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dem neben ihm gehenden Ulrich zu:

"Das ist nicht nur die schönste, sondern auch die aufgeklärteste Frau in Nürnberg."

Unwillkürlich weilten Ulrich's Augen mit ihrem begeisterten Ausdruck lange auf der schönen Frau, so dass diese halb von einem höhern Gedanken entzündet, halb von dem ihr zuweilen eigenen Mutwillen erfasst, eine weisse Rose aus einem für den König bereitgehaltenen Blumenkorb nahm und sie gutzielend in Ulrich's Gesicht warf, indem sie zu Ursula lächelnd sagte:

"Ich bin eine begeisterte Anhängerin dieser Baubrüder, und ärgere mich doch über sie, dass sie keine Frauen unter sich dulden. Ich glaube, dieser hübsche Geselle mit der stolzen Haltung verdient schon eine Strafe, dass er mich seines Blickes gewürdigt."

"Und Du giebst sie ihm selbst durch diese Handlung oder verdoppelst sie, indem Du die Aufmerksamkeit auf ihn lenkst?" sagte Ursula erschrocken und vorwurfsvoll.

Ulrich hatte indess die Rose aufgefangen und antwortete mit einem stolzen verweisenden blick. Die Rose aus profanen Frauenhänden annehmen mocht' und durst' er nicht, und gleichwohl mochte er sie auch nicht zertreten lassen. Er warf sie auf gut Glück zur Seite unter die Volksmenge.

Elisabet's Augen flammten. Das war ihr noch nicht begegnet, dass ein Mann, der eine Blume von ihr empfangen, dieselbe weggeworfen.

Ursula sagte: "Sieh dort das hübsche kleine Mädchen mit den schwarzen Zöpfen, das Deine Rose aufgefangen und jetzt mit glücklichem Lächeln sich ansteckt?"

"Welcher Schimpf!" rief Elisabet und starrte das kleine Mädchen an, als habe sie ein Gespenst gesehen. Es war wirklich ein hübsches Kind von etwa fünfzehn Jahren, mit braunen Feueraugen und schwarzen glänzenden Zöpfen. Ihr Anzug von braunem Schetter zeigte nichts Auffallendes, als ein paar gelbe Streifen an den Aermeln. Diese Streifen, die Ursula übersehen, erblickte Elisabet, und sie waren die Ursache ihres Entsetzens. Daran erkannte sie, dass ihre Rose in die Hand eines Judenmädchens gekommen, denn der Rat, welcher die Juden, des Reichs Kammerknechte hasste, und am liebsten ganz aus der Stadt verbannen wollte, war vor Kurzem auf den Einfall gekommen, sie durch besondere Abzeichen an der Kleidung kenntlich zu machen, damit nicht ehrbare Christenmenschen Gefahr liefen, mit den als unehrlich betrachteten Juden in Berührung zu kommen. So war den Jüdinnen jetzt aufgegeben worden, als Kennzeichen gelbe Streifen an den Aermeln zu tragen. Nur die ausserordentliche gelegenheit und das Volksgedränge, in dem man mehr auf die Züge als aufeinander blickte, waren wohl die Ursache, dass dies Judenmädchen unbemerkt geblieben und unter der Menge geduldet worden war.

fand nun schon Elisabet die bitterste Kränkung darin, dass der Baubruder, der ihr Interesse erregte, ihre Rose wegwarf, so empfand sie es als Schmach, dass sie nun in den Händen einer Jüdin war, die sie, unbeschadet ihres Rufes "die aufgeklärteste Frau von Nürnberg" zu sein, auf's Tiefste verachtete und sich vor jeder Gemeinschaft mit ihnen entsetzte. Und wenn nun gar der Baubruder das mit Absicht getan? war das nicht ein viel grösserer Hohn für sie, als wenn er die Blume selbst unter seine Füsse geworfen?

Ursula dachte wie die Freundin und bedauerte sieaber sie hatte nicht Zeit diesem Gedanken nachzuhängen, da eben die Ratsherren unten vorüberzogen und Herr Hans von Tucher einen prüfenden blick auf sie warf, unter dem sie zitterte wie Espenlaub. Es würde dies wohl weniger der Fall gewesen sein, wenn sie gehört hätte, wie der alte Herr zu seinem Begleiter sagte:

"Die Jungfrau Muffel ist wirklich ein holdes Kind, und ich kann es meinem Sohn nicht verdenken, dass er in sie verschossen istwäre sie nur nicht eine Muffelin, nichts weiter sollte mich kümmern."

"Ja," antwortete Herr Holzschuher, der seine alten Augen auch gern anstrengte, wenn es nach schönen Frauen zu blicken gab: "Sie gefällt mir in ihrer sittigen Art auch besser, als die Scheurlin, die vor Hochmut nicht weiss, wie sie sich geberden und kleiden soll, um nur ja den Leuten zu zeigen, wie reich und schön sie ist. Was aber Euren Sohn betrifft, so riete ich Euch doch, ihn bald wieder fort zu schicken, denn wenn er seine Geliebte oft so sieht, so ist er nicht der Mann, auf Euer Gebot hin sich von ihr abbringen zu lassen."

"Freilich," antwortete der Vater; "mein Sohn ist kein Tugendspiegel, und hat wohl schon bei manchem hübschen kind sein Heil nicht vergeblich versucht, indess ist die Muffelin selbst ein Muster von Zucht und Ehrbarkeit, und darauf trau' ich. Aber Ihr habt' Recht, es ist besser, der Stephan geht wieder aus Nürnberg, und sieht er wo anders schöne Frauen, so wird er sich auch zu trösten wissen."

Als Herr Scheurl an seinem haus vorüberkam und wohlgefällig lächelte, wie schön sein Haus und wie noch schöner seine Hausfrau sich ausnehme und Aller Blicke auf sich ziehe, konnte er sich nicht erklären, warum sie so verstört hinabstarreaber jetzt bemerkte sie ihn und zwang sich zu einem Lächeln.

Ursula dachte indess nicht mehr an den alten Tucher, sondern spähete nach dem Sohn. Nur um seinetwillen weilte sie hier, nur um seinetwillen hatte sie sich geschmückt, nur um ihn zu sehen und von ihm gesehen zu werden. Was galt ihr denn der König? was alle die edlen, die mit ihm kamen, und alle diese Leute, die festlich