kalten Freundin, die nur aus Gehorsam gegen ihre Familie oder aus Stolz auf das Geschlecht einen älteren Mann, der kein Gegenstand einer Herzenswahl war, gefreit haben konnte, einer Entschuldigung zu bedürfen und sagte: "Du in Deiner erhabenen klarheit der Seele weisst freilich Nichts von diesen Kämpfen – aber Du kannst Alles verstehen, was gross und schön ist – gewiss auch meine Liebe!"
Jenes Lächeln, das aus Schmerz und Hohn sich mischte und das so oft Elisabet's schönen Zügen eine dämonische Beimischung gab, zog auch jetzt darüber hin; das vermochte sie nicht zu unterdrücken, wenn sie auch sonst jedes ihrer Gefühle in Schranken hielt, die sie nur in jener Abschiedsstunde von Konrad Celtes überschritten. Sie wusste, was sie dem Gatten schuldig war, dem sie mit freier Selbstbestimmung ihre Hand gegeben, sie heuchelte keine Liebe; aber sie wollte die Welt glauben lassen, dass sie über diese Schwachheit erhaben sei, und auch nicht vor einem vertrauten Mädchenherzen ein geständnis ablegen, das kein günstiges Licht auf ihren Gemahl und ihre Ehe werfen konnte. Aber dass ihr dieser Vorsatz so vollständig gelang, dass kein anderes Auge auf den Grund ihres Herzens zu lesen vermochte; dass man sie für ruhig und befriedigt hielt, indess alle Qualen verlorenen Liebesglückes und eines verfehlten Lebens ihren Nächten den Schlaf raubten und am Tage sie antrieben, durch geistige Beschäftigungen oder zerstreuende Vergnügungen vor sich selbst zu fliehen: das veranlasste jenes bittere Lächeln, mit dem sie viel mehr noch sich selbst und ihr Geschick als ihre kurzsichtige Umgebung verhöhnte.
"Vertraue mir nur," sagte sie mit teilnehmender stimme; "ich weiss, dass Dich Stephan liebt und dass die Väter sich dieser Verbindung widersetzen; mein Gemahl hat es mir gesagt!"
"Himmel!" rief Ursula, "so ist es schon zum Stadtgespräch geworden?"
"Mein liebes Kind," belehrte die ältere und welterfahrenere Freundin, "wenn Du Dich darüber wunderst, dann weisst Du nicht, wie die Männer sind. Die können nicht wie wir ihre Liebe und ihr Leid still für sich tragen, denen kostet es nicht wie uns ein Erröten oder die Furcht, ihre innigsten Gefühle falscher Beurteilung preiszugeben. Die reden davon auf der Fechtschule und in den Trinkstuben, oder wo sie sonst zusammen kommen, und was wir mit künstlichen Schleiern als tiefes geheimnis bergen, das tragen sie offen zur Schau. Darin müssen wir uns fügen – sogar wenn es ein Beweis ist, das unsere Liebe eben im inneren ihre Heimat findet, indess die der Männer von aussen stammt und am Aeussern haftet."
Ursula seufzte. Sie hatte es freilich schon erfahren, dass sie Stephan gerade nach dem Bann der Väter mehr als einmal rücksichtslos aufgesucht hatte, und sie so dem Zorn des Vaters wie den Klatschereien der Leute preisgegeben; aber wenn sie ihn auch eben darum abmahnend jene Zeilen geschrieben, deren Ueberbringer Albrecht Dürer war, so hatte sie doch so gern jede Unüberlegteit und Ausschreitung seiner leidenschaftlichen Liebe vergeben. Und hatte sie nicht eben jetzt zu einer gleichen Unvorsichtigkeit sich hinreissen lassen? War es auch nicht die eigene wohnung, aus der sie den Strauss warf; konnten nicht so gut wie Stephan selbst andere Vorübergehende sie gesehen und erkannt haben? Sie musste daher sich und ihn entschuldigen, indem sie der Freundin aufrichtiger beichtete, als selbst dem Priester. Als sie in ihrer Mitteilung bis zu den Blumen gekommen war, die ihr der Malerlehrling als Stephan's Antwort brachte, fuhr sie fort:
"Ich konnte nicht glauben, dass mein Brief ihn dauernd erzürnen werde; hoffte, dass er nur im ersten Aufwallen unbefriedigter Wünsche in meiner Bitte um stilles Harren meine Liebe bezweifeln konnte – da hörte ich, er habe Nürnberg verlassen. Dass er fortgegangen im Grolle und ohne ein tröstendes Abschiedswort, das hat mich bitter gekränkt und mich mit Selbstvorwürfen gequält. Sie wuchsen je mehr, je längere Zeit verging, ohne dass ich von ihm hörte. Da wollte ich heute zu Dir gehen, Dir dies gequälte Herz zu zeigen. Du bist so edel und klar, weisst, was die Sitte verlangt und die Familienehre, und kannst doch sanfte Empfindungen verstehen, und wärest Du selbst auch immer über sie erhaben geblieben und hättest sie nur mit empfunden in den Schilderungen des Celtes und anderer Poeten."
Elisabet bebte zusammen bei Nennung dieses Namens. Seit sie sich verheiratet und Celtes fort war, hatten die Lästerzungen von ehemals schweigen gelernt, und gerade Alle, die Elisabet näher standen, ihren Stolz und ihr geistiges Streben – ihre Gelehrsamkeit, wie man es damals nannte – kannten, waren durch ihr späteres Betragen fest überzeugt worden, dass sie Celtes gegenüber Nichts empfunden als die geschmeichelte Eitelkeit, die Muse eines gekrönten Poeten zu heissen, und dass sie ohne Kampf dem Willen ihrer Familie sich fügte, die Celtes von ihr verbannte, als die Welt dies verhältnis zu missdeuten wagte. Ursula hatte darum die Freundin nur bedauert, dass ihr durch ein gemeines Vorurteil der belehrende Freund geraubt ward, durch den ihr wissensdurstiger Geist die beste Nahrung gefunden. Kein Gedanke kam in ihren Sinn, dass sie die zur Ratgeberin wählte, die jeden Augenblick bereit gewesen alle Schranken zu durchbrechen, nur um dem Geliebten zu gehören, sobald dieser es von ihr verlangt hätte, wie Stephan es von Ursula verlangte. Elisabet fühlte sich von kaltem Schauer überrieselt und alles Blut drang ihr zum Herzen – unwillkürlich fasste ihre Hand nach seiner Stelle, als könne sie so es zu ruhigeren Schlägen zwingen. Warum mussten