, neigte sich diese Springflut im rytmischen Spiele und doch in sicherer Geschlossenheit gegeneinander, an den Oberwänden des Mittelschiffs stieg sie in ungehemmter Kraft empor, an allen Linien des Gewölbes strahlte sie herüber und hinüber. Was noch an lastender Form die Seiten- und Oberwände hätte bilden mögen, verschwand dadurch, dass sie zu weiten und hohen Fenstern sich auseinander dehnten, während doch ein elastisch gespanntes Sprossenwerk in ähnlichen flüssigen Formen gebildet, allen Eindruck eines leeren Raumes aufhob. Die gesammte innere Architektur war zum Ausdruck von Kraft und Bewegung geworden; sie zog die Sinne und das Gemüt des Beschauers unwillkürlich aufwärts, und doch war Alles von jenem klaren Ebenmasse erfüllt, welches mit der Bewegung zugleich die erhabenste Ruhe, mit der Kraft die edelste Majestät verband. Durch die prachtvoll in schönstem Farbenglanze strahlenden Bogenfenster quoll ein Meer von Glanz und Glutes war gleichsam die Inbrunst eines glühenden Gefühls, bei dem tausendstimmigen Hymnus des Gebetes, der von den Steinen, welche zu sprechen schienen, widerhallte, getragen von den tausend Armen und gefalteten Händen, welche die Pfeiler zur Feier des Höchsten emporstreckten.

Auch über Max kam diese weihevolle Stimmung. Er wandte sich von dem Propst, der ihm weitläufig auseinander setzen wollte, dass diese köstlich gemalten Fenster erst kürzlich von V e i t H i r s c h v o g e l wären vollendet worden, dessen drei Söhne zugleich die Kunst des Vaters übten und es wohl auch zur Meisterschaft bringen würden. Obwohl Max, sonst ein Freund aller Künstler, gern von allen erzählen hörte, und sie auch selbst aufzusuchen oder zu sich zu bescheiden pflegte, so mochte er doch im Augenblick, wo ein grosser Gesammteindruck ihn erfasst hatte, Nichts vom Einzelnen hören, und sagte kurz abweisend: "Wir sprechen nachher davon," indess er zu Ulrich sagte: "Hier ist Leben und Bewegung, und doch ein Bau, der von Ewigkeiten spricht, der Stand halten wird im Sturm der zeiten. Tausende haben daran gebaut, und ist doch ein Geist in dem Ganzen, und hat doch jeder einzelne Stein seine stimme, aber alle klingen zusammen in einer grossen Harmonie. Ich wollte, ich könnte das deutsche Reich erbauen wie einen Dom."

"Erbau es nach einem solchen!" sagte Ulrich feierlich. "Du bist der erste deutsche König, der einen Einblick gewonnen in die Mysterien eines solchen Baues; zeige es den Geweihten, dass Du ein echter Schüler bist des Albertus Magnus und so durchdrungen von seiner erhabenen Lehre, dass Du gar nicht anders kannst, als sie auf alle Verhältnisse anwenden. Sieh', kein Profaner hat den Schlüssel zu dem geheimen Grundprinzip unseres Tempelbaues; aber im Tempel selbst beten alle Profanen an, von der göttlichen Macht bezwungen; sie verstehen nicht die heiligen Symbole, aber die gewaltige Harmonie, die aus den Steinen redet, klingt in allen Herzen wieder, alle beten an und fühlen: so muss es sein, so lobt das Werk die Meister, die sich selbst verbergen und nur still sich freuen, dass sie Ewiges geschaffen im Endlichen, geschaffen in einem Geist und doch mit tausend Händen."

"Bruder Ulrich," versetzte Max, indem er dem begeisterten Sprecher tief in die Augen sah, "ich fürchte, wenn ich auch den Grundriss mache gleich dem besten Baumeister: die tausend hände werden fehlen, die willig sind und geschickt, die Steine nach dem Plan zusammenzufügen zur Harmonie eines ewigen Baues."

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