dass er nun noch Angesichts des gewissen Todes vielleicht auf ihre Fürsprache sich berief – hatte er sie doch auch die Buhlerin des Königs genannt – ganz gewiss aber noch dafür sorgte, dass ihre Jugendgeschichte in einer Auffassung, welche für sie die demütigendste war, zum Nürnberger Stadtgeschwätze ward.
Alle diese Gedanken, Erinnerungen und Befürchtungen, die sie jetzt immer gehabt, summten mit Eins ihr durch das schon bis zum Uebermaass erregte Herz und Hirn, als ihr auch diese entscheidende Nachricht von Streitberg's Gefangennehmung so plötzlich gebracht ward und erpresste ihr den Schrei, der eine so falsche Deutung fand.
Aus dem an Ort und Stelle angestelltem Verhör kam nichts heraus, als dass Elisabet und Katarina wach gewesen in der Nacht und dass sich Beide verdächtig machten, weil ihre Stundenangaben differirten. Ein Commis behauptete, dass der Herr kurz vor Mitternacht nach haus gekommen, und dass er ihn im Corridor mit einer Frauenstimme habe einige Worte wechseln hören, die er nicht verstanden. Er habe auch Licht schimmern sehen, und da er später weiter nichts gehört, habe er sich auch nichts dabei gedacht; ob die weibliche stimme die der Frau Elisabet oder einer Magd gewesen, wisse er nicht zu sagen. Weiter hatte Niemand nur das Geringste bemerkt.
Elisabet und Katarina leugneten Beide den Herrn zur Nacht gesprochen zu haben, die Herrin mit ruhiger Würde, die Dienerin mit unruhiger Keckheit. Eine behauptete vor der Andern, dass sie wach gewesen.
Gegen Katarina sprach doch der stärkere Beweis von Elisabet's erster Aussage, dass sie von ihr erst nach einer Stunde einen verlangten Trunk habe erhalten sollen – und Katarina war ja auch nur eine fremde Dienstmagd. Man beschloss, sie mit und in Gewahrsam zu nehmen, und wenn sie nicht gestehe, durch die Tortur "in der Güte zu befragen", wie man die Anwendung der entsetzlichsten Marterinstrumente nannte.
Gegen die Hausherrin verfuhr man glimpflicher. Man verbannte sie nur in ihre eigenen Zimmer, und ordnete ihr unter der Bürgschaft ihrer Brüder, dass sie nicht entweiche, eine Wache zu – nur der Form wegen, wie man sagte, bis sich Alles aufgeklärt habe.
Elisabet fügte sich mit stummen Stolz dieser ihr edles Gefühl empörenden Handlung.
In Nürnberg aber verbreite sich mit Blitzesschnelle das Gerücht von Herrn Christoph Scheurl's plötzlichem tod – und dass er durch Gift gestorben, das ihm als Schlaftrunk beigebracht worden. Wer die Tat getan – darüber waren die Stimmen geteilt.
Die Einen meinten, eine Magd aus Regensburg, die erst seit ein paar Wochen angekommen, habe die Tat getan und sei darum verhaftet; die Andern aber sagten: Was hätte eine Magd für Vorteil von dem tod ihres Herrn? oder was könnte gerade diese an ihm zu rächen haben, die erst seit so kurzer Zeit im haus? Ist es doch ganz anders mit Frau Elisabet – die ist nun den alten Gatten los, den sie doch nur des Reichtums oder um ihrer Familie Willen geheiratet, und kann nun als die reichste und schönste witwe von Nürnberg nach ihrem Herzen freien und leben. Oder hat sie nicht gar schon einen Buhlen? – Man redete schon immer allerlei von ihr – aber freilich! wer hätte das gedacht, dass es so weit mit ihr kommen werde! Da sieht man, wohin Hochmut und Eitelkeit führen, der Eigendünkel und die Herrschsucht eines Weibes, das immer nur seinem eigenen Willen folgen wollte, alles anders und besser wissen und tun als andere ehrbare Frauen! –
Siebentes Capitel
Im Clara-Kloster
Mitten im lebenslustigen, geschäftig bewegten Nürnberg hatte doch der fromme weibliche Sinn, der allem eitlen Welttreiben für immer entsagen und in ein beschauliches, nur dem Dienst der Heiligen gewidmetes Stillleben sich zurückziehen wollte, eine sichere Zufluchtsstätte gefunden. Das Kloster der heiligen Clara, das auf der Lorenzer Seite recht im Herzen der Stadt sich erhob, war ein stilles Asyl, das gerade von den Jungfrauen der edelsten Geschlechter Nürnbergs gewählt ward, und darum auch nicht nur zu den reichdotirtesten, sondern auch zu denjenigen Klöstern gehörte, die noch den alten Ruf edler Sittenstrenge und wahrer Frömmigkeit bewahrten, wie auch den: Pflanzstätten der Künste und Wissenschaften zu sein.
Die Schwestern des Clara-Klosters waren wohl erfahren in allen weiblichen Handarbeiten, die Geschicklichkeit und Ausdauer erforderten. Sie stickten und webten herrliche Gobelins zum Schmuck ihrer Kirche, und sandten auch manche dieser arbeiten aus den Klostermauern hinaus. Viele Nonnen übten die Kunst der Miniaturmalerei, deren Gegenstände kleine Heiligenbilder waren, mit einer Kunstfertigkeit, die mit der der besten Nürnberger Meister wetteiferte. Andere befleissigten sich des Schreibens und Lesens, und waren im Lateinischen und Griechischen so zu haus, als sei es ihre Muttersprache gewesen. Gehörte doch auch die Bibliotek des Klosters ihre Studien zu begünstigen, sowohl durch die Zahl alter Handschriften als neuer gedruckter Bücher, mit zu den ausgezeichnetsten, welche die Stadt besass.
Charitas Pirkheimer hatte geeilt ihr Gelübde auszuführen und weilte bereits als Novize in diesem Kloster.
In dem von hohen Mauern umgebenen Garten desselben, über welche nur wirr und fern das Geräusch des Städtelebens herein schallte, ging Charitas einsam auf und nieder in stilles Sinnen verloren. Der entsagende Ausdruck, welchen ihr Gesicht immer gehabt, war nicht nur allein durch die graue Novizentracht erhöht, in welcher sie erschien, sondern durch Tränen der Wehmut, die in ihren Augen glänzten.
Der Abend auch erschien wie zum Sinnen und Weinen. Es war so still im Klostergarten, dass auch nicht das kleinste Lüftchen wagen konnte in den Zweigen der Bäume und Gesträuche zu