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, und dann fügte er hinzu, dass er nur einmal in Scheurl's haus gewesen sei und mit der Hausfrau allein gesprochen habe, als er ihr den indianischen Raben gebracht, den das Judenmädchen ihm für Jene übergeben.

Der Hüttenmeister glaubte Ulrich gern, denn er hatte ihn, seit er in der Lorenzkirche arbeitete, gleich sehr als Menschen wie als Künstler schätzen lernen, und ihn oft den andern Steinmetzen als Muster vorgestellt; aber höher als der Einzelne stand ihm das Ganze der Brüderschaft und die gewissenhafte Aufrechterhaltung ihrer Statuten. Er sagte:

"Ich habe dem geistlichen Inquisitor, der Dich vorladen liess, die Antwort gegeben, dass Du ihm heute Abend ausgeliefert werdestwenn wir Dich schuldig befunden, als ein Ausgestossener aus unserm Bunde; wenn wir Beweise für Deine Unschuld haben, aber als einen der Unsern, den wir vertreten werden vor Kaiser und Reich, und dem kein Haar gekrümmt werden darf, es sei denn, dass unsere oberste Behörde, der Maurerhof zu Strassburg, zuvor sein Urteil gefällt. Draussen läutet jetzt die Mittagglockewährend die Andern gehen, bleibe hier und erwarte Dein Urteil."

Darauf entfernte sich der Hüttenmeister mit dem einen Beisitzer, der andere blieb als Wächter für Ulrich und Hieronymus zurück.

Die Freunde umarmten sich schweigend, da man sie wieder zusammen liess.

"Dir kann nichts geschehen!" sagte Ulrich freudig, "Du bist unschuldig."

"O hättest Du mir mehr vertraut," klagte Hieronymus, "ich hätte Dich besser verteidigen können!"

Ulrich schüttelte mit dem Kopf: "Von dem Augenblick an, da ich fühlte, dass der Schein gegen mich zeugen und mich verderben konnte, musste ich Dich meiden, mich von Dir zurückziehen, damit ich Dich nicht mit in meinen Sturz verwickelte. Nun begreifst Du wohl, warum es den Anschein hatte, als sei meine Freundschaft für Dich erkaltetaus Freundschaft musst' ich Dich meiden, und das Band lockern, das uns umschlang."

Hieronymus konnte kaum sprechen und weinte an dem Halse seines Kameraden; als er sich wieder von ihm losmachen wollte, hielt Ulrich seine Hand fest und sagte: "Lass mir jetzt die Hand noch, die vielleicht in der nächsten Stunde sich mir als einem Ausgestossenen und Beschimpften für immer entziehen muss." –

Als der Pallirer wieder kam und die Glocke zur Arbeit rief, durften auch die beiden Baubrüder wieder mit an die ihrige gehen. Ulrich war es dabei wunderbar zu Mute. Vielleicht war dies seine letzte Arbeitsstunde, vielleicht schwang er zum letzten Male den Meissel und lenkte das Richtscheit, vielleicht war er zum letzten Male in der Hütte, vielleicht war er in der nächsten Stunde kein Baubruder mehrmit Schimpf und Schande ausgestossen aus dem geweihten Bund! Und seine ganze Seele hing an ihmschlimmer als Tod war es, wenn man ihn ausstiessund doch sah er kein anderes los vor sich; aber war es ihm nur gelungen, dadurch, dass er die Schuld auf sich allein nahm, die drei andern Mitangeklagten als Unschuldige darzustellen, so fühlte er in sich einen freudigen Triumph, der ihn wenigstens auf Augenblicke sich selbst vergessen machte.

Dass in dem Verhör, als Ulrich Amadeus seinen Vater nannte, der Hüttenmeister nicht weiter danach gefragt, das befremdete Ulrich. Seitdem er gestern am Sterbebett seiner Mutter gewesen, um ihren letzten Wunsch zu erfüllen, dadurch allen Zwang von sich werfend, den er bis jetzt sich angetan und seinem kindlichen Gefühlseitdem war er darauf gefasst gewesen, dass er über seine Eltern verhört werden würde. Nun hatte man diese Frage gegen ihn gar nicht berührt, da doch seine Erklärung, dass Amadeus sein Vater sei, schon eine Art v o n geständnis war. Strahlte nicht hierin ein Hoffnungsschimmer? Hatte nicht vielleicht der Propst Kress einen Beweis gesucht und gefunden, dass Amadeus und Ulrike durch Priestersegen verbunden waren? Gab es für ihn wirklich noch eine Rettung? Der Ertrinkende in einer Flut von Unheil sieht in der schwimmenden Strohähre einen Rettungsanker.

Da es ein Samstag war, so ward an diesem Tage eine Stunde früher als sonst zum Feierabend geläutet.

Als alle ihre Werkzeuge weggelegt hatten, pflegten sie noch zusammen zu bleiben, weil an diesem Tage jedem der Wochenlohn ausgezahlt ward. Da die Strafen für kleinere Vergehen wie Betrinken, Sichverspäten, Schimpfen u.s.w. meist in Lohnentziehungen bestanden, die dafür in die allgemeine Büchse flossen, oder in Wachs, das von den Strafbaren abgeliefert werden musste, so wurden auch diese bei derselben gelegenheit mit den üblichen Ermahnungen zur Besserung mit erteilt.

Darauf erklärte der Hüttenmeister, dass das geistliche Gericht Anklage erhoben habe wider Hieronymus und Ulrich von Strassburgdass man aber keinen Grund habe an der Unschuld des ersteren zu zweifeln, daher derselbe nach wie vor daheim bleiben und ruhig zur Arbeit kommen solle. Ulrich von Strassburg aber, der sich selbst als schuldig angegeben, solle den draussen harrenden Dienern des Gerichts übergeben werden.

"Wir und die Hauptütte zu Strassburg," fuhr der Hüttenmeister fort, "sind über ihn und seine Herkunft getäuscht worden durch falsche Zeugnisse; es bewährt sich nicht nur an ihm, dass Gott die Sünden der Väter heimsucht an den Kindern, sondern auch, dass kein Frevel an der Wahrheit ohne Entdeckung und ohne Rache bleibt. Ulrich von Strassburg war von je ein Unehrlicher und Unreiner, der nicht in unsern reinen Bund gehört: sein Vater war ein Mönch und seine Mutter eine Nonne –"

"Haltet ein