1859_Otto_159_17.txt

hülfe zu bringen oder die toten zu begraben. Es gab von beiden genug, Männer und Frauen, verstümmelt und erschlagenaber von meiner Mutter fand ich keine Spur. Leute, die sie kannten, wollten sie gebunden auf dem Pferd eines Lanzenknechtes gesehen haben, der im raschen Trabe mit ihr davongeritten. Meine Mutter war eine schöne Frau und damals etwa dreissig Jahre altich kann nicht ohne Schauder an das Geschick denken, das sie vielleicht betroffen. Nie habe ich wieder etwas von ihr gehört, alle Nachforschungen, die ich selbst nach ihr anstellte und welche von den Benediktinern, wie sie mich wenigstens versicherten, nach ihr angestellt worden, blieben erfolglos. Die frommen Klosterbrüder behielten mich bei sich im Kloster, das kleine Besitztum meiner Eltern fiel ihm anheim und ich sollte dafür von ihnen zum geistlichen stand erzogen werden. Ich lernte nun bei ihnen schreiben, zeichnen und lesen, und da sie mit mir zufrieden waren, wie ich bei ihren Lehren mich anstellte, unterrichteten sie mich in allen wissenschaftlichen Dingen. Dabei ging mir der Sinn auf für die Kunst, und ich konnte dem Drang nicht widerstehen, mich ihr ganz zu widmen. Einer der Mönche ward mein Fürsprecher, und so entliess man mich endlich und die Strassburger Bauhütte nahm mich als Lehrling auf, wo ich, wie Ihr aus meinen Zeugnissen seht, fünf Jahre gelernt und mein erstes Gesellenjahr gearbeitet habe."

"Und von Eurem Vater erfuhrt Ihr Nichts?" fragte der Propst teilnehmend weiter.

"Einige seiner Landsleute, die zurückkamen, sagten, er sei in der Schlacht gefallen, aber ich weiss so wenig gewiss, ob das wahr ist, wie jene letzte Nachricht über meine Mutter," antwortete Ulrich. "Es sind vierzehn Jahre seitdem vergangen, aber ich habe nie wieder etwas von ihnen gehört, noch hat der Klosterbruder, der mein gönner und Freund geblieben, je etwas von ihnen erfahren."

"Ihr waret das einzige Kind Eurer Eltern?" fragte Kress, dessen Teilnahme immer mehr zu wachsen schien.

"Ich hatte niemals Geschwister."

"Und Euer ländliches Besitztum?"

"Der Abt des Benediktinerklosters verwaltet es für meinen Vater. Wenn er oder meine Mutter nicht zurückkommen, fällt es an das Kloster."

Der Propst konnte bei dieser Antwort ein leises Lächeln nicht unterdrücken, aber er schien mit seinem Examen über Ulrich's Familienangelegenheiten zu Ende zu sein, und sprach nun von Bauangelegenheiten mit ihm.

Dieses Examen war ungewöhnlich, da es vollständig überflüssig war. Kein Jüngling ward als Baulehrling zugelassen, der nicht von ehrlicher Geburt war und nicht die besten Zeugnisse über seine Sittlichkeit und Brauchbarkeit hatte. Es verstand sich daher beides schon bei einem Baubruder von selbst, und ausserdem waren dieselben fast ebenso losgerissen von allen Familienbanden wie die Geistlichen, da auch das Cölibat bei ihnen Bedingung war, dass es nie Jemanden einfiel, sich um ihre Angehörigen zu bekümmern. Anton Kress musste darum gerade ein besonderes Interesse für diese haben, sonst hätte er nicht diese Auskunft von Ulrich verlangt. So viel ward diesem klar, aber vergeblich bemühte er sich durch Nachsinnen zu ergründen, was den Propst zu diesen fragen veranlassen konnte.

Viertes Capitel

Konrad Celtes

"Unter der Veste" erhob sich ein neues Prachtgebäude, das eben erst in diesem Jahr beendet worden. Es war auch nur das Wohnhaus eines Patriziers, aber fast das schönste Nürnbergs. Ein Eckhaus, breit und tief und hochaufsteigend zugleich, die immer noch Raum zu neuen Verschönerungen liess, wie z.B. der Tragstein an der Ecke noch mit keiner Statue geschmückt war und die einzelnen Absätze des treppenartig ausgeschnittenen Giebels auch noch ihrer Standbilder harrten. Im inneren war es mit ausgesuchter Pracht und Kunst eingerichtet und bekundete den Reichtum seines Besitzers.

Dies war Herr C h r i s t o p h S c h e u r l , der mit zu den angesehensten Geschlechtern gehörte. Erst seit wenigen Wochen hatte er dies neue Haus bezogen, nachdem seine Hochzeit mit E l i s a b e t h B e h a i m stattgefunden, eine ebenbürtige Wahl, denn auch die Behaim waren ein altes ratsfähiges Geschlecht und auch im Ausland durch ihre Niederlagen in Venedig und den Handel, den sie nach Portugal trieben, wohlbekannt und in grossem Ansehen.

Die junge Gattin war allein. In einem prachtvollen Chörlein, das sich weit vorspringend an der Ecke des Hauses befand, sass sie am offenen Fenster und blickte träumerisch hinab auf die Strasse, zuweilen auch auf eine zierliche Schrift, die auf ihrem Schoosse lag.

Sie war eine ziemlich grosse prächtige Gestalt mit schwellenden Formen und edler stolzer Haltung. Auch in ihrem schönen Antlitz schien ein Zug von Stolz der vorherrschende zu sein. Aber man sah es auf den ersten blick: es war nicht die Hoffart und Eitelkeit einer verwöhnten Schönheit, es war nicht der Hochmut auf Vornehmheit und Reichtum, was diesen Zug hervorrief: es war der Stolz eines selbstbewussten Weibes, das über das gewöhnliche Geschlecht und die gewöhnlichen Verhältnisse sich selbst emporgehoben. In diesen strahlenden Augen las man von inneren Kämpfen, und der lächelnde Zug um die Lippen war nicht der des Glückes und der Befriedigung, möge sie aus naiver Unerfahrenheit oder aus beglückenden Verhältnissen kommen, sondern mehr das Lächeln einer Welterfahrung, die zur Weltverachtung geworden. Sie stand etwa in der Mitte der Zwanzig und sah auch sonst nicht aus wie ein Wesen, das schon in solcher Weise mit der Welt abgeschlossen hättenur jenes Lächeln abgerechnet. Das Haar