spielen, kein Blatt getraute sich mit dem andern zu flüstern und zu säuseln und kaum ein Schmetterling zu einer Blume zu fliegen. Im Süden hatten sich drohende Gewitterwolken aufgetürmt und hingen über die hohen grauen Mauern herein, aber im Westen glühte ein sanftes Abendrot gleich einem Vorhange, den die sinkende Sonne zwischen sich und dem dräuenden Wetter gezogen. Ein einsames Vögelchen sass auf einer hohen blaugrauen Ulme, deren Wipfel die Klostermauern überragte. Es schaute und flatterte nach hüben und drüben und schien mit leise zwitschernden Stimmchen zu fragen: ob es sich besser wohne im Frieden dieses Gartens oder draussen im freien Wald, wo es viele Genossen gab, aber auch das tückische Feuerrohr beutelustiger Jäger, Netze und Stellhölzlein böser Buben, gierige Raubvögel und allerlei Fährlichkeiten.
Eine ältere Nonne hatte Charitas von fern mit teilnehmenden Blicken beobachtet. Jetzt trat sie zu ihr, reichte ihr die weisse magere Hand und sagte:
"Mein Kind, nützet die Tage wohl, die Euch zur Bedenkzeit gegeben sind! Ich höre, dass weder Elternnoch Verwandten-Wille, noch irgend eine äussere Not des Lebens Euch hierher gebracht, sondern dass Ihr aus freier Wahl begehrt hab't in unsere Gemeinschaft zu treten. Ehe Ihr es aber tut, prüfet Euch wohl, dass Ihr Euch selbst nicht betrüget!"
"Schwester Ulrike," antwortete Charitas mit einem dankenden Händedruck, "Ihr waret die erste, die mir ausser der Priorin in diesen Mauern mit milder Teilnahme entgegenkam. In Euren Zügen las ich auch den Himmelsfrieden, den ich hier zu finden hoffe, in Euch erblickte ich das Vorbild, dem ich nachzustreben mich bemühen will."
"Ich danke Euch für Eure gute Meinung," antwortete Ulrike mit sanfter Innigkeit und einem etwas fremd- aber wohlklingenden Idiom, das Charitas schon von einer andern person gehört, und das weit entfernt gut nürnbergisch zu lauten, ihr das wohlklingendste zu sein schien, das es geben konnte. "Ich wünschte wohl," fuhr Ulrike fort, "diese gute Meinung zu verdienen und ebenso, dass Ihr mir sie für die Dauer bewahren möchtet. Aber ich kann keinen Anspruch darauf machen; hinter mir liegt ein langes und reiches Leben voll Versuchung und Sünde, voll Kampf und Busse – nicht nur als eine Entsagende, als eine Büssende kam ich hierher. In zwölf Jahren voll Busse und Entsagung, die ich hier verbracht, hat sich zwar mein Sinn geläutert und ist mein Vertrauen auf die Gnade unsers Erlösers zu der festen überzeugung geworden, dass er allen Fehlenden vergiebt, wenn sie unablässig streben ihre Fehler abzulegen und zu sühnen, und die Tage, die mir hier unter Arbeit und Gebet verfliessen, ziehen nicht ungenützt für mein Seelenteil an mir vorüber; aber so lange es für uns in der Welt noch ein teures Wesen gibt – so lange, sage ich Euch, ist es nicht leicht sich in diesen Mauern lebendig zu vergraben und für das ganze Erdendasein aus seinem Lebenskreis gebannt zu bleiben."
Charitas errötete da sie diese Worte vernahm, und sah die Sprecherin derselben schmerzlich befremdet an.
Ulrike hatte vorhin die schwärmerischen blauen Augen niedergeschlagen, jetzt begegnete sie mit einem Lächeln den fragenden Blicken und sagte; "Vergesset nicht, dass eine alte Matrone zu Euch spricht. Mit fünfzig Jahren hat man andere Gefühle als Ihr mit zwanzig oder dreissig, aber ich kann noch beurteilen, wie man in jüngeren Jahren empfindet – und wenn es Bande auf der Welt gibt, die man auch im Alter nicht schmerzlos zerreisst, so sehet zu, dass Ihr nicht vielleicht nur weil ein kurzer Lebenstraum Euch zerstört ward, hier nur einen Zustand von Schlaf und Ruhe sucht – Ihr werdet ihn nicht finden!"
"Hört mich an! sagte Charitas, "ich will Euch Alles getreulich beichten – Ihr werdet dann auch sagen, dass ich nicht anders kann!" Ruhiger fuhr sie fort: "Mein Vater Pirkheimer war, wie Ihr vielleicht gehört habt, einer der angesehensten und reichsten Rechtsgelehrten dieser Stadt. Nichts mangelte den Seinen zum edelsten Genuss des Lebens, aber eben zu diesem befähigte er uns, seine Kinder durch den Unterricht, den er uns angedeihen liess. Wir Schwestern lernten mit unserem Bruder Willibald um die Wette, und kannten bald kein grösseres Glück, als mit ihm den Wissenschaften obzuliegen, und da er von uns schied, erst um zu dem Bischof von Eichstätt zu gehen, jetzt später um in Italien zu studiren, da dachte' ich schon immer, um wie viel glücklicher er daran war als wir Schwestern, da es genug Leute gab, welche uns aus unserer Gelehrsamkeit noch einen Vorwurf machten und sie unverträglich nannten mit der weiblichen Bestimmung. Dagegen lehnte ich mich frühe auf; ich fühlte weder Neigung noch Verpflichtung mich zu verheiraten, und der höchste Wunsch für mein Leben war eben nur der, in beschaulicher Stille mit meinen Büchern allein und ungehindert in meinen Studien zu sein. Meine Schwester Clara teilte diesen Hang, und da wir unsere Eltern verloren, Willibald aber in die Fremde zog, so haben wir still für uns nur den Wissenschaften gelebt. Schon zuweilen tauchte der Gedanke in uns auf: um das in der würdigsten Weise zu können, in dieses Kloster einzutreten, aber wir zögerten noch vor dem entscheidenden Schritt für das Leben, der dann nie wieder zurück zu nehmen ist. Vielleicht trug auch eine unserer trefflichsten Freundinnen Frau Elisabet Scheurl mit Schuld, dass wir zu keinem Entschluss kamen: denn sie meinte, dass nur ganz alte und gebrechliche Leute, die der Welt