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waren zu den Ohren des Ratsherrn Haller gekommen und machten ihm nun ihre Bemühungen, Elisabet als schuldig erscheinen zu lassen, doppelt verdächtig, so dass ihm nötig schien, zur äussersten Vorsicht und Rücksicht zu raten. –

Das Läuten des Armensünderglöckchens, momentane Stille, dann Trommelwirbel und ein Aufschreien aus tausend und abermals tausend Menschenkehlen verkündete, dass der Henker sein Werk vollendet hatte. Ja, sie jubelten, die guten, gesitteten Nürnberger: es war der Triumph des Bürgertums über das Raufboldtum der Ritterschaft, die sich selbst um ihr einstiges Ansehen gebrachtaber noch mehr war es das Aufheulen einer blutgierigen Bestie, die nach Blut dürstet und sich freut wenn sie welches gesehen. So war das Volk in diesem Augenblick, so jedes menschlichen Gefühls und höheren Gedankens baarein Ungeheuer, das sich in seiner natürlichen Wildheit zeigte. –

Auch Elisabet vernahm diese Trommelwirbel und dieses viehische Gebrüll, so abgelegen auch ihr Haus von dem Platz des Blutgerüstes war und das Zimmer, in dem sie weilte. Clara Pirkheimer war bei ihr und hatte ihr in derselben Stunde erzählt, was ihre Schwester Charitas im Kloster der heiligen Clara erlebt, wie sie in der Nonne Ulrike, Ulrich's von Strassburg Mutter entdeckt, und diese dann nicht eher habe sterben können, bis sie den Sohn auf ihrem Sterbebette gesegnet.

"Und jetzt höre ich," fuhr Clara fort, "dass Ulrich aus der Bauhütte ausgestossen ist und gefangen fortgeführt wordenich weiss nicht, welches Verbrechens man ihn zeiht!"

Elisabet hatte mit steigender Teilnahme zugehört; sie erbleichte und errötete während dieser Erzählungund jetzt, da der Trommelwirbel tönte, der das Ende eines Opfers der strafenden Gerechtigkeit verkündete, zuckte sie zusammenin demselben Augenblick erfasste sie die Vorstellung mit der furchtbarsten Angst: wenn Ulrich auch ein solches Opfer wäre? – Aber nein! das war unmöglich! Wenn Ulrich ein Schuldiger war, der ihr so rein und heilig erschienen, wie der heilige Johannes selbst, dem er diente, dann gab es nur noch lauter Verbrecher in der Welt! Wer konnte es wagen ihn anzuklagen? Wie konnten die freien Maurer, deren Zierde und erster Künstler er gewesen war, ihn ausstossen aus ihrer Genossenschaft, wenn sie nicht irgend eine Schuld an ihm gefunden? Aber wieder: sie selbst war ja auch eine Unschuldigeund doch hatte man den Verdacht eines Verbrechens auf sie geworfen, vor dem ihre reine Seele schauderte!

Zwei Mal hatte er sein Leben für sie gewagtjetzt war es an ihr, jetzt musste sie Alles versuchen ihn zu retten! Auf einmal blitzte ein Gedanke in ihr auf. "Wisst Ihr, ob König Max schon in Augsburg ist?" fragte sie.

Clara antwortete: "Ich glaube es" – aber sie begriff nicht, wie Elisabet in demselben Augenblick eine müssige Frage nach dem König tun konnte, wo sie gemeint hatte, sie sei ganz ergriffen von Ulrich's Geschickund darum fügte sie nichts weiter hinzu.

Aber Elisabet sagte: "Ich muss ihn retten, es ist meine Pflicht und ich hoffe, es ist in meiner Macht. Da mich der König mit der Nadel beschenkte, knüpfte er das Versprechen daran, dass ich, wenn ich einmal etwas von ihm zu bitten habe, ihm nur die Nadel zu zeigen brauche, um gewiss zu sein, dass er meinen Wunsch erfüllt. Ist es nun nicht schon zu spät, so kann ich Ulrich retten; denn in wessen Händen er auch ist: des Königs Fürwort muss ihn befreienmuss ihm auch bei den Baubrüdern die verlorene Ehre wiedergeben; Max ist ja selbst ein Baubruder und wird sich Ulrich's von Strassburg noch gar wohl erinnern."

"Ihr wolltet diesen Schritt für Ulrich tun?" rief Clara staunend; "Ihr könntet das wollen?"

Elisabet fuhr zusammensie war ja selbst eine Gefangene! In diesem Augenblick hatte sie das vergessen, sie hatte ja überhaupt sich selbst vergessen, ihr eigenes trauriges Geschick über das eines andern teuern Wesensnach edler Frauenart. Was sie erst selbst zu Ursula gesagt, da diese um ihretwillen zu König Max hatte senden wollen, das musste sie jetzt sich erst von Clara sagen lassenund mehr als das! sie fügte noch hinzu:

"So wisst Ihr nicht, wie die Rede Eurer verruchter Feinde in Nürnberg geht? dass diejenigen, die den schrecklichsten Verdacht auf Euch werfen, auch noch hinzufügen: Ihr hättet die grässliche Tat vielleicht um dieses Baubruders Willen getan?"

"Herr des himmels!" rief Elisabet und verhüllte ihr Gesicht.

"Verzeiht mir!" sagte Clara; "ich würde Euch die Kränkung dieser Rede erspart haben, wenn es nicht hätte geschehen müssen, Euch Schlimmeres zu ersparen. Ihr dürft diesen Schritt nicht tun!"

Elisabet richtete sich gross und feierlich nach einer langen Pause auf. Mit Hoheit sagte sie: "Ich werde diesen Schritt tun und wenn man mir nicht selbst gestattet mit sicherem Geleit gegen Augsburg zu reisen, so werde ich Stephan Tucher's Vermittlung annehmen. Wenn ich ein Mittel habe, einen Unschuldigen zu retten, und nütze es nicht, dann bin ich vor Gott und mir selbst die verworfene Mörderin, zu der dieser hochweise Rat vor der Welt mich machen möchte. Der Schein hat mir stets weniger gegolten als das Sein, und wo ich ihn bewahren wollte, da ist er mir und andern nur zum Fluch geworden! – Der Propst Kress," fragte sie später