Ich sehe Euch in Trauer wieder?"
Sie erwähnte nur kurz, dass sie witwe geworden, und sagte dann: "Ich komme nicht, um für mich selbst zu bitten, sondern für Einen, der, obwohl mir ein Fremder, zwei Mal sein Leben einsetzte, das meine zu retten oder mir einen Schimpf zu ersparen – ich komme, um von Euch das Leben und die Ehre eines Baubruders zu erbitten, dem Ihr einst in Nürnberg auch Eure Huld erwieset – ich bitte für Ulrich von Strassburg. Den königlichen Baubruder ruf' ich an, sich des Baubruders zu erbarmen."
Max runzelte die Stirn. "Einen königlichen Baubruder," sagte er, "gibt es nicht. Als freier Maurer bin ich nur der Bruder Max und habe nicht mehr Macht als die andern – als König hab' ich die Statuten der Bauhütten bestätigt, als Baubruder muss ich ihre Entscheidungen ehren!"
Elisabet erzählte so kurz als möglich Ulrich's Geschick: dass er aus der Bauhütte ausgestossen worden, weil er nicht ehrlich geboren sei, und dass er nun zum Feuertode verurteilt worden, weil er seinen Vater aus grässlichem gefängnis befreit. Sie hatte weder einen Namen, noch irgend eine person in dieser traurigen geschichte vergessen; aber mit besonderer Begeisterung sagte sie Alles, was zu Ulrich's Lob und Entschuldigung sich sagen liess: wie er selbst erst vor Kurzem das geheimnis seiner Geburt erfahren, und wie er nichts getan habe, was nicht eher Bewunderung als Strafe verdiene.
Wohl war Max gerührt – aber er wusste selbst keinen Ausweg.
"Ei was," sagte der Narr, der niemals ein Freund der Geistlichkeit war, auf ihre Kosten immer am meisten spottete und sich freute, wenn er ihrer Macht ein Schnippchen schlagen konnte, "wenn es nicht wahr sein soll, was ich Dir schon gesagt, dass Du ein gut teil Deiner Macht aus den Händen gegeben, als Du die Bulle des Papstes Innocenz VIII. über den Hexenprozess in Deutschland bestätigt, so zeige wenigstens, dass Du die Inquisition nicht duldest – oder lass Dir von den pfaffen helfen, statt dass Du ihnen hilfst. Hat der Maurerhof von Strassburg fast dreissig Jahre lang ein Auge zugedrückt über Ulrich's Herkommen, so ist's wohl auch kein Unglück, wenn es länger geschieht. Erkläre Du und lass es von einem Bischof oder in Rom, wenn es sein muss, bestätigen, dass Ulrich als ehrlich Geborner zu betrachten, weil seine Eltern Busse getan haben im Kloster, und weil er selbst ein braver Kerl und rechter Baubruder geworden; so ist's gut, die Hütte muss ihn wieder mit Ehren aufnehmen und die pfaffen müssen ihn auf Dein Fürwort herausgeben; er ist mit eingeschlossen in den grossen Gnadenakt, den Du im Reich erlassen musst, weil Dir ein Friedenswerk gelungen, das mehr noch als Deinem land Deinem Herzen und – dem haus Habsburg zum Glück gereicht. Mir scheint, so ist's nur christlich gehandelt: wenn der Sohn dadurch, dass er wohl geraten und auch vom vierten Gebot nicht gelassen hat, die Schuld der Eltern sühnen kann – das Umgekehrte, dass ihre Schuld an den Kindern heimgesucht werde, das überlass den Juden."
Elisabet's Augen strahlten; sie fasste Kunzen's Hand und rief: "O wohl mir, dass ich in Euch einen Fürsprecher gefunden, wo mir ohne denselben Rat und hülfe fehlen würden!"
"Ihr würdet meiner nicht bedurft haben," sagte Kunz, "wenn Ihr für Euch selbst etwas erbeten hättet; Ihr wisst, dass es den ritterlichsten König immer verdross, dass Ihr bei ihm – an Andere denkt!"
Das traf. Max zog die Augenbraunen unwillig auf und sagte zu Elisabet: "Da der Narr bessern Rat weiss als ich, so mag er die Papiere, die ich Euch als Freibriefe für Euren Schützling oder Schützer mitgeben will, nach Gutdünken ausfertigen. Ich habe Euch mein Wort gegeben, das die Erfüllung Eurer Bitte im Voraus gewährleistete – es soll mir eine Warnung sein, schönen Frauen gegenüber damit künftig vorsichtiger zu sein. Ich liebe diese willkürlichen Handlungen nicht, zu denen Ihr mich drängt!"
"Hoho!" sagte der Narr, indem er eifrig auf grosse Stempelbogen schrieb, "die Willkür der Gnade ist mir immer lieber als die der Rache. Das deutsche Reich ist ohnehin nicht in sonderlicher Ordnung, und der Wirwarr wird nicht grösser, wenn Du einmal Gnade für Recht ergehen lässt. Bist Du erst Kaiser, hast Du aus den jetzigen schwachen Versuchen den grossen und kleinen Raufereien und Zänkereien einen Damm entgegenzusetzen, einen wahrhaften, dauernden, ewigen Landfrieden gestiftet und ein Reichskammergericht eingesetzt, das auf Ordnung sieht im Grossen und Kleinen, dann bin ich gewiss der Letzte, der Dich zum eigenmächtigen Handeln drängt. Aber so lange Du Andere eigenmächtig das Böse tun siehst, kannst Du auch eigenmächtig das Gute tun – dadurch wird weder das Reich zu grund gehen, noch das Haus Habsburg!"
Als Elisabet aus Kunzen's Händen die königlichen Schreiben mit der Unterschrift und dem Siegel Maxens empfing, wies der Narr ihren tiefempfundenen Dank zurück, indem er sagte: "Ihr kamet zur guten Stunde und hab't mir mehr geholfen, denn dass ich Euch geholfen hätte. Ich hatte schon daran gedacht, dass ein Friedens- und Freudenfest, wie die Versöhnung des Kaisers mit seinen Kindern, überall einen Nachhall finden sollte und einige arme Teufel aus Schöppen- und Pfaffenhänden befreien