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etwas zu fragen," sagte Ulrich, "so werde ich ihm nicht anders antworten, denn jedem andern Baubruder."

"Herr Anton Kress, unser Propst, der einmal sein besonderes Augenmerk auf Dich gerichtet, wird den König schon aufmerksam auf Dich machen," sagte Hieronymus.

"Wie es ihm gefällt," entgegnete Ulrich; "übrigens aber hat die Teilnahme dieses Mannes für mich etwas Unheimliches."

"Sage nur Geheimnissvolles," verbesserte Hieronymus; "worin sollte das Unheimliche liegen? Er ist ein durchaus harmloser Charakter, wie mir scheintein Mann, der es zur Ehrensache anrechnet, sich das Ansehen zu geben, als habe er unsere Lehre bis in ihre ganze Tiefe erschöpft, und der vielleicht kaum das System des Achtortes von ihr behalten, der sich gern als Stifter erhabener Bauten einen Namen machen möchte, weil das zumal in Nürnberg so üblich, und den Glanz der 'Geschlechter' erhöhtder nebenher aber gern den Freuden der Tafel huldigt, dem Bachus opfert und nach schönen Frauen schielt."

Elisabet war kein Wort von dieser Unterhaltung verloren gegangen, denn alle ihre Sinne waren von ungewöhnlicher Feinheit, so auch ihr Gehör, und so auch sah sie jetzt trotz der Dämmerung, dass die beiden die Festtracht der Baubrüder trugen, wie sie dieselbe am Morgen gesehen, und es schien ihr wahrscheinlich, dass der eine von ihnen der Steinmetz war, von dem sie sich an diesem Morgen durch das Wegwerfen ihrer Blume beschimpft hielt. Sie rührte sich nicht und ihre Gegenwart blieb den Männern verborgen. Jetzt sah sie, wie eine kleine weibliche Gestalt ihnen nachgeschlichen kam, und sich ohne bemerkt zu werden, nur einige Schritte hinter ihnen hielt. Ihnen entgegen kamen zwei andere, noch knabenhafte Jünglingsgestalten.

"Sieh' da," sagte Ulrich, "mein kleiner wackerer Freund Albrecht Dürer! Habt' Ihr heute auch einmal die dumpfe Werkstatt verlassen und seid von Meister Wohlgemut's Knechten befreit?"

Albrecht schüttelte Ulrich herzlich die Hand. Der Steinmetz hatte Wort gehalten und ihn eines Tages in seiner Werkstatt besucht, und seitdem war es zuweilen geschehen, dass sie an Sonntagen einander gesehen, denn Ulrich fand Wohlgefallen an dem fleissigen, kunstbegeisterten Jüngling, und dieser wieder an Ulrich's Belehrungen, durch die er besonders seine geometrischen Kenntnisse vervollkommnete.

Er stellte diesem seinen Begleiter vor: "Das ist mein lieber Freund W i l l i b a l d P i r k h e i m e r , mit dem ich aufgewachsen, da wir in einem haus wohnen."

"Und woll't Ihr auch ein Maler werden?" fragte Ulrich den zartgebauten und fein gekleideten Jüngling, an dessen Haltung schon man den Patriziersohn trotz der Dunkelheit erkannte.

"Nein," antwortete Willibald mit feinem Lächeln; "ich besuche die gelehrten schulen, und wenn mein Freund Albrecht nicht mehr hier ist, so will ich nach Italien gehen, dort die Rechte studiren und mich mit den humanistischen Studien beschäftigendann meiner Vaterstadt und diesem edlen König Max dienen, der wohl Kaiser sein wird, wenn ich zurückkomme."

"Und wie gefällt denn Euch der künftige Kaiser?" fragte Hieronymus die beiden, und zu Ulrich gewendet fügte er hinzu: "Man muss das nachwachsende Geschlecht befragen, denn dem gehört ja doch die Zukunft!"

"In diesem Augenblick," sagte Pirkheimer feierlich, "habe ich ihm Treue bei mir selbst geschworen! Alles, was ich von ihm gehört und gelesen, hatte mich schon mit Bewunderung erfüllt, aber das wirkliche Begegnen hat sie noch tausendfach gesteigert!"

"Und ich," sagte Dürer eben so feierlich, "habe eben geschworen, ihn einst zu konterfeien, und Gott gebeten, dass es ihm gefalle, mir einen rechten Maler werden zu lassen, damit mir das wirklich vergönnt werde!"

"Der König kann zufrieden sein," sagte Ulrich, "denn aufrichtig ist die Begeisterung der Jugend."

Elisabet hatte jetzt um so aufmerksamer zugehört, als sie über den König Aeusserungen vernahm, die ihr selbst so ganz ähnlich hätten entströmen mögen, und sie, durch Ursula auf Meister Wohlgemut's hübschen Lehrling aufmerksam gemacht, sich diesen gemerkt hatte, da er ja auf einer Strasse mit ihr wohnte und auch nie verfehlte, im Vorübergehen an dem schönen haus Herrn Scheurl's hinaufzugrüssen, wenn er Jemand am Fenster gewahrte. Auch der zarte Willibald Pirkheimer war ihr kein Fremder, denn seine Eltern gehörten mit zu den "Genannten" und waren den Behaim und Scheurl's befreundet, so auch Willibald's zwei Schwestern, Charitas und Clara. Während dem hatte sie nicht bemerkt, dass der schwarzgekleidete Ritter, der auch diesen Morgen unter ihrem Fenster vorüber ritt, ohne von ihr gesehen zu werden, ihr ganz nahe geschlichen war und jetzt ihren Arm erfassend sagte:

"Hoffentlich erkennt Ihr mich im Dunkeln, da es heute früh im Sonnenglanze nicht geschah?"

Sie fuhr entsetzt zusammen, als habe sie einen Geist gesehen, und wollte sich sprachlos vor Schrekken von ihm losmachen. Er hielt sie fest und sagte:

"Du sträubtest Dich ja sonst nicht, Elisabet? Ich kam mich mit Dir zu versöhnen, die alten zeiten zu erneuern, Dir zu gestehen, dass Du doch die Krone aller Frauen bist!"

"Lass't mich!" schrie sie, "Eure Keckheit duld' ich nicht!"

"Ei, warum denn hier so allein?