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auf einer Lüge, wer nur im Kleinsten sich versündigt hat an der Heiligkeit des Bundeseidesder wird ausgestossen aus der Gemeinschaft freier Maurer, die Profanen mögen ihn richten."

Hieronymus blickte empor und sagte flehend: "Ulrich ist mein Bruder und Freund; er hat mir das Leben gerettet mit Gefahr seines eigenen, wie Ihr wisstich kann nicht wider ihn zeugen."

"Damit hast Du schon seine Anklage ausgesprochen," sagte der Hüttenmeister ernst; "aber Du weisst auch, dass die Wahrheit bei uns herrschen muss über jedes andere Gefühl, jede andere Rücksicht; der Eid, den Du geschworen, da Du Mitglied unseres Bundes wurdest, band Dich früher als jeder andere; Du durftest gar keine andere Verpflichtung eingehen ohne diesen VorbehaltBundesbrüder sind wir Alle; aber über uns Allen herrscht Einer und ein einziges Gesetz, dem zu dienen mehr gilt, als unsern Gefühlen, ja dem zu Ehren wir diese bekämpfen müssen, wenn sie einmal mit ihm in Widerspruch geraten wollen. Stehe Rede und Antwortvielleicht kann Dein redliches Bekenntniss Ulrich eher retten als verderben, denn seine Sache steht schlimmer als die Deine, und ich verlange nicht, dass Du wider ihn zeugest, sondern für ihn, wenn Du es kannst. Gedenke Deines Eides!"

Hieronymus begann: "Ein Judenmädchen, Rachel, hat ein paar Mal versucht sich an uns zu drängen, und da wir einmal bei einem Strassenlärm vor unserm haus ihrem Vater, dem alten Ezechiel, hülfe leisteten, da er sonst wäre von Betrunkenen erschlagen worden, hatte sich seine Tochter in unser Haus geflüchtet, und Ulrich sperrte sie dort allein in eine dunkle kammer, bis sie ungefährdet heim gehen konnte. Wohl fand ich es unrecht, dass er das Mädchen so lange duldete, da er uns dadurch in Schande bringen könne. Zwei Tage darauf wurden wir in das Benediktinerkloster gesandt und dann hat Ulrich nicht mehr bei mir gewohnt. Das Mädchen hatte damals einen Ring verloren, den Ulrich ihrem Vater in der Wirtschaft des Klosters wieder zugestellt hat; aber weiter hat er keine Gemeinschaft mit den Juden gehabt."

Der Hüttenmeister fragte weiter: "Und was hab't Ihr im Benediktinerkloster getanausser der Arbeit, die Euch zukam?"

"Ich weiss von nichts," antwortete Hieronymus.

"Hast Du nicht den Mönch Amadeus schon vorher gekannt, der das Weihbrodgehäuse zertrümmerte?"

"Gekannt? – nein!"

"Auch Ulrich nicht? auch nicht gesehen?"

"Gesehenja," antwortete Hieronymus nach einigem Zögern; "Ulrich's Schwert war vor Jahren im Gedränge an dem Rosenkranz des Mönches hängen geblieben, er hatte sein Kreuz verloren, das Ulrich bewahrte, um es ihm wieder zu erstatten."

Der Hüttenmeister lächelte ungläubig; "Ihr hattet Glück im Finden! – Wie seid Ihr im Kloster mit Amadeus in Berührung gekommen?"

"Wenn es eine Berührung war: als seine Ankläger. Wir sahen, dass das Tabernakel gewaltsam zerstört warda hat er sich selbst als schuldig bekannt; als wahnsinnig ist er im gefängnis an die Kette gelegt wordenweiter weiss ich nichts von ihm."

"Kanntest Du den Novizen Konrad?"

"Er begrüsste uns als Baubruderich misstraute ihm, weil er von unserer freien Kunst der Möncherei sich zugewendet, gleichviel ob es aus freiem Willen geschehen oder aus Strafe."

"Aber Ulrich traute ihm?"

"Allerdingses schien so."

"Ihr seid schon zwei Mal angeklagt gewesen, Euch in Händel mit Raufbolden und Raubrittern eingelassen zu haben, die Frau von Scheurl zu beschützen," begann der Hüttenmeister ein anderes Tema; "das erste Mal hat unser königlicher Bruder Max Euch selber freigesprochen, zum andern Male hat man es Euch um deswillen nachgesehen und Ihr seid mit einem Verweis und einer Verwarnung, nicht unnütz das Schwert zu ziehen, davon gekommenweisst Du, ob Ulrich sich weiter mit diesem weib eingelassen?"

"Ich weiss es nicht," antwortete Hieronymus; "Ihr wisst, wir haben seit Monaten nicht mehr zusammen gewohnt."

"Geh' an Deine Arbeit! Wir werden weiter erfahren, ob Du die Wahrheit geredet."

Nachdem Hieronymus mit diesen Worten entlassen war, ward Ulrich zu dem Hüttenmeister berufen.

Er wiederholte ihm die vorige Anklage und fügte hinzu: "ich hoffe, Du wirst bekennen, wie Hieronymus auch bekannt hat."

"Hieronymus!" rief Ulrich, "er ist unschuldig; Alles, was Ihr mir da vorhaltet, ist allein mein Verbrechenwenn es eines ist." Und Ulrich schilderte wahrheitsgetreu, wie das Judenmädchen seinen Beistand für Andere angerufen, wie er selbst in jener Nacht sie beschützt habe, weil er in ihr das edle Streben erkannt, das Unrecht zu verhüten, dass ihr Vater oder andere Leute, von denen sie es erfahren, an Andern, an Christen hatten begehen wollen, und wie er, um Hieronymus vor jedem falschen Verdacht zu bewahren, von diesem gezogen sei. "Ich meine, ich habe kein Gelübde gebrochen," fügte er hinzu, "dass ich dieses Judenkind anhörte; so oft es kam meine hülfe zu fordern, war es für Andereund sonst habe ich keine Gemeinschaft mit ihm gehabt, mich fern und frei gehalten von allen Dingen, die wider unsere Statuten verstossen."

"Aber Du und Hieronymus," fragte der Hüttenmeister, "Ihr habt Amadeus befreit; leugne nicht,