ist nun auch wirklich der Friede mit Frankreich zu stand gekommen, wie es schon gestern hiess?" fragte Stephan; "habt Ihr genaue Nachrichten darüber, Herr Scheurl?"
"Ganz genaue," versetzte dieser, und lächelte selbstbefriedigt, als wolle er andeuten, es sei unmöglich einen solchen abzuschliessen, ohne dass er mit in's Vertrauen gezogen sei. "Der französische Gesandte kam sehr gelegen auf dem Reichstag an, den König Max jetzt auf eigene Hand in Frankfurt hielt, um vom Reiche nicht weniger als vierzigtausend Mann zu fordern zum Kriege in den Niederlanden und Oesterreich. Die Reichsstände handelten die Forderung aber glücklich herunter auf 'die eilende hülfe' (sechstausend Mann stark), wovon nur zweitausend Mann gestellt waren, als der französische Gesandte mit Friedensbedingungen erschien, die für Max äusserst vorteilhaft waren, und so ward denn am zweiundzwanzigsten Juli der Friede geschlossen. Indess nur der tapfere Herzog Albrecht von Sachsen die Flamänder vollends unterwerfen soll, wird Max zum alten Kaiser nach Linz reisen, da der Waffenstillstand mit König Matias wieder zu Ende geht – und auf der Durchreise wird er hier sich einige Tage ruhen."
Man sprach von den Vorbereitungen, die zu dem Empfang des Königs zu machen wären, und da nun der aus immer neugefüllten Bechern masslos getrunkene Feuerwein anfing die Köpfe und Sinne zu erhitzen, die Männer die Worte noch weniger wogen als vorher, so dass mitunter Schimpfworte fielen und rohe, derbe Spässe laut wurden, welche die weiblichen Ohren, obwohl sie schon an manchen Kraftausdruck gewöhnt waren, verletzten, so winkte Ursula Elisabet sich zu entfernen.
Sie standen auf und Stephan wollte Ursula heimbegleiten, aber auch sein Gesicht glühte vom Wein, und sie brachte ihn endlich dadurch zum Bleiben, dass sie erklärte, wie ihr Vater ihr schon zwei Diener zum Geleit geschickt, die dann seine Gegenwart verraten würden.
Auch Elisabet ging in ihr stilles Frauengemach, indess die Männer noch lange zechten und lärmten.
Sechstes Capitel
Maximilian I
Der fünfzehnte August 1489 war der Tag, an welchem die Nürnberger den künftigen Kaiser und jetzigen römischen König zum ersten Male in ihren Mauern zu empfangen erwarteten.
Die Nürnberger waren ein stolzes, eigensinniges Völkchen. Sie legten nicht etwa ein grosses Gewicht auf die Gunst und Gegenwart gekrönter Häupter, denn sie meinten dazu nicht sonderlich Ursache zu haben. Was war denn in ihren Augen solch' eine blutige Krone eigentlich wert? Oft nicht halb so viel, als die in den Niederlagen der Tucher oder Behaim, der Ebener oder Haller aufgestapelten Waaren! Die meisten dieser Fürsten hatten ja kein Geld, sondern mussten es erst von ihren Untertanen erbitten, oder durch die Brandschatzungen belagerter Länder sich zusammenrauben, und selten lebte Einer friedlich im Besitz seiner Länder, sondern ward ewig in Atem gehalten von dem unruhigen Nachbar. Oft genug musste ja der Rat von Nürnberg aushelfen mit Geld und Truppen, und daneben noch sich selbst beschützen gegen die Plakkereien der Raubritter, welche die Fehdelust ihrer fürstlichen Herren untereinander nachahmten und auf ihren verwitterten Burgen von den Gütern lebten, die sie auf der Landstrasse geraubt. Ein Nürnberger Rats- und Handelsherr sah verächtlich auf diese Leute herab und freute sich seines reichsstädtischen Wohlstandes, und ganz Nürnberg rühmte sich, keinen andern Herrn über sich zu erkennen, als den Kaiser. Aus denselben Gründen war auch der Respekt vor diesen Kaisern nicht gar gross, von denen auch nur wenige Kraft besassen, das Reich in Ordnung zu erhalten und der hohen Würde sich erfreuen zu können; aber Manches, was auf diese kaiserliche Majestät sich bezog, gehörte mit zu den besonderen Privilegien Nürnbergs, und auf deren Bewahrung hielt die Stadt mit eigensinniger Unverbrüchlichkeit. Dazu gehörte das Recht, die Reichskleinodien in der Heiligengeistkirche aufzubewahren, und die Verpflichtung jedes Kaisers seinen ersten Reichstag in Nürnberg zu halten. Dadurch eben, dass sie den Kaiser selbst zuweilen in ihrer Mitte hatten, dass er bei ihnen wohnung nahm, an ihren Festen sich beteiligte, mit den Ratsherren zechte und mit ihren schönen Frauen tanzte, fühlten sie sich stolz in ihrem Rechte, keine Mittelsperson zwischen sich und ihm nötig zu haben, denn mit den einzigen, die es etwa gab, den Grafen von Zollern und Brandenburg, die sich auch Burggrafen von Nürnberg nannten, hatten sie ewige Streitigkeiten über unklar bestimmte Gerechtsame.
In der Tat waren diese Verhältnisse sehr verwikkelter Art. Auf der Veste von Nürnberg hatte ein Burggraf seinen Sitz, der als kaiserlicher Stattalter das Landgericht über das ausserhalb der Stadt gelegene nürnbergische Gebiet zu hegen hatte. Schon seit langer Zeit waren die Burggrafen zu Nürnberg aus der Familie der Z o l l e r n und A b e n b e r g . 1427 verkaufte Markgraf F r i e d r i c h v o n B r a n d e n b u r g die Ruinen der Veste Nürnberg (die L u d w i g d e r B ä r t i g e 1420 in einer Fehde mit dem Burggrafen J o h a n n hatte niederbrennen lassen, wobei die Nürnberger zwar nicht direkt, aber indirekt beteiligt waren, indem sie "still sassen" und nicht löschen halfen) mit ihrem Zubehör und Gerechtsamen an die Stadt Nürnberg. Der Kaiser S i g i s m u n d bestätigte den Kauf und belehnte die Stadt mit den vom Burggrafen abgetretenen Rechten. Dadurch glaubten die Nürnberger, welche die Veste wieder aufbauten, einen grossen Vorteil erlangt zu haben. Aber dieser Handel war nur die Quelle neuer Streitigkeiten mit dem