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unruhigen Nachbar. Das Burggrafentum Nürnberg teilte sich früher in zwei Linien: in die Fürstentümer B a i r e u t h o b e r h a l b G e b i r g s und A n s p a c h u n t e r h a l b G e b i r g s . Beide Linien vereinigte Markgraf A l b r e c h t A c h i l l e s (er hatte diesen Beinamen wegen seiner Schönheit und Ritterlichkeit) von Brandenburg-Anspach, der Nürnberg heftig bekämpfte und ihm in acht Schlachten den Sieg abgewann. Er starb 1486 in Frankfurt, als Max I. zum König gekrönt ward, und sein Sohn Friedrich der Aeltere ward sein Nachfolger.

Dies war der Markgraf Friedrich von Brandenburg, der jetzt sammt seinen Mannen mit dem deutschen Reichsheer nach den Niederlanden gezogen war, als Max auf der Kranenburg zu Brügge gefangen sass. Jetzt war er mit auf dem Reichstag zu Frankfurt, und ward nun auf der Veste mit dem römischen Könige erwartet.

Ueberall waren die glänzendsten Vorbereitungen zu seinem Empfange getroffen worden. Fast schien es, als habe man den ganzen Reichsforst geplündert, die Stadt in einen Garten mit grünen Bäumen zu verwandeln. Hinter dem Tor, durch das er kommen musste, war eine Ehrenpforte mit zierlich in Holz geschnitzten Spitzbogen erbaut und zeltartig mit prachtvollen, in Nürnberg selbst gewebten Stoffen in den drei Farben des deutschen Reichs überkleidet. Dazwischen waren auch die Stricke verborgen, an welchen kleine Kinder schwebten, die an ihren weissen Kleiderchen goldene Flügel hatten und sich, wenn sie auch Engel vorstellen sollten, in ihrer gefährlichen Lage keineswegs wie im Himmel befinden mochten. Zwei der schönsten Jungfrauen standen oder schwebten vielmehr auch nur auf hohen Piedestalen zu den Seiten dieses kleinen gotischen Baues. Die tadellosen Gestalten waren nur wenig von dünnen, flatternden Gewändern und Blumenguirlanden verhüllt und trugen goldene, blumengefüllte Füllhörner, deren Inhalt auf den Erwarteten zu schütten. Andere, minder anstössig gekleidete Mädchen standen zum Blumenstreuen bereit. Der Magistrat hatte sich in glänzender Amtstracht auf dem Rataus versammelt, dem König entgegenzuziehen. Voran die beiden Loosunger Hans von Tucher und Wilhelm Holzschuher, dann die drei obersten Hauptleute, die sieben älteren Herren, alle Bürgermeister und Schöppen, der ganze grosse und kleine Rat, darunter auch Christoph Scheurl, sein Schwiegervater Martin Behaim und Gabriel Muffel. Auch die Genannten und Patriziersöhne hatten sich eingefunden, im Reichtum einer ausgesuchten Tracht einander gerade so wie die Frauen überbietend, und unter ihnen war es Stephan Tucher gelungen, sich am meisten hervorzutun. Alle Zünfte mit ihren Fahnen standen bereit, die Meister voran, gefolgt von dem langen Schweif der Gesellen und Lehrlinge. Auch die Steinmetzen der Nürnberger Baubrüderschaft fehlten nicht, der blonde Hieronymus trug ihre Fahne und hielt sie hoch empor, damit sie mit den goldenen Zirkeln auf strahlendem Himmelblau dem König entgegenwinke, der schon einst auf einem Hüttentag zu Wien sich selbst als Mitglied der Bauhütte hatte aufnehmen lassen und ein Baubruder geworden war. Von allen Häusern zogen sich grüne Festons über die Strassen oder unter den Fenstern hin, aus vielen derselben hingen kostbare Teppiche nach venetianischer Sitte, welche man hier so gern nachahmte, und im gewähltesten Putz schauten die Frauen daraus hervor. Durch die Strassen, durch welche der Zug kommen musste, drängte sich die Menschenmenge Kopf an Kopf, kaum in Schranken gehalten von den Ratsdienern, Stadtschützen und Bütteln, die seit einem Jahrzehent mit Wehren versehen worden waren, um sich mehr Respekt verschaffen zu können.

Ein dreimaliger Stoss in ein grosses Horn auf der Veste, das Kaiser Friedrich bei seiner letzten Anwesenheit daselbst hatte anbringen lassen, das seitdem aber ausser Gebrauch gekommen, gab endlich das Zeichen von der Ankunft des Ersehnten. Alles geriet in Bewegung, selbst die Ratsherren auf dem Rataus, die Züge ordneten sich, die Volkshaufen auf den Strassen machten den Stadtschützen immer grössere Not, und die Frauen legten sich so weit aus den Fenstern, dass man von manchen fürchten konnte, sie möchten gar hinausfallen.

Der Zug kam nicht durch die Strasse, in welcher Ursula wohnte, darum war sie zu Elisabet gegangen. Da standen sie wieder Beide in dem zierlichen Chörlein, von dem aus sie so bequem auf die Strasse sehen konnten und den Ankommenden gerade in's Gesicht. Sie hatten die grossen Fenster ganz geöffnet und wurden so auch hier mehr gesehen, als an jedem andern Platz. Unwillkürlich lenkten sich schon alle Blicke nach dem überhaupt noch ganz neuen und darum ganz blank aussehenden haus, an dem auch jetzt sein Besitzer nichts gespart hatte, die bleibende Pracht desselben noch durch nur auf diesen Tag berechneten Schmuck zu erhöhen. Um die durchbrochene Arbeit an dem Chörlein noch schöner hervortreten zu lassen, waren Blumen dahinter angebracht, und durch Grün und Blumen das Ganze in einen Blumentempel verwandelt. Die Fenster waren ausgehoben und nur die oberen buntgemalten Bogenfenster strahlten im Sonnenglanz, golddurchwirkte Teppiche deckten die Brüstung, und hinter dieser standen die beiden Damen, Ursula in zartes Rosa gekleidet, Haar und Kleid mit weissen Rosenguirlanden geschmückt, und Elisabet in grünen golddurchwirkten Brokat von auffallendem Schnitt nach portugiesischer Art. Ein dünner Schleier war durch ein funkelndes Stirnband gehalten und gleiche kostbare Steine in Gold gefasst glänzten an ihren weissen Armen und ihrer Brust.

Wohl Wenige zogen vorüber, ohne einen blick auf die beiden mehr als alle andern sichtbaren Schönheiten zu werfen, und sowohl vor ihnen als vor der Gattin des hochangesehenen Christoph Scheurl neigten die Fahnenträger ihre Fahnen; selbst Hieronymus tat es und flüsterte