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können! Und jetztwie war ihr denn bei dem Gedanken, dass vielleicht nur diese Klostermauer Mutter und Sohn von einander trennte. Nur! – ach, das war ja genug, das war ja eine Trennung für das ganze Leben! – Sie hatte ihren Sohn verlassen, um dem wiedergefundenen Mann ihrer Liebe zu folgenund da sie erkannte, dass sie damit ein Verbrechen begangen, das sie der Verzweiflung nahe brachte, da suchte sie für immer vor dem teuren Verführer, vor sich selbst und vor einem ganzen Leben voll Schmach und Hohn im ersten Augenblick nur bei dem Bruder, aber dann in diesem Kloster Schutz. Sie hatte den Tod gewünscht und darum gefleht in tausend heissen Gebeten; aber da er nicht von selbst kam und sie noch leben musste, so wollte sie doch tot sein für alles Leben ausser diesen geweihten Mauern, und in ihnen nur still büssen in Entsagung und Gebet, und warten, bis der Tod endlich komme sie zu erlösen. Dass auch ihr einziger Sohn in einem Kloster eine Freistatt gefunden, dass er dort eine bessere Erziehung fand, als wenn er bei ihr und dem rohen mann geblieben wäre, den er für seinen Vater hielt, das gereichte ihr zum Trost für sein und ihr Geschick. Wohl betete sie für ihn, als sie erfuhr, dass er ein Baubruder geworden; denn sie wusste wohl, wie viel schwerer es war, mitten im Leben allen Lockungen und Versuchungen desselben zu widerstehen, wie es so gleicher Weise seine Pflicht war, als wie ausserhvlb desselben in den bergenden Klostermauern; aber sie freute sich auch, dass ihn ein höheres Streben beseelte und er tätig mitalf an den unsterblichen Bauwerken, welche zur Ehre des Höchsten von geweihten Händen aufgeführt wurden. Ulrike hatte ihren Bruder des Jahres ein- oder zwei Mal gesehen und er ihr wohl erzählt, dass er Nachrichten von ihrem Sohn habe, wie er zum freien Steinmetzgesellen sei gesprochen worden und wie er sich auszeichne durch Geschicklichkeit seiner hände und Erhabenheit seiner Darstellungen; aber nie war davon ein Wort über seine Lippen gekommen, dass er ihn wiedergesehen, dass er hier sei in Nürnberg und nun ihr so nahe. Um jeden Preis musste sie nun mehr von ihm erfahren. Zwar, sie konnte es begreifen, aus welcher Absicht ihr Bruder das Alles verheimlicht. Er hatte es wohl denken können, dass eine Mutter mehr bei dem Gedanken leiden musste, ihren Sohn nicht wiedersehen zu dürfen, wenn sie wusste, dass er nur wenige Schritte von ihr entfernt weilte, als wenn sie sich durch eine Entfernung vieler Tagreisen von ihm getrennt sah, und dass aus guter Absicht geschehen, was sie doch wie einen Betrug an ihrem Mutterherzen empfand. Eben erst hatte sie es gegen die Novize ausgesprochen, wie schwer es sei, sich in ein Kloster einzuschliessen, wenn das Leben draussen auch nur noch e i n geliebtes Wesen habeund nun traf sie dieser Ausspruch wieder selbst mit seiner schmerzlichsten Gewalt, und das rein menschliche Gefühl, das jetzt in ihr zum Ausbruch kam, erfüllte sie doch mit dem Bewusstsein einer Sünde gegen ihr Gelübde: alle Bande zu zerreissen, die an die Welt sie knüpften, und allein dem Himmel und dem Dienst der Heiligen sich zuzuwenden.

Indess sie jetzt neben Charitas in die schmerzlichsten Gedanken versank und jetzt nicht mehr durch ihre Worte, sondern durch das krampfhafte Zucken ihrer Gesichtszüge, das Zittern ihrer ganzen Gastalt und die Tränen, die in ihren Augen glänzten, bestätigte, wie schwer auch im Kloster Seelenfrieden zu erringen, und noch schwerer zu bewahren sei, schreckte sie das Läuten des Glöckchens auf, das alle Klosterbewohnerinnen zum Abendgebet in die Kirche rief. Mit klopfendem Herzen und nassen Augen gehorchten Beide diesem Ruf, und damit war eine Unterredung ganz abgebrochen, die für die Eine wie die Andere eine so unerwartete Wendung genommen.

Am folgenden Tage sah sich Charitas vergeblich in der Kirche, im Garten und im Speisesaal nach der Schwester Ulrike umsie fehlte überall, und am Abend erfuhr Charitas auf ihr Befragen, dass sich die Nonne gestern im Garten erkältet habe und krank geworden, mitin in ihrer Zelle bleiben müsse. Als sie auch am nächsten Tage nicht erschien, erbat sich die Novize bei der Priorin die erlaubnis, der kranken Nonne als Pflegerin dienen zu können; die Bitte ward ihr bereitwillig gewährt.

Ulrike lag im Fieber, als Charitas zu ihr kam. Sie neigte sich über das Lager der Kranken, die ihre schmalen hände ihr froh überrascht entgegen streckte, noch freudiger gerührt, als die Novize erklärte, dass sie nicht nur für eine kurze Stunde komme, sondern um während ihrer Krankheit als Pflegerin ihre Zelle zu teilen.

So vergingen Beiden die Tage in innigster Gemeinschaft. Nur wenn die Glocke zur Kirche rief, folgte Charitas diesem Ruf aus der Krankenzelle, und zuweilen ward sie auf eine Nacht oder andere Tagesstunden von einer Nonne abgelös't, um selbst auch einige Ruhe zu haben, aber die meiste Zeit war sie doch an Ulrikens Krankenlager. Charitas vermied von Ulrich zu sprechen, denn sie hatte gleich erkannt, dass Ulrike durch ihre neulichen Mitteilungen in diesen Fieberzustand versetzt worden war, und sie musste fürchten, ihn durch ein Gespräch, welches das erste Mal eine so aufregende wirkung gehabt, zu erhöhen. Aber er steigerte sich auch ohnedies, und da sie bewusstlos in Fieberphantasien sprach, kam mehr als einmal der Name Ulrich über ihre Lippen, und zwischen Seufzern und Gebeten, wenn ihr helle Augenblicke kamen, erklärte sie,