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vorüberzogen? Sie dachte nur an Stephan, und nur der Augenblick, in dem er vorüberschreiten werde, war ihr der ersehnte. Sie hatte ihn seit dem Wiedersehen in diesen selben Räumen immer nur flüchtig gesehen auf der Strasse oder in der Messe und von sich entfernt zu halten gewusst. Auf diesen Tag hatte sie ihn vertröstet. Freilich nicht nur auf diesen Moment, sondern auf die Festlichkeiten, die man dem König zu Ehren veranstaltete, bei denen doch Niemand von den Geschlechtern fehlen dürfe und sich gelegenheit finden werde zusammen zu sprechen und zu tanzen. Als Stephan mit zärtlichen Liebesblicken vorübergegangen, zog sich Ursula ein Weilchen vom Fenster zurücknun gab es ja Nichts mehr für sie zu sehen.

Aber jetzt tönte das Horn von der Veste wieder und schmetternde Trompetensignale, und das damit sich vermischende, von fern her tönende Vivatrufen der bewillkommenden Menge verkündigte, dass der König die Stadt betreten und dass die ersten Begrüssungen stattfänden.

Nach einiger Zeit kam derselbe Zug wieder vorüberaber Rosseshufe erschallten dabei, denn der König mit seinem Gefolge war in seiner Mitte.

Sein Anblick schon, seine ritterliche Art und sein freundliches Wesen hatten alle Herzen gewonnen. Ohnehin freute sich die versammelte Menge um so mehr seiner Ankunft, als sie recht eigentlich nur ein Besuch für Nürnberg war und er damit die Stadt nicht nur pflichtgemäss bei gelegenheit eines Reichstags beehrte, sondern einzig und allein ihretwegen kam. Dazu kam auch, dass fast die ganze lebende Generation keinen andern Kaiser als den nun siebzigjährigen Friedrich III. gesehen und seiner nachgerade überdrüssig geworden war. Ein ganz anderes Ereigniss war da denn doch der Einzug dieses ritterlichen Sohnes und künftigen Kaisers, auf den das Reich so grosse Hoffnungen setzte, zumal gerade jetzt, wo die niederländischen Händel endlich beendigt waren wie sein Kampf mit Frankreich, und er nun einzog als ein ruhmwürdiger, sieggekrönter Held und, was bei den Nürnberger Kaufleuten die Hauptsache war, nicht mehr als ein König ohne Land und Einkünfte, schon im Besitz der Niederlande und Tirols, und im Begriff, seine Habsburgischen Erblande sich wieder zu erobern. Wusste man doch, dass er in allen Stücken der entschiedenste Gegensatz seines trägen, tatenscheuen, geizigen, immer nur die unmittelbarsten Vorteile berechnenden Vaters war, dass er viel mehr Geist und Herz von seiner Mutter, der schönen und heldenmütigen Eleonore von Portugal geerbt hatte, die ihm leider schon 1467 im erst vollendeten dreissigsten Jahre entrissen ward. Ritterlich bis zu abenteuersüchtiger Kühnheit, freigebig bis zur Verschwendung, voll Begeisterung für die grosse Vergangenheit des Kaiserreiches schwärmte er in dem Gedanken einer Wiedererneuerung des alten Glanzes desselben, und war so ganz ein Mann nach dem Herzen des deutschen Volkes, das in seinem bessern teil auch die Einheit des Reichs erstarken und durch eine achtunggebietende Gestalt vertreten zu sehen wünschte.

Da erschien er nun hoch zu Ross in blitzender Rüstung von blankem Stahl mit goldenen Verzierungen. Darüber den purpurnen Sammtmantel mit goldener Strickerei und Hermelin besetzt, auf den goldenen Locken den blitzenden Helm mit wehenden Federn. Er war von ansehnlicher Grösse, stark und schön gebaut, und eben jetzt in der Blüte des Mannesalters von dreissig Jahren, in Kraft und Vollendung strahlend. Sanft gebräunt war sein Antlitz von den Strapazen im freien feld, aber seine Wangen blühten in dem frischen Rot der Gesundheit. Unter der startgewölbten Stirn glühte aus seinen blauen Augen ein liebliches Feuer und die Adlernase hatte einen gebietenden Ausdruck. Ein blonder Bart umfloss ringsum die purpurnen Lippen.

Nach allen Seiten winkte und grüsste er freundlich, nur auf ihn weilten alle Blicke, und die Jubelrufe, welche ihm zutönten, waren ein unwillkürlicher Erguss des Beifalls und der Begeisterung, die sein Anblick hervorrief.

Als er an Elisabet's Chörlein vorüberkam, bog sich diese weit aus demselben heraus, und indess sich die Damen an andern Fenstern begnügten mit ihren Tüchern zu wehen, warf sie dem ritterlichen König Blumen entgegen. Sie sollten zu den Füssen seines Rosses fallen, aber eine davon traf an das Ohr des edlen Tieres, dass dasselbe darüber scheu werdend hoch aufbäumteElisabet stiess einen Schrei ausda sah sie, wie ein Reiter, der zunächst hinter dem König geritten, in abenteuerlich bunte Tracht gekleidet und mit einem jener wunderlichen Gesichter, die bald wie die harmloseste Gutmütigkeit, bald wie die schalkhafteste Bitterkeit aussehen, zu ihm sprengte und dem Pferd in die Zügel fallen wollte. Max lachte über dies Beginnen und hatte es selbst schnell gebändigt, indess sein Begleiter, der niemand Anders als sein treuer Freund und Hofnarr K u n z v o n d e r R o s e n war, das Pferd von den an ihm haften gebliebenen Blumen befreite und das Schalksgesicht auf Elisabet gerichtet, dem König einige Bemerkungen über sie zuflüsterte, die vielleicht nicht ganz zarter natur waren. Aber Max lächelte zu ihr hinauf und neigte sein Schwert vor ihr, nahm die Blumen aus der Hand des Narren und mit ihnen dankend zu ihr emporwinkend steckte er sie an sein Schwertbehänge.

Elisabet neigte sich tief vor dieser königlichen Huldigungdurch sie fand sie die Schmach, die sie sich vorhin angetan wähnte, wieder gesühnt; wenn dieser königliche Held sich dankend mit ihren Blumen schmückte, dann mochte immerhin der arme Steinmetzgeselle sie verächtlich bei Seite werfen! Aber sie war noch eben so verwirrt von dem Schreck über das bäumende Ross, wie von der Ehrenbezeugung des Königs, wie dessen ganzer herrlicher Erscheinung, dass sie nur ihm unverwandt die Blicke ihrer Feueraugen nachsandte; so bemerkte sie auch den Gruss des Markgrafen F r i e