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auf der Zisselgasse und eine sehr hübsche Tochter A g n e s ?"

"Ei," lächelte Scheurl, "Euer Hochwürden merkt sich doch gleich die Häuser an den hübschen Mädchen, die darinnen wohnen."

"Nun, nun," antwortete der Propst schmunzelnd, "die Agnes ist noch ein kleines Dingelchen von zwölf Jahren, und ich bewundere mehr noch als ihr kluges niedliches Gesicht ihren Fleiss, denn man kann nie dort vorüber gehen, ohne sie die Spindel emsig drehen zu sehen."

Indess wandte sich Elisabet an M a r t i n K e t z e l , einen älteren mittelgrossen Mann mit wettergebräuntem Gesicht, in dessen Zügen etwas von bigotter Gedrückteit und kühner Unternehmungslust sonderbar miteinander contrastirte, und sagte:

"Ihr hab't uns noch wenig von Eurer Reise in's gelobte Land erzählt, da Ihr doch heute zum ersten Male in unserer Gesellschaft seid und nur erst wenige Tage zurück. Hab't Ihr nun diesmal das Mass der Entfernung der heiligen Stätten glücklich bis nach Nürnberg gebracht?"

"Ja," antwortete Herr Ketzel, "und ich bin nicht sobald zurückgekommen, als ich schon das Rieter'sche Haus gekauft habe, das als Pilatushaus soll angesehen werden, und der wackere Steinmetz Adam Kraft soll mir die sieben Fälle Christi in Stein hauen und ein Kapellein setzen, als stünd' es auf dem Calvarienberg. Von jenem Haus am Tiergärtnertor aus durch die Seilersgasse bis auf den Kirchhof trifft die Entfernung gerade mit meinem Mass. Dann wird man nicht mehr über meinen Verlust lächeln, sondern erkennen, dass ein rechter Mann mit Geduld, Mut und Ausdauer doch durchsetzt, was er sich einmal vorgenommen, und sollt' es auch einmal scheinen, als sei schon Alles verlorenwie mein Mass."

"Das ist eine Lehre für Euch, Herr Stephan," flüsterte Elisabet diesem über den Tisch zu.

Herr Martin Ketzel war nämlich von frommem Eifer getrieben, schon im Jahre 1477 mit dem tatenreichen Herzog Albrecht von Sachsen in das heilige Land gezogen, um dort die Entfernungen der heiligen Stätten vom Pilatushaus nach allen Orten bis auf Golgata, wo sich bei der Hinführung Christi Merkwürdiges ereignet hatte, auszumessen und in Nürnberg kunstreiche Erinnerungsmale errichten zu lassen. Als er zurück kam, hatte er das Mass verloren. Aber er verzweifelte darum nicht, sondern ging einige Jahre später im Gefolge Herzog Otto's von Baiern noch einmal nach Palästina, und war eben jetzt zurückgekehrt.

Aber der fromme Eifer, welcher die Kreuzzüge hervorgerufen, und den Anteil, den man den heiligen Stätten zollte, gab sich nur noch in vereinzelten Erscheinungen kund und konnte keine allgemeine Teilnahme mehr erwecken. Mehr als nach dem alten heiligen Land drängte der Geist der Zeit vorahnend nach einer neuen Welt, wenn auch die kühnen Seefahrer vor der Hand nichts weiter begehrten, als einen neuen Handelsweg nach Ostindien. Und die Nürnberger Kaufleute, die hier versammelt waren, die noch nicht berechnen konnten, wie durch die neuen Entdeckungen der Handel eine andere Gestalt annehmen, und ihre grosse Landhandelsstrasse von Nürnberg und Augsburg über Füssen und Kempten nach Venedig veröden werde, sprachen voll froher Teilnahme mit den Geschwistern Martin Behaim's von diesem berühmten Landsmann, von dem man mit äusserster Spannung auf neue Nachrichten wartete.

Indess, nachdem man sich nach deutscher Art lange genug von fremden Weltteilen unterhalten, kam man endlich auch auf das deutsche Reich, und Christoph Scheurl sagte zu Stephan und den beiden Damen:

"Ihr wisst wohl die grosse Tagesneuigkeit noch nicht, deren Kunde ich vorhin vor Eurer Anwesenheit durch einen Boten aus Frankfurt empfing, den mir ein Geschäftsfreund sandte: König Max wird in acht oder vierzehn Tagen mit dem Markgrafen Friedrich nach Nürnberg kommen."

"Ei, so kommt er endlich einmal, er hat uns lange genug warten lassen!" sagte Elisabet.

"Sprecht Ihr 'uns' auf gut nürnbergisch?" fragte der Propst, "oder sprecht Ihr nur als Frauenzimmer? Dann klänge es fast wie die Worte der edlen Maria von Burgund, die Gott selig haben möge, und die auch zu ihm sagte: 'er sei das edelste deutsche Blut, nach dem sie lange verlangt habe.' Dann nehmt Euch in Acht, denn König Max ist allen schönen Frauen gefährlich, und sie sind es auch ihm, trotzdem er sich noch nicht hat entschliessen können, einen Ersatz für seine Maria zu suchen."

"Ich meine, Ihr wisst, dass ich gut nürnbergisch bin," antwortete Elisabet, ohne in Verlegenheit zu kommen, "und kein Potentat, der es nicht ist, wird mir besonders wert sein."

"Von König Max muss sich das erst zeigen," sagte Georg Behaim: "er ist bisher nur in die niederländischen Händel verstrickt gewesen, und im Reiche ist ja noch immer sein alter Vater das Haupt."

Christoph Scheurl sagte: "Bis jetzt war er immer nur ein Fürst ohne Land; denn wenn er auch schon bei seiner Vermählung die Titel vieler Herzogtümer und Grafschaften und bei seiner Krönung vor drei Jahren in Aachen den des römischen Königs empfing, so ist ihm doch erst jetzt, wo der alte Erzherzog Sigismund ihm Tirol und seine schwäbischen Länder als sein Erbe überwies, die erste Fussbreite Landes und sind ihm die ersten eigenen Einkünfte zugekommen. Das ist gut für Einen, der so lange nur von einem filzigen Vater, der selbst Nichts hatte, wenn ihm nicht Reichshülfe ward, abhängig gewesen."

"So