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dabei auf einige tote nicht an, wenn durch solchen Raubmord nur ein einträgliches Geschäft gemacht ward. Ja, die meisten Ritter rechneten sich solche Taten nicht etwa als verbrecherisch und ehrlos an: im Gegenteil, dergleichen war ihnen mehr ein Scherz, ein Recht des Stärkeren, ein Sieg ihres ritterlichen, kühnen Unternehmungsgeistes, dem stillen Krämergeist der Städter gegenüber; den Spiessbürgern geschah ganz recht, wenn sie um ihr Eigentum kamenwarum wollten sie jetzt so hoch hinaus und es in Allem dem Adel gleich oder zuvor tun! Ja, diese Raubanfälle steigerten sich um so mehr zum Heldentum, als sie jetzt durch den von Kaiser Friedrich gegebenen und vor Kurzem auf neue acht Jahre verlängerten Landfrieden, auch eine Auflehnung waren gegen Kaiser und Reich. Die trotzigen Ritter, die sich durch die neue, zu Gunsten des Bürgertums sich wendende Ordnung der Dinge in ihren Rechten sehr beeinträchtigt sahen, setzten eine Ehre darein, zu beweisen, dass sie sich an kein neues Gesetz zu binden brauchten und dass sie noch zeigen wollten, wer mehr Macht habe im land: die Bürger oder der Adelund die Gefahr reizte nur zu um so frecheren Handlungen.

Als Weispriach und Streitberg mit dem Führer jenes Waarentransportes von Augsburg zusammengetroffen waren, der so wundersame Geschenke für die Behaim und Scheurl entielt, so geschah es im doppelten Interesse, ihn aufzulauern: einmal um dieser Gegenstände Willen, und dann um sich dadurch an Elisabet zu rächen. Das ahnten sie freilich nicht, dass nun die Herren von Nürnberg einmal Ernst machen würden, die Ritter als Täter entdecken, verklagen, belagern, in die Reichsacht erklärenund schliesslich wirklich in ihre Gewalt bekommen.

Als der Raub geschehen war und die Ritter nicht alle Kisten mit sich hatten fortschleppen können, waren einige derselben im wald vergraben worden, um sie einmal bei gelegener Zeit mitzunehmen. Ezechiel und Rachel waren gerade auf einer ihrer Wanderungen über Land vorüber gekommen, und man hatte den Juden, um sich seiner zu versichern, zum Teilhaber an dem Verbrechen gemacht. Damit er schweige, hatte man ihm einen Sack mit wertvollen Kleinigkeiten geschenkt, und unbedacht auch den indianischen Raben, den Rachel aufgefangen. Nicht lange darauf mochten ihn Leute, die bei Ezechiel Geschäfte hatten, dort bemerkt haben; aber die Christen, welche dies taten, schämten sich einzugestehen oder selbst zu verraten, dass sie mit dem Juden in irgend welcher Berührung waren, und so verbreitete sich nur ganz im Allgemeinen und ohne bestimmte Angabe das Gerücht: die Juden hätten die indischen Schätze. Ezechiel selbst war gerade über Land auf ein paar Tage, als das Murren des Volkes wider die Juden drohend ward. Rachel's Bruder Benjamin wollte den Vogel, der zum Verräter werden konnte, erwürgen und vergraben; Rachel war aber mit ihm verschwunden, und wagte doch erst lange nicht zu gestehen, wie und durch wen sie ihr Volk gerettet. –

Da Weispriach gefangen in Nürnberg war und ihm in der Eile der Prozess gemacht ward, suchte er sich wenigstens noch dadurch zu rächen, dass er Alles an das Licht brachte, was vielleicht die Nürnberger Herren in einige Verlegenheit setzen konnte. Er erklärte den Juden Ezechiel als seinen Verräter, nachdem er den Helfershelfer gemacht, da Niemand als er in Nürnberg wissen konnte, wohin man die Kisten gebrachter habe es wohl der Frau Haller gesagt, deren ergebener Diener und Freund er ja sei. Ebenso werde es wohl die alte Jacobea gewusst haben, in deren haus die Frau von Scheurl schon manches verliebte Abenteuer mit dem Steinmetzgesellen gehabt, und von deren Hand sie wahrscheinlich auch das Gift empfangen habe, mit dem sie ihren Gemahl beseitigtdenn darauf verstehe sich die alte Hexe wie Niemand sonst.

Die Folge dieser und anderer Aussagen von ihm war, dass man wenigstens den Juden Ezechiel und die alte Jacobea einziehen musste. Indess konnte doch ihre Schuld oder Mitschuld keinen Einfluss auf Weispriach's Geschick haben; er hatte sein Leben verwirkt, man wollte einmal ein Exempel statuiren: er ward verurteilt lebendig gerädert zu werden, welches Urteil dann durch besondere Gnade in den Tod durch das Schwert verwandelt ward.

Wohl waren damals Hinrichtungen an der Tagesordnung und das Volk war an blutige Auftritte gewöhntaber lange war es nicht vorgekommen, dass ein Ritter, ein Herr vom Adel war gerichtet worden. Der Bürger und Bauer hatte sein besonderes Ergötzen daran, dass auch einmal Einer, der ein stolzes Wappen trug, dem Henker verfiel. Der Tod durch dessen Schwert war überdies die ehrenvollste Todesstrafe, und sie war darum mit um so grösserem Gepränge vollzogen und lockte die meisten Schaulustigen herbei. Viel gebräuchlicher war es, gemeine Verbrecher am Galgen aufzuknüpfen, zu rädern oder zu säcken, auch lebendig zu vergraben und zu pfählen, wobei ein förmlicher Wetteifer der Grausamkeit bei Verordnung und Vollziehung dieser und anderer grässlichen Strafen stattfand.

Ganz Nürnberg war auf den Beinen, müssig und geputzt wie an einem Festtag, um den gefährlichen Strassenräuber sterben zu sehen, den Viele kannten, weil er sich bei König Maxens Anwesenheit mit unter dessen Gefolge gemischt und mit den ehrsamen Nürnbergerinnen getanzt hatte. Gerade dadurch, dass sie nun seiner Entauptung zusahen, meinten sie von sich selbst jeden Schimpf abzuwaschen und den seinen zu erhöhen. Auch Beatrix Immhof und die Hallerin fehlten nicht unter ihnen an den dicht besetzten Fenstern des Marktes; die Hallerin hatte zumeist Ursache ihre Verachtung zu zeigen, denn Weispriach's Aussagen über ihre feindlichen Pläne gegen die Scheurl und die Gunst, die sie ihm selbst erwiesen,