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gesandten Strauss noch einmal zur Hand nahm:

"Da sieht man, dass die Männer von Nichts etwas verstehen! Der Strauss ist viel zu gross, um angesteckt zu werden; ein Viertel davon reicht dazu hin, das übrige bildet noch ein Diadem für Dein Haar."

Und während so Ursula sich stillgewährend schmücken liess, sagte sie auf's Neue bedenklich: "Aber wenn mein Vater erfährt, dass ich trotz seinem Verbot wieder heimlich mit Stephan zusammengekommen?"

"Heimlich?" antwortete Elisabet stolz, "dann würde mich Dein Vater wohl zu jenen alten Kupplerinnen werfen, welche die Genannten öffentlich mit dem Staubbesen und dem Pranger bestrafen lassen und sich heimlich doch ihrer selbst bedienen? Beruhige Dich, mein Gemahl und meine Brüder werden uns bald Gesellschaft leisten, und Du konntest am wenigsten wissen, dass Du Stephan hier treffen würdest, da Du erst hier seine Rückkehr erfuhrst. Uebrigens fragt es sich ja auch noch, ob er kommt."

Aber in diesem Augenblick hörte man schon einen schallenden Sporentritt auf der StiegeUrsula kannte diesen Tritt, in dem so viel Stolz und Gewalt lag, dass die Treppen unter ihm bebten. Bald darauf öffnete ein Diener die Flügeltüre und Stephan trat ein; an seinem dunkelgrünen Wamms trug er Ursula's Rosen.

Elisabet bewillkommte ihn als Hausfrau und sagte mit schalkhaftem Lächeln: "Es tut wir leid, dass Ihr über den Strauss im Irrtum waret und zwar in einem zwei- und dreifachen: einmal bestand er nicht aus orientalischen Granatblüten, sondern aus bürgerlich deutschen Rosen; dann war es nicht die Hausfrau, die ihn verlor, sondern ihr Gast, und dann ward er auch nicht verloren, sonderngeworfen. Ich selbst bin Euch also keinen Dank schuldig für Euren Ritterdienst, und wenn ich Euch dennoch ersuchen liess, ihn in meiner Behausung Euch zu holen, so sehet, ob Ihr das dennoch vermöget. Erlaubt, dass ich mich jetzt einen Augenblick von Euch entferne, um meinen Gemahl von Euerer Gegenwart zu unterrichten."

So verliess sie mit heiterem Antlitz und edlem Anstand das Zimmerund das liebende Paar drinnen ahnte nicht, welch' quälendes Feuer unbefriedigter sehnsucht sich hinter diesem schönen Gleichmut verbarg, und wie es das eigene Glück aus der Hand eines Wesens empfangen, das mit gebrochenem herzen auf das gleiche Glück verzichten musste. Oder vielmehr das Paar dachte gar nicht an sie, denn die Liebe ist immer egoistisch und denkt nur an sich selbst.

Stephan und Ursula brachten es lange zu keiner andern Erklärung, als zu Ausrufungen und stürmischen Liebkosungen. Bei ihm waren jene mit Vorwürfen der Kälte und Grausamkeit und diese mit ungezügelter Leidenschaftlichkeit gepaart. Ursula war in seinen Armen wie eine weiche, glühende und doch zarte Rose, die der Sirocco umtobt. Ihre Schwüre und Tränen, ihre Schilderung dessen, was sie gelitten, dass er ohne Abschied von ihr gegangen, besänftigen ihn endlich.

Er sagte: "Ich wollte Dich nicht wiedersehen, Dich vergessen, weil Deine Liebe kein Opfer zu bringen vermochte. Es kam mir eben recht, dass an demselben Tag, wo Deine Zeilen den Bann über mich aussprachen, mein Vater eine Botschaft von Herrn Fugger erhielt, dass eine Waarensendung für uns, die von Venedig gekommen, zwischen Augsburg und Füssen verloren gegangen sei. In Füssen war sie abgegangen, aber in Augsburg nicht angekommen, und wir wussten nicht, ob hier Gewalt der Raubritter oder eine Veruntreuung der Fuhrleute die Schuld davon trage. Ich erbot mich sogleich selbst dahin zu reisen, und mein Vater war wohl damit zufrieden. Noch am selben Abend ritt ich davon. In den zwei Monaten, die ich fort war, gelang es mir wohl, die Räuber unseres Gutes zu entdecken und dasselbe zum grossen teil wieder zu erlangen; aber mit meinem eigenen Herzen bin ich nicht fertig geworden, das blieb mir geraubt; und ich musste wieder zurück gegen Nürnberg, ob ich vielleicht da es wieder heraus bekäme."

"Du bekommst es nimmer wieder, wenn ich Dir auch zeigen will, wo es hingekommen," lispelte Ursula mit schmeichlerischem Lächeln und drückte seine Hand an ihr klopfendes Herz.

Er nahm sie auf seinen Schooss und flüsterte kosend: "Sieh dort bei Füssen ist die Gegend ein Paradies, als habe der Herr es eben erst erschaffen. Dort schäumt der Lech in einem wilden Wasserfall von den Höhen, und ringsum stehen himmelhohe Berge mit grünem Wald bedeckt. Tief unten in den Tälern blinken kleine Seen wie Sterne, die vom Himmel gefallen. Doch nein! ich dachte bei ihnen nur an Deine Augen! Da kam ich dicht bei ihnen an ein kleines Schlösslein, dahinter stand ein Bergriese, der hohe Säuling, es zu bewachen, und von allen Seiten schlossen Berg und Wald es ein. Dort dachte' ich, wenn Du bei mir wärestnur Dir und unserer Minne zu lebendort wäre das Paradies dann in Wirklichkeit. Von dem Fürstbischof von Augsburg, der jetzt in Füssen seinen Sitz aufgeschlagen, erfuhr ich, dass jenes Schlösslein einem habgierigen Edelmann gehört, der es gern für einen guten Preis verkaufen würdefolge mir dahin, jetzt, gleich, wenn Du willst, und der Fürstbischof, der mir wohlgewogen, würde es schon vermitteln, dass auch der Segen der Kirche uns nicht fehle."

Ursula hatte erst wie zu einem süssen Traume selig gelächelt, aber jetzt traten Tränen in ihre Augen, sie machte sich von ihm los, glitt zu seinen Füssen nieder und flehte: