Rechten einige Jahre später an die Stadt Nürnberg verkauft hatte. Da und dort blinkten die grünen Wellen der Pegnitz, welche die Stadt durchströmt und in zwei Hälften schneidet: die Lorenzer und die Sebalder Seite, so genannt nach ihren Kirchen, den herrlichsten Denkmalen gotischer Baukunst. Da und dort, besonders aus den Vorstädten steigt düsterer Rauch auf, der kommt aus den gewaltigen Schornsteinen der zahlreichen Giesshütten, in denen die Kunst und das Handwerk zugleich arbeiten im innigsten Verein, um nützliche Geräte zu schaffen für den Hausgebrauch und vollendete Werke monumentaler Kunst zur Ehre Gottes für die erhabenen Tempel, in denen alle Künste sich vereinigen dem Herrn zu dienen und alles Volk ihm zuzuführen.
Auf einer kleinen Anhöhe hat der Wanderer sich niedergelassen, und indessen er die Stadt betrachtet, in die seine Sendung lautet, und ihm das Herz gross und weit wird bei ihrem Anblick und dem Gedanken, dass er da drinnen Brüder seiner Zunft und Kunstgenossen finden wird, in deren Mitte eine reiche Zukunft voll begeisternder Tätigkeit ihn erwartet, können wir ihn selbst betrachten.
Er ist lang und schlank und von edlem Wuchse, sein Gesicht glatt und fein, nur jetzt etwas von der Frühlingssonne auf langer Wanderschaft gebräunt, unter der edelgebauten Stirn scheinen hohe Gedanken zu wohnen, und noch mehr leuchtet aus den tief dunklen Augen das Feuer echter Begeisterung. Das üppige braune Haar, halblang in der Mitte gescheitelt und rundum glatt geschnitten, bedeckt ein kleiner runder Strohhut. über den enganliegenden Beinkleidern von bräunlichem Leder trägt er eine Art kurze Blouse von rotbrauner Farbe, am schwarzen Ledergürtel hängt ein kurzes breites Schwert und um die Schultern am festen Riemen ein ledernen Sack. Die kurzen Stiefeln von ungeschwärztem Leder bezeugen in ihrem abgerissenen Zustand auch die Weite des Weges, den sie zurückgelegt.
Nachdem er das letzte Stück Brod, das er in dem Sack gefunden, der seine ganze Habe entielt, verzehrt, ging er auf's Neue mit rüstigen Schritten auf die Stadt zu und betrat sie bald durch ein langes düsteres Tor. Er wusste nirgend Bescheid und bog ohne Weiteres in die enge Gasse ein, die ihn in der Richtung des Kirchturms zu führen schien, den er sich von Weitem als sein Wanderziel ausersehen. Aber bald verschwand ihm dieser vor den höher aufsteigenden nahen Giebeln, die in den engen, oft krummlinigen Strassen seinen blick beschränkten, und er ging durch dieselben ohne Plan und Ziel, nur gelockt von der Neuzeit des Anblickes, der sich ihm bot, der Bewunderung und Freude, die ihn erfüllten.
Der Wanderer kam von Strassburg und hatte am Rhein und in Franken, das er jetzt durchzogen, wohl manchen stattlichen Bau und manche aufblühende Stadt gesehen; auch war ihm wohl das Sprüchlein bekannt, demnach kein Fürst so schön wohne wie die F u g g e r zu Augsburg und die T u c h e r zu Nürnberg: aber Alles, was er hier sah, übertraf doch seine Erwartungen. Hohe, oft fünfstöckige jedoch schmale und tiefe Häuser kehrten die Giebelseite der Strasse zu, so zwar, dass die verschiedenen Geschosse sich treppenartig übereinander türmten und von der Strasse aus den Aufblick nach oben beschränkten. Viele Fenster, meist hoch und weit, oft oben in Bogen gewölbt, schmückten die Häuser, symmetrisch und doch mannigfaltig verteilt. Zuweilen vereinigten sich zwei oder drei Fensterfelder zu einem vorspringenden Chörlein, das schöne Wappenschilder von zierlicher Steinmetzarbeit schmückten. Wie der Giebel war meist auch die obere Gruppe der Fenster pyramidisch angeordnet und der Giebel selbst Treppenförmig ausgeschnitten, an manchen Häusern auch die einzelnen Stufen mit aufstrebenden Steinverzierungen gekrönt. über den weiten Eingang der Häuser stieg häufig ein kunstgerechter Spitzbogen empor mit steinernem Laubwerk umwunden, oder zeigten sich buntgemalte Wappenschilder oder Zunftzeichen. Und wo ein Haus eine Strassenecke bildete, da fehlte selten an der scharfen Ecke ein vorspringender Wegstein mit einem steinernen oder ehernen Standbild; bald war es ein Engel mit ausgebreiteten Flügeln, bald ein Ritter mit geschwungenem Speer oder ein Lindwurm. Wo ein weiterer Platz sich zeigte, da stand inmitten gewiss ein Brunnen mit schönen Statuen oder feinem Gitter darum, oder war irgend ein künstliches Druckwerk daran, dass wie von selbst das wasser heraus und gegen Himmel sprang, an der Erde im weiten Steinbecken sich sammelnd.
Hatte der neue Ankömmling auch schon da und dort gleich schöne Bauwerke und Steinmetzarbeiten gesehen, noch nirgend war es ihm vorgekommen, dass sie so dicht zusammen sich drängten, so gleichsam den Bedürfnissen des täglichen Lebens dienten, zu ihnen zu gehören schienen. Und welch' ein wogendes Leben war das auch, das sich dazwischen bewegte! Auf Wagen oder Schleifen wurden Waarenballen von geschäftigen Händen aufgetürmt zu weiterer Versendung, oder abgeladen und in die weiten Hofräume der Häuser geschafft. Ueberall waren die Erdgeschosse Werkstätten, aus denen ein munter bewegtes Leben voll rüstiger Arbeit klang, oder Kaufläden, an deren Fenstern kunstvolle Gerätschaften oft von Gold und Silber blitzten, so dass unser Fremdling schon bei sich selbst eine solche Gasse die Goldschmiedsgasse nannte, noch ehe er wusste, dass sie wirklich diesen Namen führte. Zwischen den geschäftigen Arbeitern, die aus den Werkstätten ab und zu gingen, schritten stattliche Herren, die zum Rat gingen, manche in Pelz und Sammt gekleidet, gleich als ob sie Edelleute wären, indess sie doch nur bürgerlicher Herkunft, aber den geachtetsten Geschlechtern Nürnbergs angehörend, hatten sie unkundlich selbst vom Kaiser die erlaubnis zu solch reicher Tracht erhalten, die sonst allein dem Adel zukam. Daneben wandelten gleich reich gekleidete Frauen, die nicht nur mit den Schleppen ihrer seidenen Damastkleider, sondern