da selbst vorgeredet, war Nichts als verwerfliche Sophistik. Unsere Empfindungen waren rein und schön, und wie auch die Alltagsmenschen sie deuten mochten: wir waren uns ihrer Unschuld bemusst. Jetzt müssten wir sie selbst verdammen, Schande und Ehebruch wäre jetzt, was erst so heilig gewesen! Nun ist kein Selbstbetrug, der kein Verbrechen wäre, mehr möglich. Nie wären diese Geständnisse über meine Lippen gekommen, wenn ich nicht diese Stunde empfände als einen Abschied für immer! Nun ich Euch noch einmal gesehen und Alles gesagt, werde ich die Trennung von Euch würdig ertragen lernen! Wir dürfen aneinander denken ohne Schuld –"
"Aber nicht ohne Reue!" unterbrach sie Celtes; "o ich Unglücklicher, Kleingläubiger!"
"Auch ohne Reue!" sagte Elisabet. "Es sollte doch so sein, wie Ihr sagtet: der Dichter soll ohne Fesseln bleiben, und um sich ganz seinem volk hinzugeben, muss er auf die Hingabe an ein einzelnes Wesen verzichten! In Euren Werken werdet Ihr für mich fortleben, und was auch noch geschehen mag: nie kann mir das stolze Bewusstsein geraubt werden, dass ich die Muse war, die Euch zu Euren edelsten Dichtungen begeisterte!"
"Und ewig werdet Ihr es bleiben!" rief er; "ich will ringen den Lorbeer zu verdienen, den Ihr mir reichtet."
Ein letztes Umarmen – dann trieb sie ihn fort. Aber als er hinaus war, brach ihre gewaltsam bewahrte Kraft zusammen und bis zur Ohnmacht weinend lag sie auf dem Sammetpolster.
Fünftes Capitel
Eine Zusammenkunft
An einem Juliabend, dessen Hitze ein Gewitter ahnen liess, obwohl nur erst einzelne dunkle Wolken drohend über der Burg und den dahinter sich ausdehnenden Reichsforsten standen, ging Ursula Muffel durch die Strassen der Stadt, um ihre Freundin Elisabet Scheurl zu besuchen. Als sie "unter der Beste" an Meister Wohlgemut's Werkstatt vorüber kam, sah sie an der Tür desselben einen Mohren in goldgestickter Dienerkleidung stehen. Sie fuhr unwillkürlich zusammen, errötete und fühlte ihre Schritte gehemmt, als versagten ihr plötzlich die kleinen Füsse den Dienst, die doch vorher so hüpfend weitergeschritten. Sie kannte diesen Mohren: nur ein Nürnberger Patrizier hatte einen solchen im dienst. Herr Hans von Tucher hatte ihn von seiner Reise aus dem Morgenlande mitgebracht und er war der Diener seines Sohnes Stephan, der es immer liebte, durch irgend eine Seltsamkeit sich vor den andern Geschlechtern hervorzutun.
Ursula schielte durch die Fenster der Werkstatt. Da sass Albrecht Dürer und malte emsig, aber er warf einen blick empor, der auch hinaus auf die Strasse und auf Ursula traf; sie lächelte ihm zu, aber er wagte nicht lange aufzusehen, weil schon ein neben ihm farbenreibender Gesell ihn hämisch anrief:
"Was hast Du wieder auf die Strasse zu stieren und auf schöne Frauenzimmer Augen zu machen, die Dich nur auslachen, Du Maulaffe!"
Albrecht antwortete: "Wenn eine edle Dame, die bei uns arbeiten lässt, hereinsieht, so ist es doch nicht meine Schuld."
"Nun, nach Dir wird sie nicht gesehen haben," versetzte der Geselle, und hätte gern noch rohe Spässe an seine Bemerkung geknüpft, wenn nicht Meister Wohlgemut mit einem Herrn aus dem Nebengemache getreten wäre.
Indess war Ursula langsam vorüber gegangen und trat in Scheurl's prächtiges Gebäude. Aber so schnell, als sie konnte, eilte sie die Stiegen hinauf. Elisabet empfing sie mit der ihr eigenen Würde, doch mit herzlichen Freudenbezeugungen über ihr Kommen.
Aber Ursula war in ungewöhnlicher Aufregung. Sie zog die Freundin in das Chörlein, von dem aus man die ganze Strasse auf und ab und auch bis zu Meister Wohlgemut's Werkstatt sehen konnte, riss das Fenster auf und sagte dann Elisabet's Hand erfassend: "Verzeiht' mir – ich kam ohnehin Dir Alles zu sagen, an Deinem Herzen mich auszuweinen – aber sage mir, sah'st Du ihn?"
"Wen denn?" fragte Elisabet verwundert.
"Stephan Tucher," flüsterte Ursula leise und immer mehr erglühend; "dort steht sein Mohr."
"Gesehen hab' ich ihn nicht," antwortete Elisabet, "aber mein Gemahl sagte mir, er sei seit gestern wieder zurück von Augsburg und Füssen, wohin ihn sein Vater in dringenden Handelsgeschäften geschickt hatte."
Ursula verwandte keinen blick von der Strasse. "Dort steht sein Mohr," sagte sie noch einmal, "ob er wohl auf ihn wartet?"
"Ich war jetzt nicht am Fenster, ehe Du kamst," antwortete Elisabet.
In diesem Augenblick aber trat Stephan Tucher wirklich aus Wohlgemut's Werkstatt, grüsste den ihn zur Tür geleitenden Meister und sprach dann heftig mit dem Mohren, der mit lebhaften Gesten antwortend auf Scheurl's Haus deutete. Seine Blicke auf das Chörlein gerichtet kam jetzt Stephan an ihm vorüber. Da nahm Ursula einen Rosenstrauss, den sie zwischen einer abstehenden gestickten Krause an ihrer Brust trug, und warf ihn hinab auf die Strasse, dass er vor Stephan's Füsse fiel. Er hob ihn auf, aber sah die Geberin nicht mehr, die das Fenster zuwerfend mit einem Strom lang verhaltener Tränen in Elisabet's arme fiel.
"Wie lange man auch sich und seinen Schmerz und seine leidenschaft bezwingen mag," sagte Ursula, "einmal kommt der Augenblick, da es nicht mehr möglich."
Elisabet seufzte tief – sie hatte das nur zu sehr an sich erfahren. Aber Ursula meinte bei der