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dass sie weder leben noch sterben könne, wenn sie Ulrich nicht wiedergesehen! –

Einst, als sie auch diese heisse sehnsucht in stöhnenden Jammerrufen hatte laut werden lassen, ward Charitas von ihr abgerufen, da ihre Schwester Clara gekommen sei, um sie zu sprechen. Solche Besuche ihrer weiblichen Angehörigen waren den Novizen gestattet.

Die Schwestern hatten nie ein geheimnis vor einander. So erzählte auch Charitas von Ulriken Alles, was sie selbst wusste, und eben auf das schmerzlichste bewegt von deren sehnsucht nach Ulrich, die gewiss keine sündhafte war, denn sie hatte ihn ihren Sohn genanntmochte er nun ihr eigener oder wie sie erst gesagt, der Sohn ihrer Freundin seinberiet Charitas mit Clara, ob es nicht ein gottwohlgefälliges Werk sei, den inbrünstigen Wunsch einer Sterbenden zu erfüllen und auf irgend eine Weise ihr ein Wiedersehen mit Ulrich zu verschaffen. War dieser wirklich ihr Sohn, so war es gewiss, dass die Priorin bei einer der frömmsten und gehorsamsten Nonnen keinen Anstand nehmen werde, auf sein Gesuch ihm den Zutritt zu ihr gestatten, um den letzten Segen einer sterbenden Mutter zu empfangen. Da aber Charitas doch nicht gewiss wusste, ob man Ulrike diese Gunst erweisen wolle, so mochte sie in derselben nicht Hoffnungen erregen, die sich vielleicht nicht erfüllen konnten, und auch nicht mit ihr davon sprechen, da die pflichtgetreue Nonne in diesem natürlichen Wunsch selbst so ein irdisches Verlangen sah, dass sie es sich selbst als Verbrechen anrechneteso konnte es ihr nicht als Bitte, sondern als eine gnädige Ueberraschung gewährt werden.

Die Schwestern kamen also dahin überein, dass Clara an Ulrich in wenig Zeilen schrieb: wie eine Nonne des St. Clara-Klosters mit Namen Ulrike nach ihm, Ulrich von Strassburg, wie nach ihrem Sohn auf ihrem Sterbebett sich sehne, und dass er, wenn er der sei, dem an ihrem Segen gelegen sein müsse, von der milden Priorin gewiss die erlaubnis erhalten werde, sich jenen selbst in den Klostermauern zu holen. –

Am folgenden Tage ward es mit Ulrike schlimmer. Der von ihr Ersehnte und von Charitas auch Erhoffte erschien nicht. Es war der Kranken, als ob ihr letztes Stündlein nahen müsse; jetzt verlangte sie nach dem Propst Kress und nach dem Beichtvater, der ihr die letzte Oelung reichen sollte. Ehe er kam, legte sie selbst ihre hände segnend auf Charitas' Haupt und sagte:

"Vielleicht ist es Euch ein Lohn für alle Eure mir erwiesene Liebe, wenn Ihr erfahret, dass Ihr sie der Mutter dessen erwiesen, den Ihr liebt und um den Ihr leidet! Um seinetwillen liebe und segne ich Euch, tut auch mir um seinetwillen also!"

"O, ich habe es geahnet!" flüsterte Charitas und neigte sich demütigend wie vor einer Heiligen vor der Mutter des still und entsagend geliebten Mannes.

Nicht lange darauf, als die Abendglocke ausgetönt, läutete das Klosterglöckchen wieder, das die Sterbestunde und die letzte Oelung einer Nonne verkündete.

Aber obwohl es Ulriken galt, so zögerte doch der Tod noch zu ihr zu kommen. Ihr Beichtvater mit den knieenden Chorknaben, der Propst Kress, die Priorin, Charitas und ein paar andere Nonnen umgaben ihr Lager. Mit gefalteten Händen sass die Kranke aufrecht an das Kissen gelehnt, dass die hinter ihr knieende Charitas stützte, und atmete langsam und tief. Ihre Augen suchten im Kreise umher, ihre Lippen bewegten sich betend, aber Niemand verstand die leise geflüsterten Worte.

Eine Nonne öffnete mit langsamen Drucke die Tür und winkte durch die Spalte die Priorin hinaus. Es konnte nur etwas Wichtiges sein, das diese von dem Sterbebett einer hochgeehrten und wie eine Freundin geliebten Nonne rief.

Charitas atmete in banger ErwartungAhnung und Hoffnung röteten ihr immer blasses Gesicht.

Stille Minuten vergingen. Der Geistliche wiederholte seine Gebete, der Propst neigte sich teilnehmend über das Lager der Schwester und gönnte ihr aus einem so leidens- und entsagungsreichen Leben die Erlösung, auf die sie wartete; aber er senkte seine Augenlider, um die anklagenden Blicke nicht zu sehen, die aus ihren weitgeöffneten Augen kamen.

Jetzt trat die Priorin wieder einaber nicht allein.

In der Zelle war es schon ziemlich dunkel, doch draussen im Corridor glühte eben die Abendsonne noch mit ihrem letzten strahlenden Schein am dort gegenüberliegenden Bogenfenster. Der Strahl daraus fiel durch die geöffnete Tür, und im Feuer dieser Sonnenflamme stand ein Baubruder, und seine edle Gestalt hob sich davon wie von dem Goldgrund ab, welchen die damaligen Maler meist noch ihren Heiligenbildern zu geben pflegten.

Sehr verschieden war die wirkung seines Erscheinens auf die Anwesenden. Charitas errötete und faltete die hände zum innigen Dankgebet; der Propst stand versteinert vor Schrecken und machte eine abwehrende Bewegung, als könne er jetzt noch dadurch verhindern, was er für sich selbst, peinvoll genug, allein um Ulrich's Willen so lange verhindert hatte; die Nonnen neigten sich tiefer auf die gefalteten hände und schielten doch neugierig nach dem schönen mann; Ulrike aber breitete die arme aus wie nach einer überirdischen Erscheinung und rief lauter, als sie jetzt seit langer Zeit zu sprechen vermocht: "Mein Sohn! Ulrich! mein Sohn!"

Mit zwei Schritten war er an ihrem Lager, knieete davor, nahm ihre hände in die seinen und rief: "Meine Mutter! endlich sehe' ich Dich wieder! darf ich Deinen Segen empfangen!"

Sie legte ihre hände segnend auf seine Stirn und flüsterte: "Ulrich, welche Heilige führt Dich mir zu?"