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sich entfalten kannein Aufschwung und Aufstreben zur höchsten Freiheit, die sich selbst bewusst an das Ganze hingiebt und nur im Ideal Ziel und Schranken findet! – Sage mir, Hieronymus, wenn man m i c h auch beschuldigt, wirst Du an mich glauben?"

"Ich habe es getan bis zur Stunde," antwortete Hieronymus, "und begreife Deine Frage nicht, noch was Dich sonst so bewegt?"

"Eine Ahnung," antwortete Ulrich, "vielleicht auch die feierliche Beklommenheit, die immer über uns kommt, wenn wir die letzte Hand an ein Werk legen, an dem wir lange gearbeitet. Sieh', diese Halbsäule mit ihrem Hochbild vorn ist bald vollendet," fuhr er fort, auf eine solche deutend, aus der Eichenzweige hervortraten, auf welchen ein Eichhörnchen sass, zum Sprunge ausholend, indess von unten eine Schlange emporzischte, die Eichenblätter wölbten sich oben zu einer Krone empor; "das unschuldige Eichhörnchen braucht nicht im Bann der Schlange zu bleiben," fuhr er fort, "aber es wird doch immer so erscheinen, es kann höher klettern, im freien wald von Zweig zu Zweig sich schwingen, die drohend vorgesteckte Schlangenzunge und ihr Gift verachten, kein ekles Kriechtier vermag ihm etwas anzuhaben. So hab' ich in den Stein hinein gedichtet, woran ich jetzt zumeist gedacht."

Die letzten Worte hörte der Pallirer, der jetzt näher zu den Beiden getreten war, und sagte: "Seid Ihr das Eichhörnchen selbst oder hab't Ihr an eine andere person dabei gedacht?"

"Nicht an eine bestimmte person," antwortete Ulrich; "es ist ja kein Conterfei, sondern ein Symbol. Wer in Unschuld wandelt und doch vermag sich zu den höchsten Höhen mit kühnem Sprunge empor zu heben, den mag die Schlange irdischer Gemeinheit und Bosheit immer zu verderben drohenja ihn gar einmal verschlingen, wo er sie am wenigsten vermutet: er war dennoch eines höhern Looses wert!"

Der Pallirer klopfte ihm auf die Schulter und sagte: "Grabet Euer Zeichen ein, man wird bei diesem Symbole Eurer selbst gedenken!" Dann wandte er sich mit einem mitleidigen Blicke ab, als habe er schon zu viel gesagt.

Die andern Gesellen und Lehrlinge waren einstweilen auch gekommen und das Morgengebet ward gehalten. –

Es war ein schwüler Sommertag, eine drückende heisse Luft lag auf der Bauhütte und verbreitete in ihr einen Dunst, der Alle lässig oder beklommen machte. Nur Ulrich gönnte sich nie eine Minute Ruhe, um sein Werk zu vollenden.

In dem kleinen Gemach in der Hütte, neben dem grossen Saal, in welchem die Steinmetzen arbeiteten, pflegte sich der Hüttenmeister aufzuhalten, wenn es Geschäfte zu ordnen, Contrakte abzuschliessen oder eine Untersuchung zu führen gab. Es war eine Art von Comptoir. Als es um die zehnte Stunde war, liess er Hieronymus und Ulrich hinein rufen. Neben dem Hüttenmeister befanden sich zwei ältere Gesellen, die, wie es schien, als Zeugen dienen sollten.

Der Hüttenmeister begann zu den Beiden: "Es sind schwere Anklagen wider Euch erhoben worden. Ich frage Euch im Namen Gottes, des Sohnes und des heiligen Geistes, der heiligen Dreieinigkeit, zu der sich die gesammte Christenheit bekenntich frage Euch im Namen des heiligen Johannes, des erhabenen Schutzpatrones und Vorbildes aller freien Maurer: wollet Ihr die Wahrheit bekennen unerschrocken und ohne Menschenfurcht gleich ihm? wollet Ihr sie bekennen, auch wenn sie Euch hinaus in die Wüste führte oder in's gefängnis, oder Euch den Tod brächte?"

"Wir wollen sie bekennen!" riefen Beide zugleich, aber bei Ulrich klang es wie der entschlossene Ruf eines Märtyrers, bei Hieronymus mischte sich etwas wie Schreck und Furcht hinein.

"Leistet den Schwur jetzt vor mir mit Wort und Hand; was Ihr ausgesagt hab't, werdet Ihr dann vor der ganzen Baubrüderschaft noch einmal bekennen müssen!"

Nach diesen Worten des Hüttenmeisters leisteten Beide den üblichen Schwur.

Ulrich ward einstweilen entlassen und Hieronymus zuerst verhört. "Du bist sammt Ulrich von Strassburg angeklagt worden, dass Ihr mit ehrlosen Juden gemeinschaftliche Sache gemacht hab't und eine Judendirne mehr als einmal nächtlicher Weile in Eurer wohnung gewesen ist; dass Ihr mit denselben wieder im Benediktinerkloster seid zusammen gekommen und dann einen Mönch, der darin wohlverdienter Maassen zum tod verurteilt gewesen ist, befreit hab't und im Kloster Andere dazu verführt, Euch bei diesem Werke zu helfen. Steh' Rede über das Alles."

Hieronymus antwortete erstaunt: "Das kann ich nicht, denn ich weiss von dem Allen nichts."

"Gedenke Deines Eides!" mahnte der Hüttenmeister.

"Ich gedenke meines Eides und beteure meine Unschuld!" antwortete Hieronymus."

"Ueberlege was Du sprichst! gedenke Deines Eides!" wiederholte der Hüttenmeister; "weisst Du auch nichts von Ulrich's Schuld?"

Hieronymus schwieg und blickte zu Boden. Es herrschte eine lange Pause und Stilleman hörte nur draussen das Feilen der Steinmetzen, das gerade jetzt wie ein zur Andacht rufendes Geläute ineinander klang.

Endlich sagte der Hüttenmeister wieder: "Du weisst, wir drohen mit keiner Folter, um von den Unsern Geständnisse zu erpressen; wir brauchen keine profanen Mittel und hände, um die Wahrheit von Denen zu erforschen, die sie verbergen und verleugnen wollenwir kennen nur eine einzige Drohung: Wer nicht freudig die Wahrheit redet und bekennt, auch wo sie ihm Schaden bringen kann, wer betroffen wird