lebendige Geist, der von ihm ausgehend die elende Scholastik von den schulen verdrängte, zu erlahmen, wenn nicht eine Kraft von Aussen ihn wieder aufrüttelt. Mein Name hat dort einen guten Klang und die Societas litteraria Rhenana, die ich zu Heidelberg gestiftet, wünscht auch meinen Besuch. Die, denen ich noch unbekannt bin, werden in mir den Schüler Agricola's sehen und mir gern gestatten ihre Lehrstühle zu besteigen. Nun ratet mir: soll ich diesem Rufe folgen und gehen – oder soll ich hier bleiben?"
Elisabet hatte während seiner Rede mit ihrer goldenen Kette gespielt, und während dieser scheinbar tändelnden Bewegung ging in ihrem Herzen eine so heftige vor, dass sie alle ihre Kräfte anstrengen musste, die äussere Ruhe zu behaupten, mit der sie jetzt sagte: "Ihr scheint auch darin Eurem edlen Lehrer Agricola zu gleichen, dass Ihr Euch durch kein Amt wollt binden lassen, weil Ihr eine unüberwindliche Abneigung habt gegen Fesseln jeder Art, sonst könntet ihr nicht überlegen und gar um Rat fragen! ob Ihr diesem Rufe folgen sollt oder nicht."
"So schickt Ihr mich fort?" fragte er betroffen, "und so ruhig – das hatte ich nicht erwartet!"
Sie sah ihn mit stolzen Blicken an und fuhr fort: "Ihr sagtet ja immer selbst, dass Ihr ein unstetes Leben geführt und es wohl so fortführen würdet, bis es zu Ende sei – ich glaube, der Bischof von Worms wird Euch das nicht verwehren, wenn Ihr Euch auch zu ihm begebt, so wenig, wie er es Agricola verwehrte. Hier seid Ihr ja auch nicht gebunden."
"Ja," rief er heftig und aufspringend, "Ihr habt Recht! es hält mich ja hier Niemand" – er griff nach seinem Hut und wollte gehen.
Sie stand auch auf, riss den Hut aus seiner Hand und schleuderte ihn in eine Ecke des Gemaches.
"So werdet Ihr nicht von Euerer Freundin scheiden," sagte sie plötzlich mit dem zartesten Schmelz einer weiblichen stimme. "Ich habe den Lorbeerkranz auf Euer hohes Dichterhaupt gesetzt, wenn auch nur auf Befehl unseres Herrn und Kaisers, und ich bitte Euch jetzt, dies Haupt ein wenig zu neigen, damit ich dies goldene Kettlein um den Hals werfe, der niemals eine Kette tragen will – und nur diese tragen soll zum Angedenken an Elisabet Behaim."
Es war nicht Zerstreuung einer kürzlich Vermählten, es war Absicht, dass sie ihren Mädchennamen sagte, denn seit sie verheiratet war, hatte sie noch nicht wieder mit Konrad Celtes gesprochen. Vor ziemlich zwei Jahren war er nach Nürnberg gekommen, der Ruf seiner Dichtkunst und Beredtsamkeit war vor ihm hergezogen; alle Gelehrten und Doctoren Nürnbergs kamen ihm achtungsvoll entgegen, und A n t o n K o b e r g e r , der damals schon eine grosse Druckerei besass, in der vierundzwanzig Pressen arbeiteten, druckte seine Werke.
Konrad Celtes war der Sohn eines fränkischen Bauern P i c k e l , zu Wipfelde nahe bei Würzburg 1459 geboren. Er sollte seinem Vater in der Landwirtschaft und im Weinbau beistehen und sie später selbst übernehmen. Allein sein Wissensdrang liess ihm keine Ruhe. Heimlich entfloh er aus der väterlichen Besitzung auf einem Floss den Main und Rhein hinab und ging auf die Universität nach Cöln. Darauf studirte er in Heidelberg und ward Agricola's Lieblingsjünger. Dann besuchte er die Universitäten zu Erfurt, Leipzig und Rostock, aber nicht mehr als Lernender sondern als Lehrender, dem Humanismus und den humanistischen Studien immer mehr Eingang verschaffend. Durch seine Vorlesungen sammelte er sich so viel, dass er darauf nach Italien gehen konnte, was für die Gelehrten seines Faches damals als notwendigkeit erschien. Zu Bologna hörte er Philipp Beroaldus den Aelteren, zu Florenz Marsilius Ficinus, zu Rom Pomponius Lätus. Von Venedig aus ging er nach Ungarn und Polen, und von da nach Deutschland zurück, wo er in Nürnberg sich niederliess. Damals – es war im Jahr 1487 – hielt Kaiser Friedrich III. daselbst einen Reichstag und blieb fast ein ganzes Jahr daselbst auf der Veste wohnen. Der alte Kaiser, obwohl er damals nur den Reichstag berufen, um von ihm ein Heer zu erbitten, seinen eigenen Geburtsort Neustadt zu schützen, den der sieghafte Ungarnkönig Matias bedrängte und den Friedrich fürchten musste fallen zu sehen gleich Wien, und obwohl er aus seinen eigenen österreichischen Erblanden vertrieben, vom Geschick hätte gebeugt sein können, vertrieb er sich doch in Nürnberg die Zeit, als sei er der glückkgekrönteste Herrscher. Um den Nürnbergern zu zeigen, dass er auch ein Freund der Wissenschaften und Künste sei – nur die Rechtswissenschaft hasste er und nannte deren Doctoren: Seductores (Verführer) – berief er deren Vertreter selbst um sich und liess sich von den Meistersängern und Poeten ihre Werke vortragen. Bei einem öffentlichen Aufzug, der auf dem Marktplatz stattfand, bei dem er einige Nürnberger Patrizier, darunter H a n s T u c h e r , zum Ritter schlug, um ihn damit für seine Reise in das heilige Land und die von ihm selbst verfasste Beschreibung derselben zu ehren, nahm er auch einen grünen Lorbeerkranz, den er sich auf sammtenem Kissen hatte nachtragen lassen, und liess Konrad Celtes vor sich führen, um ihm so vor allen Hohen des Reichs und allem Volk öffentlich die Ruhmeskrone des Dichters auf das Haupt zu setzen. Aber als Celtes schon vor ihm kniete, zögerte der Kaiser plötzlich und sandte einen seiner Ritter zu der Erhöhung, auf der Nürnbergs