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; aber die Majestät meinte erst, es sei schon genug, dass die ganze Heeresmannschaft wieder heimgehen könne zu den Ihrigenwenn er gleich das schöne Heer lieber beisammen behielte, es an die flandrischen und französischen Grenzen zu schickenund da war es gut, dass Ihr kamet und ich mein eigenes Wünschlein hinter die Bitte aus schönen Frauenlippen verstecken konnte. Es schadet nichts, dass die Eva den Adam verführte, wenn auch erst so viel Unheil damit in die Welt gekommen: das Gute hat es gehabt, dass ihre Töchter ihre Macht über die Männer kennen und sie manchmal verführenzu etwas Gutem. – Nun kehrt glücklich heim nach Nürnberg: Ihr werdet wohl bald wie Penelope von Freiern belagert seinund wenn Ihr wieder Hochzeit haltet, so bittet mich zu gast wie zu der Jungfrau Muffel."

Elisabet erwiderte ruhig: "Hoffentlich findet sich eine andere gelegenheit, Euch wiederzusehen; ich glaubte, Ihr dächtet besser von mir, als zu denken, dass ich zum zweiten Male –"

Sie stockte und er sagte: "Das ist die Redensart aller Wittwen, so lange sie trauern; aber dann –"

"Verzeiht," unterbrach sie ihn, "Ihr liesst mich nicht ausredenich wollte sagen: um zum zweiten Male eine Torheit zu begehen. Ihr sehe't, ich habe Offenheit von Euch gelerntund auf Heuchelei mich niemals verstanden!"

Er drückte ihr die Hand und sagte: "Es ist doch Schade, dass Ihr kein Mann geworden seid; Ihr könntet vielleicht einmal als mein Nachfolger Euer Glück machen. Ihr versteht Euch darauf, Scherz und Ernst so zu vermengen, dass die Wahrheit herauskommen mussund die hören gewisse Personen nur in solchem Gewande. – Wenn wir durch Wien reisen, werden wir Konrad Celtes treffen, der dort an der Universität auch die Wahrheit redet und dafür wirkt, dass sie mit der Schönheit die Gesittung und das deutsche Bewusstsein fördere in deutscher Nationdarf ich ihm einen Gruss von Euch vermelden und Alles sagen, was wir hier verhandelt haben?"

"Alles!" antwortete sie; "sagt ihm, dass Elisabet Scheurl stolz ist auf seine achtung, wie es einst Elisabet Behaim auf seine Liebe war, und dass sie der hohen Bahn sich freue, die sein Genius wandle. Sag't ihm, dass gleich wie er bemüht sei, vaterländischen Sinn zu wecken unter den Gelehrten wie unter der Jugend, und dem deutschen Volk zu zeigen, dass es eine geschichte habe: – Elisabet seinem Streben zu folgen vermöge, und so viel sie es selbst könne, deutsche Art und Kunst mit fördern helfe in ihrem Kreise; dass sie alle Schätze, mit denen sie gesegnet sei, fortan nur dazu verwenden werde, und dass wir, wie weit getrennt auch immer, uns in jenem höhern Menschheitsleben begegneten, das durch ein segenbringendes Streben für Andere, und wenn auch erst für spätere Geschlechter, wenigstens in einzelnen Weihestunden für alle Entbehrungen irdischen Glückes entschädigen kann!"

"Und ich werde hinzufügen," sagte Kunz als letztes Abschiedswort, "dass Ihr mir sonst nur wie eine edle Königin, heute aber wie der Genius der leidenden Menschheit erschienet, und dass Ihr von hier schiedet mit so strahlenden Augen, wie eben dieser Genius, wenn er die Tränen von Tausenden getrocknet."

Aber Elisabet seufzte und schlug beschämt die Augen nieder. "Vielleicht werde ich noch, wie Ihr denkt, dass ich binEurem Genius gegenüber fühle ich, dass ich doch nur als ein Weib kam, das nicht an Tausende, sondern nur an Einen dachte."

Sie zog den schwarzen Schleier über ihr Antlitzer verbarg ihr Erröten und ihre Tränen.

Zwölftes Capitel

Rache und Versöhnung

Ueberall im deutschen Reich und in den baierschen Landen zumal wie in den angrenzenden Staaten, besonders auch im reichsunmittelbaren Nürnberg, herrschte grosse Freude über die Friedenskunde, die Heimkehr der in's Feld gezogenen Mannschaften und den Gnaden akt mit dem König Max das von ihm längst ersehnte Versöhnungsfest seiner Familie begleitete, und der auf seinen Wunsch überall ausgeführt ward. Begann auch damals schon in den fürstlichen wie in den städtischen Kanzleien eine aufhaltende Vielschreiberei einzureissen, so gab es doch noch genug besondere Fälle, wo davon gänzlich abgesehen ward und einzelne fürstliche oder oberherrliche Machtsprüche vollständig genügten, einem gefassten Beschluss Gültigkeit zu verleihen, dass er alsobald in's Werk gesetzt werden musste.

Dem Abt des Benediktinerklosters, der nicht allein auf die Aussagen des Riesen-Jacob hin, sondern gedrängt von der höheren geistlichen Behörde, zu deren Ohren das fast zum Nürnberger Stadtgespräch gewordene Ereigniss gekommen war, die Untersuchung nicht mehr hatte hemmen können, kam diese plötzliche Niederschlagung und Beendigung derselben sehr gelegen. Um wie viel mehr nicht dem Propst Kress, der selbst mit hinein verwickelt war, und es mehr noch Ulrich's Edelmut als dem Ansehen, in dem er stand, so wie seiner Stellung vor der Welt, in der man ihn gern schonen wollte, zu danken hatte, dass die Sache nicht bedrohlicher für ihn war, die es aber jeden Tag noch werden konnte! Der Novize Konrad hatte sich selbst als Ulrich's Mitschuldiger bekannt, obgleich dieser Anfangs versucht hatte ihn als solchen zu verläugnen; der stille Jüngling wollte um so weniger etwas von dieser Schonung wissen, als er nun in Ulrich einen Leidensgefährten in jeder Beziehung erkannte: einen Ausgestossenen, gleich sich selbst. Er war zwar nicht zum tod, aber doch zu enger Kerkerhaft im