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weiter nichts nützen könnten, ein Recht hätten, sich vor der Welt zu flüchten und in Klostermauern zu vergraben. Sie war immer bemüht neben der Wissenschaft auch der Kunst zu huldigen, und so hatte sie auch uns mit andern Nürnberger Jungfrauen um sich vereinigt, für die St. Lorenzkirche zu sticken. Diese Arbeit führte uns öfter in die Kirche und mit den daran bauenden Baubrüdern zu gemeinschaftlichen Beratungen zusammen. Von einem derselben hatte mein Bruder schon mit warmer Anerkennung, als von einem echten Künstler gesprochen, und als ich ihn selbst und seine Werke sah, fand ich Alles bestätigt. Da geschah es vor nicht langer Zeit, dass ein Gerüst am Turme zusammenbrach, und indess ein Baubruder in Todesgefahr auf dem Turme schwebte, eben jener sich selbst, um ihn zu retten, in noch viel grössere Todesgefahr begab. Da betete ich für sein Leben, und gelobte mich dem Kloster, wenn seine Tat gelingen und er das schwere Wagestück bestehen werdeund in der Verzweiflung, die ich bei der Gefahr dieses Einen mehr als bei der des Andern empfand, erkannte ich, dass ichdie noch nie einen Mann geliebt, die das nie für möglich gehaltendass ich diesen Baubruder liebe! – Hoffentlich hat weder ein blick noch ein Wort mich ihm verraten, aber da seine Tat gelang, so bin ich nun doppelt verpflichtet, mein Gelübde zu halten." Sie neigte ihr Haupt an Ulrikens Schulter und fühlte sich erschöpft von diesem geständnis.

"Unglückliches Mädchen!" rief Ulrike sanft; "ein Baubruder darf Eure Empfindungen nicht erwiedern, und wehe ihm, wenn er es trotzdem tut oder getan hat!"

"Nein, nein!" rief Charitas; "er ahnt nichts davon, er soll es niemals ahnen, nie erfahren! Aber was mich am meisten schmerzt, ist, dass Elisabet Scheurl ihn auch liebt und dass auch ihr gegenüber Ulrich von Strassburg vielleicht –"

Ein Schrei der Nonne unterbrach die Geständnisse der Novize. "Ulrich von Strassburg!" rief sie; "höre ich recht, Ulrich von Strassburg, sagtet Ihr wirklich so?"

"So nennt man ihn," antwortete Charitas und sah mit Bestürzung die plötzliche Aufregung der Matrone.

Mit gepresster stimme, der man die innere Bewegung anhörte, fragte diese wieder: "Schildert mir, wie er aussieht."

Errötend willfahrte Charitas: "Er ist lang und schlank gewachsen und von edler Haltung; seine blauen Augen strahlen von dem Feuer echter Begeisterung; seine Stirn ist sanft gewölbt und hohe Gedanken scheinen auf ihr zu tronen; sein Haar ist braun und üppig, er trägt es halblang und gescheitelt; seine Nase ist schön geformt, weder gross noch klein, mit der Stirn eine gerade Linie bildendgerade so wie bei Euch –"

Ulrike hatte mit Spannung zugehört. Die letzten Worte, die Charitas arglos sagte, nur um sich die Beschreibung zu erleichtern, erinnerten Ulrike daran, dass sie sich fassen müsse, wenn sie sich nicht selbst verraten wollte. Sie sagte darum: "Ich habe einen Knab en Ulrich gekannt, von dem ich hörte, dass er sich später als Baubruder nach seiner Heimat von Strassburg genanntich wusste nicht, dass er hier sei."

"Er baut seit zwei Jahren mit an der Lorenzkircheund jetzt wohnt er hier ganz nahe im Claragässlein," berichtete Charitas.

"Ganz nahe?" wiederholte Ulrike, und es war ihr, als müsse ihr das Herz zerspringen. "Wie hoch schätzt Ihr sein Alter?" fragte sie, um doch noch einen neuen Beweis für ihre plötzliche Entdeckung zu haben.

"Ich weiss es nicht genau," antwortete die Novize, "zwischen Fünfundzwanzig und Dreissig."

"Erzählt mir mehr von ihm," sagte Ulrike vor sich niederblickend, und sich besinnend fügte sie angstvoll die Frage hinzu: "Und Ihr sagtet, er sei seinem Gelübde untreu geworden und liebe eine Frau von Scheurl? – Mir dünkt, ich habe diesen Namen schon gehört."

"Da sei Gott vor, dass ich eine so schwere Anklage ausspreche," entgegnete Charitas – "ja vielleicht ist es Elisabet selbst gegangen wie mir, und sie hat ihr eigenes Gefühl auch erst da erkannt, als Ulrich in Todesgefahr schwebte, vielleicht noch nicht einmalaber ich habe es in ihr früher erkannt als in mir selbst."

"Ulrich in Todesgefahrvor Kurzemin meiner Näheund ich wusst' es nicht!" wiederholte Ulrike. "Erzählt mir mehr davon, wie Alles kam und was er tat!" bat sie mit eindringlich flehender stimme und Geberde.

Und Charitas gehorchte gern dieser Bitte. Sie gab eine beredte Schilderung jenes Ereignisses von dem Einsturz des Turmgerüstes, von Hieronymus' hülfloser Lage und Ulrich's Rettungswerk; sie schilderte ihn und seinen Heroismus im glänzenden Licht und das feierliche Te Deum, das man nach ihrer Rettung gehalten. Sie hatte auch des Propstes Kress mit dabei erwähnt als Ulrich's gönner.

Ulrike verlor kein Wort von dem Allen. Mit atemloser Angst folgte sie der Schilderung von Ulrich's Gefahran diesem Zug erkannte sie den Sohn, der schon als Knabe bereit gewesen mit Gefahr seines Lebens Andern beizustehen. Welche Empfindungen für eine Mutter, zu wissen, dass ihr einziger Sohn schon seit Jahren so in ihrer unmittelbaren Nähe lebte, ohne dass sie eine Ahnung davon gehabtdass er in derselben Stunde, in der sie vielleicht ruhig betete hätte sterben