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Fürwort des Kaisers es nur dahin bringt, dass man –"

Elisabet schnitt die Rede vom mund der Freundin ab und ergänzte sie in ihrer Weise: "Dass man ein Recht habe zu sagen: Da ist es doch erwiesen, dass Elisabet Scheurl des Königs Buhlerin gewesenwie nähme er sonst die Giftmischerin in seinen Schutz? Kein Wort mehr davon! Es ist wahrlich nicht leicht fortzuleben unter der Wucht dieses entsetzlichen Verdachtes, jeden Augenblick bereit vor rohen und hämischen Richtern zu stehen, die nur darauf lauern, ein stolzes Weib zu demütigen: aber leichter ist es noch, als wie sich ihnen nur durch fremde Fürsprache zu entziehen, welche der Bosheit neue Waffen in die Hand drückt und uns vor uns selbst erniedrigt."

Elisabet blieb fest bei dieser Antwort, was auch Ursula noch dagegen reden wollte. "Wenn man nun doch keine Schonung für Dich kennt!" rief sie angstvoll, "wenn man es wagen sollte Deinen zarten Leib der Folter auszusetzenneben all' ihren Qualen den tausendmal entsetzlicheren durch die Blicke und Berührungen der grässlichen Folterknechte! – Wenn wir nun gar nichts weiter vom König erflehen wollten als seine Fürsprache, Dir das zu ersparen?"

Wohl schauderte Elisabet, aber sie antwortete: "Gegen solche Entehrung wird mich dieser Dolch beschützen!" – und sie zeigte einen solchen, den sie verborgen in ihrem Trauerkleide trug; "aber ich hoffe noch, dass mich dagegen auch die Fürsprache meiner Brüder, Deines Gatten und Vaters und ein paar anderer, mir noch ergebener Ratsherren bei den Schöppen schützt! Nicht mit einer andern Entehrung will ich vor der einen mich retten! – Ursula, ich beschwöre Dich! wenn die Gefühle der Dankbarkeit, die Dich für mich beseelen, wie Du mir immer sagst, Dich antreiben etwas für mich zu tun, so lass es das sein, dass Du Deinen Gemahl abhältst, zum König zu eilen und ihm von meinem Unglück zu sagen. Es ist noch ein Trost für mich, wenn er wenigstens es nicht kennt, nicht ahnt, was der Frau geschehen, die er vielleicht gerade darum vor Andern auszeichnete, weil sie ihn zwang an weibliche Tugend zu glauben!"

So musste Ursula traurig auf ihren Vorschlag verzichten, in dem sie einen Rettungsschimmer für die Freundin gesehen, der sie das ganze Glück ihres Lebens dankte.

Von ihrem Bruder Georg begleitet war Elisabet auf das Rataus in's Verhör gegangen. Wer die schöne Frau so gehen sah im kohlschwarzen dunklen Trauerkleid, Hals und arme von Krepp umschlossen, und vom Haupt herab fast die ganze Gestalt mit einem wallenden Kreppschleier umhülltder musste immer gestehen, dass in dieser majestätischen Haltung und dem festen Gange, den sie angenommen, kein Schuldbewusstsein lag.

Trotz aller Mühen ihrer Feinde war nichts aufgefunden worden, sie bestimmt des Mordes ihres Gatten zu zeihen, aber eben so wenig sie von dem Verdacht desselben zu entbinden.

Sie beantwortete alle an sie gerichtete fragen mit einfacher Kürze und Würde, und da sie sich in nichts widersprach, so konnte auch der gegen sie erhobene Verdacht keine Steigerung finden. Die Aussage Katarina's: die Geldbörse Scheurl's von seiner Gattin erhalten zu haben, wies sie als freche Lüge zurück. Sie war bereit, ihre Aussagen wie ihre Unschuld zu beschwören, erklärte aber selbst, dass sie, bis die schauderhafte Tat an das Licht gekommen, und ihr und dem Namen ihres Gatten vollkommen Gerechtigkeit geworden, ihr Haus nicht verlassen werde.

Der Eindruck, den ihre Erscheinung in ihrer ruhigen Sicherheit und weiblichen Majestät machte, war doch ein solcher, dem keiner der Schöppen und Ratsherren, die mit im Verhörzimmer waren, sich entziehen konnte; es wagte keiner, ihr mit der Folter zu drohen, oder auch nur mit Ketten und gefängnis; sie lasen auf ihrer reinen Stirn die Reinheit ihres Gewissens, sie behandelten sie mit achtung, trotz allen Vorsätzen, welche Einige vorher daheim gefasst, ihre Verachtung der stolzen Frau empfinden zu lassen und sie recht tief in den Staub zu treten. Sie ging so stolz und frei fort, wie sie gekommenund doch auch so niedergedrückt und bange atmend: denn sie war ebenso wenig frei gesprochen worden als schuldig erklärt.

In diesem Zustand verging ein Tag nach dem andern. Denn nur in gewissen Fällen übte der Rat von Nürnberg schnelle Justiz: wenn es nämlich seinen Ruf und sein Recht nach Aussen zu wahren galt, namentlich dem Adel, Fürsten und Herren und unruhigen Grenznachbarn gegenüber. Dann eilten die gestrengen Herren von Nürnberg zu zeigen, dass Niemand sie ungestraft kränken und beleidigen dürfe, und dass sie sehr wohl die Leute wären, auf Ordnung zu halten im Reich, sich selbst Recht zu sprechen und zu schützen gegen die Uebergriffe Solcher, die sich dünkten mehr zu sein als die ehrsamen Reichsbürger, und von diesen doch nur Placker und Strassenräuber, Landfriedenbrecher und Ritter von Habenichts genannt wurden, wenn sie auch noch so stolze Embleme in ihrem Wappen führten.

Diese schnelle Justiz erfuhr der Ritter Axel von Weispriach an sich. Es war erwiesen und er selbst hatte gar kein Hehl daraus gemacht, dass er lange Zeit in seiner Veste nur von Strassenraub gelebt, und dass er den friedlichen Handelsleuten, die aus oder nach Nürnberg ihre Wagen und Waaren an dem ihm zugehörigen Wald vorüberführten, aufgelauert und einen teil ihrer Waaren oft als Lösegeld genommen hatte, dass er die Leute selbst ungefährdet ziehen liess oder ihnen nicht Alles nahm. Oft jedoch waren seine Ausfälle minder gemütlicher Art, und es kam