sich immer ungleichartige Elemente zusammenfinden? Warum war Celtes nicht so rücksichtslos wie Stephan gewesen, warum war Stephan nicht so rücksichtsvoll wie Celtes? So fragte sie sich – und rang dabei doch nach Worten, Ursula ihre Gedanken zu verbergen, die für sie selbst schon zu viel Bitterkeit und Beschämung hatten, als dass sie je etwas davon hätte mögen laut werden lassen. Endlich sagte sie ausweichend zu ihr:
"Du hast ja schon entschieden, indem Du ihm den Strauss hinabwarfst."
"Es war die unbedachte Handlung eines Augenblickes," entschuldigte sich Ursula, "des Entzückens, dass ich ihn wiedersah. Ich fand seinen Mohren hier auf der Strasse, da konnte ich hoffen, er sei zurückgekehrt; ich konnte den Augenblick nicht vorübergehen lassen ohne ein Liebeszeichen; denn was auch geschehen möge, entsagen kann ich ihm nicht, – es sei denn, dass ich mich mit meinem Elend in ein Kloster flüchtete, dort nur der Erinnerung an ihn zu leben!"
Elisabet warf den Kopf zurück: "Bist Du so unerfahren, dass Du glaubst, in den Klöstern wohne noch wie einst stiller Gottesfriede und heilige Ruhe? Vielleicht um irgend einer zugefügten Schmach von der Welt, in der man gelebt hat, zu entgehen, mag das Kloster eine passende Zufluchtsstätte sein: aber so lange uns die Welt noch offen steht, ist es besser, es mit ihr noch zu versuchen. Du bist noch so jung, und wie starr auch der Wille der Väter sein mag, durch Ausdauer kann er vielleicht überwunden und gebrochen werden – Ihr gäbet nicht das erste Beispiel dieser Art."
"O so mein' ich auch," stimmte Ursula freudig bei, und mit der glücklichen Schnellkraft hoffnungsfreudiger Jugend, die so gern glaubt, was sie wünscht, lächelte sie schon im Sonnenschein eines möglichen Glückes.
"Die Tucher kommen zuweilen zu uns," sagte Elisabet, "vielleicht findet sich eine gelegenheit den Vater günstiger zu stimmen!"
"O wäre es möglich!" rief Ursula und fragte weiter: "Aber was sagte Dir Dein Gatte von uns?"
"Nun Du weisst, dass mein Gemahl sich selbst lieber zu den jüngeren als zu den älteren Herren hält," spöttelte Elisabet, "wiewohl er sich schon seit geraumer Zeit im kleinen Rat befindet und in manchen Stücken eifersüchtig ist auf den alten Tucher. Er hält es darum lieber mit dem Sohn als mit dem Vater, wenn er auch diesem alle äussere Freundlichkeit und Höflichkeit erweis't. Ist es ihm schon widerwärtig, dass sein Geschlecht sich über das seinige erhoben und für einen Scheurl nun gar keine Aussicht mehr ist, es bis zum Loosunger zu bringen, so verdriesst ihn auch Alles, was Hans von Tucher vor ihm voraus hat. Als sich dieser das prächtige türkische Haus hatte bauen lassen, eilte Scheurl sich dies Haus wo möglich noch prächtiger zu bauen, wenn auch auf gut deutsche Art, denn er will nicht etwa den Tuchern nachahmen, sondern sie überflügeln. So gönnt er es dem alten Loosunger, wenn ihm mit seinem Sohne nicht alles nach Wunsch geht, und erzählte mir mit wahrem Vergnügen, dass Stephan eine Wahl getroffen, die dem Vater nicht recht sei, und dass Stephan geschworen Dich besitzen zu müssen, es koste was es wolle. Aus Freundschaft für den Sohn und aus Neid gegen den Vater kannst Du also meinem Gemahl vertrauen und auf seinen Beistand rechnen, wo er möglich ist."
Ursula hörte diese tröstenden Worte mit Entzükken, und Elisabet war klug und zart genug, ihr den wahren Beweggrund von Scheurl's Sympatie für Stephan Tucher zu verbergen, den ihr Gemahl ihr mit den Worten entüllt hatte: "Dem alten Tucher gönn' ich's, die Demütigung zu erleben, dass eine Muffel in sein Geschlecht kommt. Die Schande wird ihn wohl ein wenig beugen."
"Ach, wenn ich ihn nur erst wiedersehe!" seufzte Ursula.
In diesem Augenblick trat ein Diener ein und überreichte der Hausherrin auf vergoldeter Schale von gediegenem Silber einen prachtvollen duftenden Strauss von purpurnen Granaten mit blühender Orange, und meldete, dass draussen der Mohr des Herrn Tucher stehe und bringe mit ehrfurchtsvollem Gruss seines Herrn diesen Strauss für die Dame, die vorhin aus dem Fenster den ihrigen verloren. Elisabet nahm den Strauss und beauftragte den Diener: "Vermeldet Herrn Tucher meinen Gruss, und ich erwarte, dass er den Dank für diesen Ritterdienst noch heute selbst sich hole."
Nachdem der Diener hinaus war, steckte sie den Strauss an Ursula's bebende Brust, indess diese rief: "Um Gotteswillen, was hast Du gemacht? wenn er wirklich käme? – ich muss gehen –" Sie sprang angstvoll auf.
"Undankbares Kind!" lachte Elisabet, "in demselben Augenblick, da Du nach dem Geliebten seufztest, lockt ihn Dein Seufzer herbei, dass man wirklich an Zauberei glauben möchte, wie jetzt anfängt gang und gebe zu werden – und nun willst Du davonlaufen! Ich dachte, Du würdest meine Klugheit und Aufopferung bewundern, mit der ich jetzt Alles auf mich nehmend Dich ganz aus dem Spiele liess! O bitte, verstelle Dich nur nicht, nachdem Du schon gebeichtet!" Damit schob sie die Freundin wieder auf das Sopha, und während diese stumm, unruhig, beschämt und mit Tränen in den Augen dasass, die zugleich Beschämung und Stolz, Furcht und Hoffnung, Freude und Schmerz und eigentlich doch nur Liebe verkündeten, scherzte Elisabet weiter, indem sie den