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die hatte freilich Einfluss genug, einer Anklage, die sich auf Tatsachen stützte, wenn sie auch aus dem Mund eines Juden kam, Gewicht zu verleihen und Zeugen für sie zu schaffen, wenn auch ihr Gatte eher zu den Männern gehörte, welche ihre Frauen kurz hielten und die Hausfrau gern zu einer Hausmagd herabwürdigten, als zu denen, welche sich selbst ehrten durch die Ehre, die sie ihren Frauen erwiesen.

Eben diese Beschränkung und dieses Kurzhalten, welches Katarina Haller von ihrem Gatten erfuhr, war die Ursache, welche sie in die hände des Juden führte. Haller setzte teils eine Ehre darein zu sparen und sein Gut zu mehrenteils glaubte er sich für berechtigt, Alles an sich und nichts an seine Frau zu wenden, teils hielt er auch streng darauf, dass diese nicht selbst die Luxus- und Kleidergesetze überschritt, welche der Rat gegeben hatte, da sich dies für die Frau eines Bürgermeisters am wenigsten gezieme. Aber Katarina, im Bewusstsein, dass die Mitgift einer Holzschuher viel reicher gewesen, als die einer Behaim, fand es unerträglich von Elisabet Scheurl wie in allen andern Dingen, auch in Kleiderpracht und Putz übertroffen zu werden. Da ihr Gatte ihre Wünsche hierin nicht erfüllte, so suchte sie dieselben auf allerlei Schleichwegen zu befriedigen, und als der Reichstag kam, wusste sie für sich keinen andern Rat, als von dem Trödlerjuden, der auf Pfänder lieh, sich Geld zu verschaffen. natürlich durfte ihr Mann nichts davon ahnen und darum war die Verschwiegenheit des Juden die erste Bedingung. Er hatte sie treu erfüllt und dadurch sich mehr und mehr in ihr Vertrauen geschlichen. Dass sie von Eifersucht und Neid gegen Elisabet Scheurl erfüllt war, wusste der Jude wie fast die ganze Stadt. Das war so gewesen von der Stunde an, wo Elisabet neben ihr vom Kaiser war erwählt worden, als die schönste Nürnbergerin Konrad Celtes zu krönen, und hatte sich mit jedem Triumph derselben gesteigert, wie viel mehr nicht da, als König Max bei seiner zweiten Anwesenheit in Nürnberg in Scheurl's haus wohnung nahm. Alle gehässigen Gerüchte, welche über Elisabet im Umlauf kamen, gingen teils von der Hallerin aus, teils wurden sie doch von ihr begierig aufgefangen und mit den abscheulichsten Zusätzen weiter verbreitet.

Wie triumphirte sie jetzt, da Scheurl's plötzlicher, unerklärbarer Tod einen schrecklichen Verdacht auf Elisabet warf. Wie bestrebte sich die Hallerin ihn zu verstärken, so viel sie vermochte, und mit ihrer bösen Zunge die Feindin als das strafbarste und verabscheuungswürdigste geschöpf darzustellen, das es je in Nürnberg gegeben. Hatte sie vorher doch schon tausendmal bereut, dass sie vor zwei Jahren dem Ritter von Weispriach nur um einen Preis, den er sich vergeblich bemüht hatte ihr zu gewähren, versprochen hatte, Elisabet zu sich und damit in das Netz des Ritters von Streitberg zu locken, und dass sie es trotzdem nicht getan; nun aber wollte sie gewiss keine gelegenheit wieder vorübergehen lassen, Elisabet zu demütigen, unglücklich zu machen, wo möglich ganz zu verderben.

Schon war es ihr gelungen, ihrem Gemahl die moralische überzeugung beizubringen, dass Elisabet den Gatten vergiftet habe, indem sie sagte:

"Diesen alten Geck hat das eitle Weib doch nur geheiratet, weil er reich war und sie an seiner Seite übertriebenen Aufwand machen konnte. Mit andern Männern, wie mit dem Ritter von Streitberg und dem Poeten Konrad Celtes hat sie nur freche Buhlschaft getrieben, ohne an's Heiraten zu denken: jener hatte schon eine Frau und dieser konnte keine ernähren; aber das hinderte sie nicht, sich mit ihnen einzulassen und dann schnell den Scheurl zu heiraten, damit sie nicht etwa noch in Schande käme. Der hat es nun geduldet, dass Künstler und Gelehrte in seinem Haus ein- und ausflogen wie in einem Taubenschlag, um der gefallsüchtigen Frau die Zeit zu vertreiben und ihm auf einmal den Ruf eines kunstfreundlichen Mannes zu geben, und da der König ein Auge warf auf die üppige Frau, bei der er gewiss war, in allen Stücken eine zuvorkommende Wirtin zu finden, da drückte der Mann wieder ein Auge zu, weil seine Schande ihm die Ehre des adeligen Wappens einbrachte, und so lange hat vielleicht das Paar im besten Einvernehmen gelebt. Aber als Scheurl dahinter gekommen, dass ihr auch ein Steinmetzgesell nicht zu schlecht ist und sie sich nicht scheut, ihn zur Brechung seines Gelübdes zu verführen, da ist ihm doch die Geduld gerissen. Elisabet aber, die nie einen Widerspruch dulden mag und die wieder nur so lange den alten Herrn als Gemahl sich gefallen liess, als sie ihn ganz beherrschen und nach ihren Lüsten leben konnte, mag nun das los einer reichen witwe besser gefunden haben, als einer abhängigen Ehegattin, und hat den Gemahl auf die Seite geschafft. Du hast selbst gesagt, dass er Nachts immer betrunken aus Euren Zechgelagen heimgegangen, da mag es leicht gewesen sein, ihm einen Gifttrunk beizubringenund das Gift mag sie auch bei der Hand gehabt habensagt man doch, dass ihr Bruder Martin ein neues Schlangengift mitgebracht hat."

Wusste Haller auch recht gut, dass ein gut teil Neid und Eifersucht aus diesen Darstellungen sprach, so gehörte er doch auch zu den Männern gemeinen Schlages, die an keine Keuschheit und Tugend, am wenigsten bei schönen Frauen glauben, eben weil sie teils selbst weit entfernt sind und in der Verführungsmacht des andern Geschlechtes eine Entschuldigung für die eigene Unmoralität suchen, teils auch weil sie die Frauen zu weiter nichts fähig oder berechtigt halten