Kreuz bewahren, um sie ihm gelegentlich wieder zuzustellen."
Wie es dunkel geworden und die abendlichen Schleier auch die schönsten Bauwerke einhüllten, das selbst die prächtige Sebaldskirche, vor der Ulrich lange bewundernd und zugleich mit dem Auge des Kenners prüfend weilte, nur noch in ihren grossen Umrissen sichtbar war, kehrten die beiden Baubrüder wieder heim in ihre gemeinschaftliche wohnung. Durch Nürnbergs Gassen wogte zwar noch lange ein heiteres Leben und ein warmer Maiabend war so recht eigentlich geschaffen für die Bürgerlust, und auf den Spaziergängen an der Pegnitz wimmelte es von junger männlicher und weiblicher Welt, die sich lustig erging und begrüsste; aber wenn auch die Baubrüder nicht mehr zum geistlichen stand gehörten, so lebten sie doch gewissermassen abgesondert von der profanen Welt und unter strengen, selbstgegebenen Gesetzen, auf deren Befolgung mit viel grösserer Strenge gesehen ward, als zur selben Zeit bei den Mönchen und Geistlichen, die gerade damals sich viel erlauben durften, so dass von den Klosterbrüdern Dinge geschahen und ihnen nachgesehen wurden, die bei den Baubrüdern strenge Bestrafung fanden. Die Hütten hielten strenger auf Moral als die Klöster, es herrschte bei den Baubrüderschaften nicht mehr der Gegensatz von geistlich und weltlich, von Geistlichen und Laien, sondern von Geweihten und Profanen. Hierin lag das erhebende und zugleich stolze Gefühl, welches die freien Maurer gleichsam durch sich selbst stützte und schützte und sie eigensinnig über die eigene Sittenreinheit wie über die ihrer Brüder wachen liess, um sich ihrer Würde nichts zu vergeben und treu darauf zu halten, dass ihr erhabener Bund keinen Makel an seinen Angehörigen dulde.
Am folgenden Morgen waren Hieronymus und Ulrich die ersten in der Hütte – den Pallirer ausgenommen, der das Amt hatte die Tür auf- und zuzuschliessen und der Erste und der Letzte in der Hütte zu sein. Bald kamen auch die andern Gesellen und Lehrlinge, und der Pallirer sprach das Morgengebet, dann ging ein Jeder still an seine Arbeit. Der Werkmeister wies Ulrich die seine an und sagte ihm, dass nachher der Hüttenmeister und der Propst von St. Lorenz, Herr Anton Kress, kommen würden, um ihn als Mitglied der Nürnberger Bauhütte aufzunehmen.
Die Hüttenmeister waren die obersten Vorsteher einer Hütte, sie mussten für Beschäftigung der Baubrüder sorgen, waren die Vertreter der Hüttenangelegenheiten bei Kaiser und Fürsten, schlossen die Baukontrakte, wählten die Arbeiter und suchten der Kunst und ihrem Ruf zu dienen. Da die Baubrüderschaften eben nur zu Kirchenbauten sich verwenden liessen, so war es immer der Bischof, Abt oder Propst eines kirchlichen Stiftes, der sie berief, den Bauplan u.s.w. mit ihnen abzureden und zu beaufsichtigen hatte, war er verhindert, so musste irgend ein Canonicus oder "Gottesjunker" seine Stelle vertreten.
Als Herr A n t o n K r e ss erschien, grüsste er Alle freundlich, als wären sie seinesgleichen. Das Kirchenamt von St. Lorenz war erst kürzlich zu einer Propstei erhoben worden, und Anton Kress war der erste, der mit dieser neuen Würde bekleidet worden. Er mochte etwa fünfzig Jahre zählen. Leutseligkeit sprach aus seinen freundlichen Mienen, und wenn die wohlgepflegte Behäbigkeit seines ganzen Wesens auch nicht gerade auf sehr grosse Geistesgaben schliessen liess, so sah man es ihm doch an, dass er eine aufrichtige Teilnahme und Liebe für die Kunst besass, und indem er ihr huldigte und neue monumentale Werke derselben veranlasste, nicht nur eine Mode mitmachte, die zu seiner Zeit unter den Geschlechtern Nürnbergs sich auch Manchen für einen Kunstmäcen ausgeben liess, der nur für die in die Augen fallende Pracht Sinn hatte und kein Verständniss für das Höhere, das über den Gesichtskreis der Alltagsmenschen hinaus lag.
Als die üblichen Feierlichkeiten bei der Begrüssung des Propstes wie des neuen Gesellen vorüber waren, sagte jener zu diesem: "Ist nicht Euer Zeichen ein Kreuz mit einem Winkelmass durchschnitten?"
Ulrich bejahte. Die Steinmetzen führten statt ihrer Namens-Chiffren, Monogramme, welche sie als ihr Zeichen in ihre Arbeit gruben. Nur in diesen wie in ihren Werken wollten sie fortleben, auf die Unsterblichkeit des einzelnen Namens verzichtend, darum sind auch nur wenig Namen von Baubrüdern und eigentlich nur die ihrer Baumeister auf die Nachwelt gekommen.
Es schien nicht, als ob der Propst damit nur eine gewöhnliche Frage getan, sondern als ob ihm die Beantwortung derselben von besonderer Wichtigkeit sei. "Ihr seid in einem Kloster des Elsass erzogen?" fragte er weiter. "Was ist aus Euren Eltern geworden?"
Ulrich antwortete: "Meine Eltern bestellten das Feld in der Nähe eines Benediktinerklosters und ich hütete dessen Schafe bis in mein zehntes Jahr. Da wütete der Krieg in unserer Gegend und mein Vater musste mitziehen. Der Feind stand uns ganz nahe, da ich auf dem feld allein mit der Heerde war. Die Mönche waren mir immer gütig gewesen, und jetzt nahmen sie mich mit in das Kloster. Da der Feind näher rückte, die Fluren verwüstete und Feuer in unsere Hütten warf, bat ich für Zuflucht um meine Mutter, oder dass man mich zu ihr liesse ihr Schicksal zu teilen, welches es sei. Aber die Pforten des Klosters blieben verschlossen. Ich wusste wohl, dass Frauen sie nicht durchschreiten durften, aber ich war doch der Verzweiflung nahe, dass man mich getrennt von meiner Mutter hielt. Da endlich der Kampf ausgetobt und der Feind weiter gezogen war, wie immer eingeäscherte Höfe, brennende Hütten und zertretene Fluren hinter sich lassend, liess man mich heraus, und eine Anzahl Mönche begab sich mit auf den Weg, den Verwundeten