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"Sie steht hinter Dir!" sagte er noch leiser, da er Charitas erkannte; aber sie hörte es doch, erglühte und zitterte, wie sich freilich für die künftige Nonne nicht geziemen mochte.

Mutter und Sohn sahen einander unverwandt an, forschten und erkannten die geliebten Züge, und der Todesengel wich vor einer grossen Erschütterung und Freude. –

Ulrich hatte auf den Brief, den ihm die Schwester Pirkheimer sandte, noch gezögert zu kommen. Wohl zog sein Herz ihn mächtig in das Kloster, aber er gedachte des Gelübdes, das er dem Propst geleistet, und wollte erst mit ihm sprechen, statt wider seinen Willen zu handeln. Kress würde es ja doch wohl auch erfahren haben, wenn seine Schwester von einer tödtlichen Krankheit bedroht war. An diesem Abend nun war er voll Unruhe zu ihm gegangen. Da hatte man ihm gesagt, dass der Propst vor einer halben Stunde in das Clara-Kloster sei gerufen worden. Er eilte dahin und stand zögernd an der Pforte. Da tönte das Sterbeglöckleinseinem Rufe konnte er nicht widerstehen; er schellte und fragte die Pförtnerin: wem das Läuten gelte? und da sie geantwortet: "der frommen Schwester Ulrike, die seit zwölf Jahren hier ist," – da kannte er weder Zögerung noch Wahl, da wusste er, dass er ein heilig Recht habe auf den letzten Augenblick seiner Mutter, da bat er, ihn zur Priorin zu führen, und nannte sich Ulrikens Sohn, der von Strassburg hierhergekommen. Da die Priorin wusste, dass Ulrike verheiratet gewesen und einen Sohn gehabt, und da Ulrich sogar die Züge der Mutter trug, so zögerte sie nicht lange, sondern gab seinem angstvollen Flehen nach und führte ihn mit sich an das Sterbebett. –

"Vergieb Deiner Mutter," bat Ulrike, "vergieb ihr,

dass sie Dich verlassen konnte; dann erst können mir die Heiligen vergeben, dann erst kann ich in Frieden sterben!"

"Wie möget Ihr also sprechen! rief Ulrich; "als

eine Heilige, die viel geduldet, hab' ich Euch schon verehrt, und doppelt, seit ich Alles weiss, was Ihr gelitten und geduldet –"

Auf einmal stiess Ulrike einen entsetzlichen Schrei

aus. Ward jetzt ihr Geist vollends ganz klar und entsetzte sie gerade dieses Alles-wissen, von dem Ulrich sprach? dachte sie daran, dass, wenn die Welt erfuhr, wie und wessen Sohn er sei, die Sünde der Eltern über ihn kam? Der Propst fasste so die angstvoll flehenden Blicke auf, die sie zu ihm herüber warf, der tief bekümmert auf die Gruppe schaute, die er immer gefürchtet einmal so sehen zu müssen.

Aber jetzt raffte sich Ulrike noch einmal kräftig auf

und sagte mit lauter stimme: "Mein Sohn, ich weiss, dass die Leiden dieser Zeit nicht wert sind der Herrlichkeit, die an uns soll offenbaret werden! Dass ich Dich auf meinem Sterbebette segnen darf, ist ein Zeichen von der Vergebung des himmels für uns Beide. Vor Gottes Tron werde ich für Dich beten und Dich erwartenvielleicht kommst Du bald – –" Sie sank in die Kissen zurück, zog Ulrich's Hand mit einem letzten krampfhaften Zucken der ihren an ihr Herz und flüsterte verhallend: "Vielleicht kommst Du baldbald!"

"B a l d !" flüsterte Ulrich; "ich ahne es, Du ziehst mich Dir nach!"

Das Sterbeglöckchen läutete wiederdie Priorin öffnete leise das Fenster, um eine entfliehende Seele frei in den Himmel zu lassen.

Ulrich knieete betend an der teuren Leiche, bis er ihr die still und kalt gewordenen Augen zudrücken konnte, dann ging er mit dem Propst.

Achtes Capitel

Anklagen und Verhör

Mit sonderbaren Empfindungen vernahm Jacobea die Kunde von dem plötzlichen tod Christoph Scheurl's, von dem Verdacht, der auf seine Gemahlin fiel, und von der Verhaftung Katarina's – jenes mit teuflischem Triumph, dieses mit ängstlichem Erschrecken.

Wohl war Jacobea auch an dem Besitz des Ringes gelegen gewesen, doch war er ihr mehr Nebensache, die Hauptsache aber, dass ihr Pulver, welches sie für Elisabet bereitet, irgend eine schädliche wirkung auf dieselbe habe: entweder sie entstellte oder tödtewenn sie auch nur gewagt hatte es Katarinen, die nicht so verdorben war als sie, unter dem milderen Namen eines Schlaftrunkes zu reichen. Zu einem Diebstahl, zu einer hinterlistigen Rache, wusste sie, war Katarina zu überreden; aber stets würde sie vermieden haben, einen Mord auf ihre Seele zu laden. War sie nun die unschuldig Schuldige? hatte sie statt an Elisabet, an Scheurl die wirkung ihres Pulvers versucht, und war diese eine so plötzlich tödtende gewesen? Was hätte Jacobea darum gegeben, mit Katarinen reden zu können, die nun in den Händen der Gerichte war! Wenn nun die Folterknechte Katarinen, die mehr schwach als schlecht war, zum ganzen geständnis der Wahrheit brachtenwenn sie sagte, wer ihr das Pulver gegeben, und Jacobea selbst mit in Untersuchung kam? Wenn sie selbst gefangen würde in der Schlinge, die sie für andere gelegt, wie es eigentlich Katarinen schon ergangen war? Oder umgekehrt: wenn es gelinge, Elisabet als Giftmischerin und Gattenmörderin zu verderben; wenn die schöne Patrizierin auch auf der Folter, wenn auch nur aus Scham oder Schmerz gleich Andern, sich als schuldig bekennen würde, auch wenn sie es nicht war? Wenn sie gerichtet würde zum Schauspiel für ganz Nürnberg? – Konnte sich